Das Wesen der Sprachpolizei und Einzug der modernen Inquisition

Screenshot youtube.com

Den Antiken Philosophen >>Sokrates<< wurde am Ende seines Lebens der Prozess gemacht und wählte schlussendlich den Tod. Eines der Anklagepunkte war sein Umgang mit Begriffen und gefährliche Wortverdreherei. In modernen Zeiten sehen die Verhältnisse kaum besser aus.

>>Meedia<<

“Auslöser des Streites ist das Buch „Finis Germania“ des im Herbst 2016 verstorbenen Historikers Rolf Peter Sieferle. In der Liste der „Sachbücher des Monats“, die von der Süddeutschen Zeitung und dem NDR seit gut 15 Jahren veröffentlicht wird, tauchte das umstrittene Werk im Juni-Ranking auf Platz neun auf. Eine 25-köpfige Jury erstellt die Tabelle nach einem Punktesystem. … Bis zur vollständigen Aufklärung der Frage, wie es zu der Empfehlung der Jury kommen konnte, wollten die Hamburger die Zusammenarbeit mit der Jury aussetzen. Der bisherige Erkenntnisstand inklusive des Saltzwedel-Rücktritts reicht dem NDR allerdings noch nicht, um die Kooperation wieder aufzunehmen.”

 

>>Staatsrundfunk “Norddeutscher Rundfunk” <<

“Zusammen mit der “Süddeutschen Zeitung” veröffentlichte NDR Kultur bisher regelmäßig die “Sachbücher des Monats”. Nun hat NDR Kultur die Zusammenarbeit mit der Jury bis auf Weiteres ausgesetzt. Mit der Empfehlung von “Finis Germania” von Rolf Peter Sieferle in der Juni-Liste hat die Jury eine gravierende Fehlentscheidung getroffen, die für NDR Kultur nicht tragbar ist.”

Über das besagte Buch „Finis Germania“ kann sich jeder beim lesen sein eigenes Urteil bilden, aber unbestreitbar unterliegt der ganze Posse um die vermeintliche Bestsellerliste einen gewissen Unterhaltungsfaktor. Also, eine 25-köpfige Jury wählen die Sachbücher des Monats aus und bei der vermeintlich geheimen Abstimmung hat ein Jury-Mitglied “falsch” abgestimmt und die Identität desjenigen “Abweichlers” ist dummerweise auch noch heraus gekommen. Nun Distanzieren sich alle von allen und niemand will mehr mit irgendjemanden zusammenarbeiten. Und die Frage, was die vermeintlichen “Sachbücher des Monats” oder “Bestseller” des Staatsrundfunks mit dem echten Verkaufsschlagern von Büchern zu tun haben, wird sogleich auch noch beantwortet. Die fiktiven Schildbürger hätten es kaum besser machen können.

>>Südkurier<<

“Das sagt die Büchereileiterin: Regina Hofmann leitet seit 36 Jahren die Bad Dürrheimer Bücherei. Sie sagt, sie habe bislang immer nach Quotenvorgabe Bücher aussortiert und sei dazu auch weiterhin bereit gewesen. „Im vergangenen Jahr habe ich 500 Bücher aussortiert.“ Und je nach Etat aus dem städtischen Haushalt hat sie neue gekauft. Überrascht und entsetzt ist sie noch immer über das Vorgehen. Denn die Aktion wurde gerade an ihrem ersten Urlaubstag, dem 27. Juli, gestartet und ließ sich von Seiten des Regierungspräsidiums (RP) nicht verschieben. Regina Hofmann schloss den Mitarbeitern die Bücherei auf, bot Hilfe an, diese wurde jedoch abgelehnt, sie weggeschickt. Während ihres Urlaubs wurde sie von Bücherei-Nutzern angerufen und sie erschrak, als sie das Ausmaß sah. Noch immer ist ihr der Schock anzumerken. … Bei Kinder- und Jugendliteratur weist die Bibliothekarin darauf hin, dass einige Bücher in alter Rechtschreibung verfasst seien, „wobei die richtige Schreibweise gerade für Kinder wichtig ist.“ Außerdem sei das so genannte Wording, also die Formulierung, in einigen Büchern nicht zeitgemäß. Christina Kälberer nennt etwa das Wort „Neger“, das noch in Klassikern vorkomme.”

Screenshot suedkurier.de

>>taz<<

Seit die taz vor vier Wochen darüber berichtet hat, dass aus der Neuauflage der „Kleinen Hexe“ von Otfried Preußler der Ausdruck „Neger“ gestrichen werden soll, tobt ein heftiger Streit. Die Sprachschützer gehen auf die Barrikaden, pochen auf Werktreue und wollen das Wort unter Artenschutz stellen. Vor allem schwarze Deutsche fühlen sich dadurch diskriminiert.

