Der lange Schatten der Agenda 2010

Screenshot madartistgroup.com/

Die Agenda 2010 wird noch heute von manchen Protagonisten von damals als vermeintlicher Erfolg gefeiert. Die sich daraus ergebenden sozialen Folgen kommen dabei gar nicht oder bestenfalls am Rande zur Sprache.

>>Facebook – anonymer Polizist<<

“Der von Ihnen geplante G20 setzt all diesen Dingen jedoch die Krone auf. Allein die Kosten, die vermutlich erst nach dem Gipfel abzusehen sein werden, sind eine einzige Frechheit. Soll allein die GeSa (Gefangenensammelstelle) tatsächlich über vier Millionen Euro kosten? Ihr Ernst?  Ich lade Sie gern ein, wenn Sie noch einen Programmpunkt zwischen teurem Essen und Konzertbesuch frei haben, mal eine Schicht im Streifendienst zu begleiten. Schauen sie sich gern Familien am Rande der Gesellschaft an, die wir in polizeilichen Einsätzen oft erleben.  Die Menschen, die ohne Obdach auf der Straße (er)frieren, oder die, die sich beim Discounter um die Ecke eine Packung Toastbrot und Käse klauen, um den Kindern Brote für die Schule zu machen. Ist es tatsächlich ihr Ernst, solche Schicksale tagtäglich zu dulden, um an zwei Tagen Milliarden von Euro für Ihr belangloses Stelldichein zu verschwenden, die in unseren sozialen Systemen besser angelegt wären? “

Die genannten sozialen Verwerfungen haben natürlich Ursachen und grundsätzlich stellt sich ein Problem bereit an Anfang der Analyse: Die amtlichen genannten Zahlen haben eine starke Neigung, die allgemeine Lage zu beschönigen und erst der zweite prüfende Blick offenbart – die realen Zustände.

>>Gegenblende<<

“Folgt man den öffentlichen Verlautbarungen von Politik und Presse sieht die Lage auf dem Arbeitsmarkt bestens aus: Vollbeschäftigung sei fast erreicht, es vollziehe sich seit zehn Jahren ein Beschäftigungswunder. Eine aktuelle Studie des Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) kommt jedoch zu einem ganz anderen Ergebnis: Das deutsche „Beschäftigungswunder“ basiert zum erheblichen Teil auf einer Zunahme der atypischen Beschäftigung. Prekäre Beschäftigungsformen plus reguläre Teilzeit sind zusammen für 77 Prozent aller seit dem konjunkturellen Tiefpunkt im Jahr 2004 neu entstandenen Arbeitsverhältnisse ausschlaggebend.”

 

>>Manager Magazin<<

“Wir finden keine Fachkräfte mehr.” Ich höre diesen Satz täglich mindestens drei oder vier Mal von Unternehmen und Personalern aus ganz Deutschland. Dabei unterscheidet sich die Interpretation von “Fachkräften” teilweise erheblich. Die wunderbare Geschichte vom Fachkräftemangel wird allerdings nicht in den Betrieben geschrieben. Politiker und Lobbyisten haben sich diese Märchengeschichte ausgedacht. … Im Dezember erschien die so genannte Fachkräfteengpassanalyse der Agentur für Arbeit. Gleich auf Seite 4 findet der Leser eine erstaunliche Information, die vielen in Politik und Lobbyverbänden nicht wirklich schmecken dürfte: “Aktuell zeigt sich nach der Analyse der Bundesagentur für Arbeit kein flächendeckender Fachkräftemangel in Deutschland.”  Festgestellt wird lediglich, dass es in manchen Regionen und Branchen schwieriger ist gute Arbeitskräfte zu finden als in anderen. Das liegt in der Natur der Sache: Ein IT-Dienstleister im tiefsten Allgäu wird mehr Probleme haben, als sein Konkurrent in München, Köln oder Hamburg. Das aber ist nichts Neues. … Es muss dringend ein Umdenken in unserer Gesellschaft stattfinden. Wir müssen es schaffen, dass wir auch Menschen ohne jahrelanges Studium fair bezahlen.”

 

>>Focus<<

“Staatliche Hilfe bekommen zudem Senioren, die ihre Rente aufstocken müssen oder Menschen, die trotz Arbeit in Armut leben. Auch 1,7 Millionen Kinder sind auf Hartz-IV angewiesen.  Obwohl die Arbeitslosigkeit derzeit so niedrig ist wie seit 1991 nicht mehr, erhielten im Mai 2016 laut Bundesagentur für Arbeit insgesamt 6,91 Millionen Menschen Arbeitslosengeld oder Hartz-IV-Leistungen. Das sind fast zweieinhalb Mal so viele Menschen wie vor 25 Jahren. Diejenigen, die freiwillig oder unfreiwillig auf Hilfen verzichten, sind dabei nicht einmal eingerechnet.”

Insgesamt hat die durchgeführte Agenda 2010 zu zwei Faktoren geführt. Zum Einem, wurde reguläre Arbeit massiv verdrängt und an diese Stelle trat ein bis zu diesem Datum unbekanntes Ausmaß an prekärer Beschäftigung. Genau jener Umstand wird bis heute in unterschiedlichen Ausprägungen als neuzeitliches “Wirtschaftswunder” von offiziellen Stellen beworben. Zum Anderen, sorgten insbesondere die Hartz-Reformen für enorme finanzielle Einbußen und rechtliche Schlechterstellung bei Arbeitslosen. In der – im Jahr 1965 – ratifizierten Europäischen Sozialcharta hatten einst verschiedene Staaten Europas die Rechte auf Arbeit und soziale Sicherheit festgeschrieben, was ohne Zweifel lange her ist und kaum jemals praktische Auswirkungen gehabt hat.

 

 

 

Share on StumbleUponFlattr the authorBuffer this pageShare on LinkedInShare on TumblrPrint this pageEmail this to someonePin on PinterestShare on Google+Tweet about this on TwitterShare on FacebookShare on VK

Andere interessante Beiträge

Werbung

table-layout
Bild: getdigital.de
Bild: getdigital.de
Bild: getdigital.de
Loading...

2 Trackbacks & Pingbacks

  1. Sinkender Lebensstandard: Der innere Wert geleisteter Arbeit - Lausitzer Allgemeine Zeitung
  2. Die Ursachen der Energiekrise - Lausitzer Allgemeine Zeitung

Kommentare sind deaktiviert.

Scroll Up