Arbeitslosigkeit: „Ich bin durch die Erwerbslosigkeit zur Sexarbeit gekommen, genauer gesagt durch Hartz IV“

Screenshot youtube.com

Das Amtssblatt des Hochsauerlandkreises über Prostitution ist aufschlussreich und gleichzeitig vielsagend: Ungefähr Dreiviertel der Informationen drehen sich um die Punkte Steuern und Abgaben. Die Fürsorgepflicht des Staates bekommt so, eine ganz besondere Note. Dabei ist das Thema sehr ernst: Behörden versuchen sozial schwache Menschen meist durch unterschwellige – zum Teil auch recht unverblümte – Methoden in die Prostitution zu vermitteln.

>>taz<<

„Die BA habe sich „dennoch aus grundsätzlichen Erwägungen dafür entschieden, keine Arbeitsvermittlung in diesen Bereich durchzuführen“, um nicht Prostitution zu fördern. Die Agentur wolle auch verhindern, dass Arbeitslose „nicht ungewollt“ mit solchen Jobangeboten konfrontiert werden. „Die individuellen Persönlichkeitsrechte werden über eine rechtlich zugelassene Beschäftigungsform gestellt.“ Es stellte sich daher auch „nicht die Frage nach leistungsrechtlichen Konsequenzen wegen Arbeitsablehnungen.“ Die örtlichen BA wurden aufgefordert, entsprechende Jobangebote und -gesuche abzuweisen und aus dem „virtuellen Arbeitsmarktportal“ zu löschen. Die Hamburger Anwältin Garweg prognostiziert Probleme im „Grauzonenbereich“ beispielsweise bei Jobangeboten als TänzerIn oder KellnerIn. Auch die BA räumt ein, dass in der Praxis eine Abgrenzung von „Prostitution zu vermischten oder angrenzenden Tätigkeiten im Erotikbereich häufig schwierig“ ist. „Soweit kein offensichtlicher oder eindeutiger Bezug zur Prostitution“ bestehe, sollen solche Stellen jedoch intern entgegengenommen werden.“

 

>>Berliner Kurier<<

„Als das Schreiben in meinem Briefkasten lag und ich es gelesen habe, habe ich meinen Augen nicht getraut“, sagt die Frau zum KURIER. „Ich habe ja schon so einiges erlebt mit dem Jobcenter, aber das hier hat echt eine neue Qualität. Nein, ich habe kein Interesse, für neun Euro die Stunde Dildos zu verkaufen! Erst recht nicht, wenn man mich mit der Androhung von Sanktionen dazu zwingen will!“

 

>>Merkur<<

„Eine „Rechtsfolgenbelehrung“ stellte Sabine R. vor die Wahl: Wenn sie sich weigert, den Job im Schmuddel-Gewerbe anzunehmen, würde das Arbeitslosengeld II um 60 Prozent gekürzt werden. Das berichtet express.de. „Bewerben Sie sich bitte umgehend schriftlich oder per E-Mail. Alternativ stellen Sie sich bitte umgehend persönlich vor,“ so die Forderung.“

 

>>Zeit<<

„Ich bin durch die Erwerbslosigkeit zur Sexarbeit gekommen, genauer gesagt durch Hartz IV. Nachdem ich ein halbes Jahr Leistungen bezogen und alle geforderten Weiterbildungen brav mitgemacht hatte, kam eine Mitteilung des zuständigen Jobcenters: die Leistungen nach dem zweiten Sozialgesetzbuch würden vorübergehend ausgesetzt. Wir seien vermögend, womit unser noch nicht abbezahltes Eigenheim gemeint war. Rund vier Wochen nach dieser Hiobsbotschaft bekam ich nach langem Suchen einen Arbeitsvertrag: Callcenter in der benachbarten Großstadt. Teilzeit, 80 Stunden im Monat, 7,50 Euro pro Stunde. Kein Traumjob, aber besser als nichts. Das Problem war: Die Monatskarte für den öffentlichen Personennahverkehr kostete 70 Euro. Das Geld hatte ich nicht, und
 mein Antrag auf Mobilitätsbeihilfe beim Jobcenter wurde abgelehnt. Dann bekam ich ein unmoralisches Angebot – und griff zu.“

 

>>BG45 Hartz4-Netzwerk-Essen<<

„Als Leistungsberechtigter einen Bescheid vom JobCenter zu erhalten, ist ja eigentlich der Normalfall. Worüber aber die Erwerbsloseninitiative Hartz IV Betroffene e.V. aus Potsdam in Form einer Pressemitteilung berichtet, ist schier unglaublich. Ein JobCenter hat diverse Bescheide erlassen, mit denen eine Leistungsberechtigte allem Anschein nach unterschwellig zur weiteren Ausübung der Prostitution aufgefordert wurde. Wenn man die Pressemitteilung aufmerksam liest, kommt man tatsächlich zu dem Ergebnis, dass die vom JobCenter erlassenen Bescheide einen mehr als bitteren Beigeschmack haben und der Vorwurf von Hartz IV Betroffene e.V. vermutlich zutreffend ist.“

 

>>Focus<<

„Es ist das Leben, von dem mancher Jugendliche in Berlin-Neukölln träumt: riesige Fernseher in schicken Wohnungen, Cabriofahren durch die Sonnenallee und nachts nah dran an den fast nackten Mädchen beim Tabledance in den Clubs. Es ist das Leben, das Ali „Toni“ Hamady führt, Chef eines arabischen Clans in Neukölln. Seine Leute kontrollieren die „4 Blocks“, die der Serie des Bezahlsenders TNT den Namen gab und die ab dem 8. Mai zu sehen ist. „Mädchen, Casinos, Koks, Schutzgeld“, so beschreibt eines der Bandenmitglieder das lukrative Geschäft. Dass dabei viel Blut fließt, Menschen gefoltert und umgebracht werden und mancher Schläger, Dealer oder Mörder im Gefängnis landet, ist unvermeidlich. … Der Nordteil des Bezirks an der Grenze zu Kreuzberg gilt in der Realität schon lange als schwieriger Ort mit einem hohen Anteil an Migranten, viel Kriminalität und arabischen Clans, die hinter Überfällen und Morden in der ganzen Stadt stehen. Auf dem Bildschirm kommt alles romantischer und glorifizierter rüber als in der Wirklichkeit. … Andererseits zeigt sich die Serie in manchen Details nah dran an den realen Strukturen. Durch das Neukölln von „4 Blocks“ dröhnt Gangster-Rap („Wir sind keine Gang, wir sind Familie“). Der Clan-Nachwuchs saust per Roller durch die Sommerkulisse, um das Drogengeld von den schwarzen Dealern im Görlitzer Park einzukassieren. Die mittlere kriminelle Ebene bezieht Hartz IV, fährt teure Limousinen und trägt viel Gold, während die Wortwahl nicht immer elaboriert erscheint: „Wie wäre es, wenn du mich mal wieder fickst?“ Die Drogenfahnder stochern dagegen oft im Dunkeln, und der Anwalt der Familie sieht richtig teuer aus.“

Die Eintrittspforten zu Prostitution sind häufig Berufe als Kellnerin oder Verkäuferin in jenen – nach Maßstäben des gesunden Menschenverstandes – spezifischen Branchen. Nach dem Einstieg befindet man sich in einen Milieu aus den man nicht mehr so leicht heraus kommt: Weil dort häufig eigene Gesetz herrschen und eine zerstückelte Sexarbeiterin in einen Kanal ist heutzutage nur eine unbedeutende Fußnote – die nur die allerwenigsten zur Kenntnis nehmen.

 

 

 

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