Der Autor des Buches die Kleinen Hexe“ kann sich dagegen nunmehr schlecht wehren, denn Otfried Preußler ist schon seit einigen Jahren tot. Besonders das Argument mit der alten Rechtschreibung scheint wohl sehr weit hergeholt. Amtliche Schreiben, bisweilen sogar Gerichtsurteile strotzen nur so vor Rechtschreibfehler unabhängig, ob man neue oder alte Rechtschreibung zu Grunde legt. Hinzu kommt, die bewusste Verwendung von Anglizismen – insbesondere der englischen Sprache – nehmen haarsträubende Ausmaße an. Ganze Behörden wie “Jobcenter” werden danach benannt und ausgerechnet an diesen Punkt machen sich Beamte große Sorgen um die Rechtschreibung von Kindern? 

>>Verwaltungsgericht Gießen – 4 K 2911/13 GI <<

“Zwar hat das Gericht erhebliche Zweifel daran, dass es sich bei dem Beklagten um eine Behörde oder Bundeseinrichtung handelt. Nach § 23 Abs. 1 VwVfG ist die Amtssprache und nach § 184 GVG ist die Gerichtssprache deutsch. Bei der Bezeichnung „Jobcenter” handelt es sich indes gerade nicht um eine aus der deutschen Sprache herrührende Begrifflichkeit. Von daher ist mehr als fraglich, ob eine unter dem Begriff „Jobcenter” firmierende Einrichtung eine deutsche Verwaltungsbehörde sein kann Dies gilt ungeachtet dessen, dass im Bereich der öffentlichen Aufgabenwahrnehmung in letzter Zeit vermehrt Anglizismen und andere Fremdworte Einzug gefunden haben, denn einer ordentlichen hoheitlichen deutschen Verwaltung ist auch eine deutsche Begrifflichkeit immanent. So gibt es in Hessen derzeit das „HCC— Hessisches Competence Center”, „Hessen Mobil”, „Hessisches Immobilienmanagement” und auch bundesweit den Begriff „Agentur für Arbeit”, was aber noch nicht belegt, dass hiermit auch tatsächliche deutsche Verwaltungsbehörden gemeint sind; denn diese Bezeichnungen können auch unschwer mit aussagekräftigen, althergebrachten und einprägsamen Wörtern der deutschen Sprache belegt werden, etwa mit „Hessische Buchungsstelle”, „Hessisches Landesamt für Straßen- und Verkehrswesen”, „Hessische Liegenschaftsverwaltung” oder schlicht „Arbeitsamt”, wie es früher auch üblich und – besser- verständlich war. Einer alten Verwaltungsstruktur einen Fremdnamen zu geben modernisiert weder die Verwaltung noch gibt es andere Notwendigkeiten zur Verwendung fremdsprachlicher Begrifflichkeiten. Auch in der Gerichtsbarkeit findet vermehrt der Ausdruck „E-justice” Verwendung, was ebenfalls auf ein fehlendes oder aber zumindest fehlerhaftes deutsches Sprachbewusstsein schließen lässt, denn justice bezeichnet gerade den altbewährten Begriff Gerichtsbarkeit. Dankenswerter Weise darf das Gericht noch als Verwaltungsgericht entscheiden und muss sich —noch- nicht „administrative court” nennen und auch der HessVGH muss noch nicht als „hessian administrative court of appeal” Recht sprechen. Aus Sicht des Gerichts haben derartige Anglizismen oder andere Fremdworte weder in der deutschen Gerichtsbarkeit noch im deutschen Behördenaufbau einen Platz.”

Neben Anglizismen der englischen Sprache hält ebenso die umstrittene “Gendergerechtigkeit” allerorten Einzug.

>>Spiegel<<

“Oft wird gar nicht gegendert. Große Gesetzestexte wie das Strafgesetzbuch sind im herkömmlichen Sprachgebrauch geschrieben. Wie integriert man eine Änderung? Das ganze Strafgesetzbuch umschreiben und jedem Täter eine Täterin zur Seite stellen? “Verständlichkeit geht vor Gendergerechtigkeit”, sagte Thieme, die einen erfrischend pragmatischen Eindruck macht. Das passt zur Hausherrin, die sich mit “Frau Minister” anreden lässt.”

Im Paragraph 40 des Arzneimittelgesetzes beinhaltet ein einziger Satz 2.703 Zeichen und das bereits lange vor der Einführung der gendergerechten Sprache in die Juristerei. Nicht nur Gesetzestexte und gewöhnliche Bücher sind hiervon betroffen, allenthalben auch heilige Schriften – wie die Bibel. Ohnehin sind religiöse oder juristische Texte bereits aktuell nur bedingt verständlich, obwohl für letzteres sogar eine einfache Verständlichkeit vorgeschrieben ist. Natürlich ist Sprache kein historisches Artefakt, was in irgendeiner Vitrine eines Museums vor sich hin verstaubt. Denn es kommen wie Computer oder beliebige gesellschaftliche Entwicklungen immer wieder neue Begrifflichkeiten zwangsläufig hinzu. Allerdings handelt es sich um einen völlig anderen Sachverhalt: Wenn von oben verordnet neue Wörter Einzug halten und weswegen sogar ganze Beständen an Büchern der Vernichtung zugeführt werden. Besonders die Verbrennung von Schriften – teilweise Texte auf Papyrus – waren schon immer in der Geschichte, mindestens seit den Ende der Antike, böse Vorboten von besonders schlimmen Zeiten.

 

 

 

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