Befehlsverweigerung: Form des höheren Pflichtbewusstseins

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Zwischen Franz Stigler und Charles Brown fand im Zuge des Zweiten Weltkriegs am 20. Dezember 1943 im deutschen Luftraum eine denkwürdige Begegnung zweier formal feindlich-gesinnter Piloten statt. Die B-17 war bereits durch schweres Flakfeuer stark beschädigt und einige Besatzungsmitglieder entweder tot oder verwundet, trotzdem schoss Pilot Franz Stigler mit seiner Messerschmitt Bf 109 das leichte Ziel nicht ab: Stattdessen begleitet er die beschädigte Maschine befehlswidrig Richtung Nordsee.

Screenshot michaeldevillier.blogspot.com

Was sich auf den ersten Blick anhört, wie eine bizarre Anekdote des Zweiten Weltkrieg stellt mitnichten einen isolierten Einzelfall da. Es sind zahlreiche Fälle belegt, wo nicht nur gegen geltende Befehle verstoßen wurde, sondern die Protagonisten riskierten bei ihren getroffenen Entscheidungen Kopf und Kragen. Allerdings diese Form des höheren Pflichtbewusstseins ist keineswegs auf den Zweiten Weltkrieg beschränkt, sondern hat eine lange Tradition, die weit jenseits vor der NS-Zeit zu verorten ist.

>>Welt<<

“Das Gleiche gilt für den entscheidenden Angriff seines Kavalleriegenerals Friedrich Wilhelm von Seydlitz. Obwohl Friedrich ihm ausdrücklich und mehrfach befohlen hatte, mit seinen Reitern zur Unterstützung des preußischen Zentrums vorzugehen („er haftet mit seinem Kopf für den Ausgang der Schlacht“), hielt der 37-Jährige – wie ein Jahr zuvor beim sächsischen Roßbach gegen Franzosen und Reichsarmee – seine Truppe zurück und wartete den richtigen Augenblick ab. Dann attackierte er mit seinen 50 Schwadronen den vordringenden rechten Flügel der Russen und warf ihn zurück. Friedrich akzeptierte die Befehlsverweigerung. Überliefert ist die Anmerkung an einen englischen Beobachter: „Ohne diesen hier (Seydlitz) stünde es heute schlecht um uns.“ Seydlitz’ eigenmächtiges Verhalten gilt als frühes Beispiel für die preußisch-deutsche Auftragstaktik, nach der einem militärischen Führer größtmögliche Freiheit bei der Ausführung seines Auftrags zugestanden wird.”

Screenshot ammermann.de

>>Zeit<<

“Lange hat der preußische General von Yorck gezögert. Doch dann entscheidet er sich für den Ungehorsam – und verbündet sich im Dezember 1812 in der Konvention von Tauroggen mit den Russen gegen Napoleon.”

 

>>Welt<<

“Trotz dieses munteren Tones war Yorck klar, dass ihn seine Eigenmächtigkeit das Leben kosten konnte. Noch am Abend des 30. Dezember schrieb er an König Friedrich Wilhelm III.: „Euer Majestät lege ich willig meinen Kopf zu Füßen, wenn ich gefehlt haben sollte; ich würde mit der freudigen Beruhigung sterben, wenigstens als treuer Untertan und wahrer Preuße gefehlt zu haben.“ Der König reagierte zwar mit den Worten „Da möchte einen ja der Schlag rühren!“, als er von Yorcks Tat hörte, ließ ihn dann aber wissen, er möge gemäß den Umständen handeln. Die Konvention von Tauroggen leitete den allgemeinen Befreiungskampf gegen die napoleonische Fremdherrschaft ein. Yorck und Diebitsch nahmen daran entscheidenden Anteil. Beide wurden später zum Generalfeldmarschall ernannt und in den Grafenstand erhoben.”

So ganz stimmen die Ausführungen nicht: Denn in Wahrheit wurde sehr wohl eine Delegation entsannt um den abtrünnigen Offizier York zu verhaften – diese fingen allerdings die Russen – vor – erreichen ihres Ziels ab. Die Folge: Um nicht das Gesicht zu verlieren, votierte der König für seinen General York. So kam die folgenschwere Konvention von Tauroggen zu Stande und leitete letztendlich das Ende der Herrschaft Napoléons ein.

>>Welt<<

“Für Optimismus war ihm nun längst jeder Anlass genommen, und wo es noch Kampfeslust gab, so richtete sie sich gegen ihn selbst. Spätestens seit dem 4. November, vor 90 Jahren. Arbeiter- und Soldatenräte hatten, zuerst an jenem Tag in Kiel, anschließend binnen weniger Tage überall im Reich – noch Kaiserreich – die Macht übernommen. Am 9. November aber hatte Reichskanzler Max von Baden die Abdankung des Kaisers bekannt gegeben. Nicht zuletzt Reinhard Scheer selbst hatte daran, dass alles zuletzt so schnell ging, gehörigen Anteil. Er war der Betreiber jenes berüchtigten Flottenbefehls vom 24. Oktober, mit dem die Seekriegsleitung ihr gesamtes großes Gerät noch einmal zur Grand Fleet der Briten schicken wollte, auf die Nordsee, zu einer Art zweitem Skagerrak – ein Befehl, der die Matrosen auf die Barrikaden rief. Ausgearbeitet hatte den Plan Konteradmiral Adolf von Trotha, ihm schwebte eine „letzte Entscheidungsschlacht“ vor, „auch wenn sie ein Todeskampf wird“. Intern machte sich die Flottenführung nichts vor: „Wenn auch nicht zu erwarten ist, das hierdurch der Lauf der Dinge eine entscheidende Wendung erfährt, so ist es doch aus moralischen Gesichtspunkten eine Ehren- und Existenzfrage der Marine, im letzten Kampf ihr Äußerstes getan zu haben.“ Düstere Aussichten für die Matrosen und Heizer, die noch an die Schlacht vorm Skagerrak denken mussten, wo bereits 8500 von ihnen auf beiden Seiten an Deck oder tief unten im Schiffsbauch elend zu Tode gekommen waren. So düster, dass die Website der Deutschen Marine heute in ihren Geschichtsbetrachtungen sich jeglicher Kritik an der damaligen Meuterei enthält. So düster auch, dass eigentlich selbst Admiral Scheer den Lauf der Dinge hätte ahnen können.”

Auch im Zuge der Leipziger Montagsdemonstrationen 1989 weigerte sich ein Teil der 1.200 Unteroffiziersschüler den Protest nieder zu schlagen und solidarisierten sich damit teilweise mit den Demonstranten, was natürlich auch dafür sorgte: Die SED-Führung war schlicht gezwungen irgendwie auf diese Ereignisse reagieren. Was erheblich dazu beitrug, dass ein Umbruch am Ende der DDR überhaupt stattfinden konnte.

>>Bundeswehr<<

“Am 20. Juli ließ Stauffenberg eine Bombe direkt neben Hitler explodieren. Das Attentat scheiterte jedoch aus verschiedenen Gründen. Die Attentäter wurden hingerichtet. Auch die Attentäter hatten den Eid auf Hitler geleistet. Aber sie sahen, dass der Krieg verloren war und hofften auf eine vorzeitige Beendigung – zumindest mit den Westalliierten. Sie sahen die große Zerstörung, die der Vernichtungskrieg in Osteuropa anrichtete. Letztlich wollten sie vor allem die deutsche Bevölkerung vor einem Krieg schützen, der nicht mehr zu gewinnen war. Die Überzeugung, das Richtige zu tun, machte die Männer des 20. Juli stark, ihr Gewissen über ihren Gehorsam zu stellen. Aus dieser Idee ist der gewissengeleitete Gehorsam entstanden, der immer noch ein Prinzip der Inneren Führung ist. Kein Befehl, der unrechtmäßig ist oder gegen das Völkerrecht verstößt, darf von Soldaten ausgeführt werden. Ihr eigenes Gewissen steht immer über dem Gehorsam.”

Für die Republik Frankreich ist das Konzept der >>Résistance<< identitätsstiftend, womit die Bundeswehr mit ihrer “Überzeugung, das Richtige zu tun” korrespondierend >>inneren Führung<< keineswegs allein auf weiter Flur da stehen.

 

 

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