Die neuzeitliche Erosion in der Debattenkultur

Screenshot en.wikipedia.org

Unterschiedliche Meinungen zu einem Sachverhalt zu haben und darüber zu diskutieren ist eine Eigenschaft, welche ausschließlich dem Menschen vorbehalten ist. Für Außenstehende kann eine sachliche Debatte zwischen zwei Parteien sicherlich Erfrischend und Aufschlussreich sein. Diese Prämisse gilt aber nur: Wenn andere Sichtweisen auch zugelassen werden.

>>Staatsfernsehen „Westdeutscher Rundfunk“ <<

„Die Diskussion um Fakenews in sozialen Medien ist auch deshalb so wichtig, weil es dabei nicht nur um den Präsidentschaftswahlkampf in den USA geht. Nächstes Jahr wählt Deutschland einen neuen Bundestag – und mit Sicherheit werden wir dann wieder mit diesem Thema zu kämpfen haben. Es wäre für die deutschen Nutzer übrigens keine neue Erfahrung; Fakenews gab es auch schon zu Hochzeiten der Flüchtlingsdebatte.“

Es waren in Wirklichkeit illegale Wirtschaftsmigranten und keine Flüchtlinge – denn jener Flüchtlingsstatus wird – wenn überhaupt – erst nach einem langen und aufwendigen bürokratischen Prozess amtlich zuerkannt. Die Hysterie des Staatsfernsehen rund um das Thema ist in Wahrheit durch andere Gegebenheiten begründet.

>>MEEDIA<<

„Der Ton gegenüber Journalisten sei deutlich aggressiver geworden, sagt Anja Reschke. „Das merken Journalisten überall“. Dunya Hayali zum Beispiel erzählt, wie ihr vor wenigen Tagen mitten auf der Straße „Lügenpresse, Lügenfresse“ entgegen gebrüllt worden sei. … Im Oktober 2015 stimmten 44 Prozent der Befrgaten einer Forsa-Umfrage der Aussage „Die von oben gesteuerten Medien verbreiten nur geschönte und unzutreffende Meldungen“ zu. 40 Prozent sind mit den Medien generell unzufrieden.“

Screenshot sueddeutsche.de

>>Norbert Bolz<<

„Diskussion“ ist hier vielleicht ein zu harmloses Wort. Es geht schon um ein verzweifeltes Rückzugsgefecht der klassischen Massenmedien, die erfahren müssen, dass immer mehr Menschen an ihrer Glaubwürdigkeit zweifeln. Hinzu kommt, dass sich viele Journalisten als Oberlehrer der Nation missverstehen – und das lassen sich viele Menschen nicht mehr bieten. Die Objektivität der Medien steht also nicht nur „erkenntnistheoretisch“ zu Debatte. Man hat als Leser oder Zuschauer immer häufiger den schlechten Geschmack der Manipulation auf der Zunge.“

Die Analyse bekommt erst mit der Implikation der politisch-gewerkschaftlichen Verhältnisse ein abgeschlossenes Bild.

>>Deutscher Gewerkschaftsbund<<

„Inzwischen hat diese Erosion auch die politischen Parteien erreicht. Eine politikwissenschaftliche Untersuchung von Karsten Grabow aus dem Jahr 2000 zeigt: Die dünne, fast skeletthafte Struktur der Parteien in den neuen Bundesländern – mit Ausnahme der alten PDS, aber das ist eine Ausnahme, die es in wenigen Jahren nicht mehr geben wird – ist die Zukunft der Volksparteien im Westen. Der Mitgliederschwund hat bereits auf breiter Front eingesetzt, und bald werden die Mitglieder der Parteien nicht mehr genügen, um die bei Kommunalwahlen errungenen Sitze in den Stadt- und Kreisparlamenten zu besetzen. Damit ist aber auch das repräsentative System gefährdet. Es ist eine Distanz der Bevölkerung gegenüber der politischen Klasse und der Funktionärsebene entstanden, die daraus resultiert, dass beide Ebenen nur noch unzureichend miteinander verbunden sind. Die gut besuchten Mitgliederversammlungen etwa waren ein solches Bindeglied. Aber solche Versammlungen gibt es immer seltener. Wenn die breite Basis verschwindet, sind Politiker und Funktionäre mit sich selbst beschäftigt. Sie bekommen nicht mehr unmittelbar mit, was sich in der Gesellschaft tut, wie die Stimmung ist. Das Problem bei Stuttgart 21 war: Die Basisorganisationen der etablierten Parteien haben den Stimmungswechsel in der Bevölkerung gegenüber dem Bauprojekt nicht aufgenommen und nach oben weitergegeben, sonst hätten beide Volksparteien kaum so ungeschickt agiert. Offenbar kann die demoskopische Dauerbeobachtung die klassische Rolle der Parteibasis nicht ersetzen. Die demoskopische Aufklärung funktioniert wie ein Mikroskop oder Fernglas – sie fokussiert, was beobachtet werden soll. Basisorganisationen arbeiten hingegen nach dem Prinzip von Insektenaugen und sehen tendenziell alles: nicht genau und oft bloß schemenhaft, aber sie haben ein Gespür dafür, woher Gefahr droht. Das gilt auch für die Gewerkschaften: Sie brauchen eine breite Basis, um zu spüren, wo der Schuh drückt. Die politische Klasse und die Funktionäre, also diejenigen, die Politik oder Interessenvertretung als Beruf betreiben, werden infolge der schwindenden Verbindungen zur Basis mit wachsendem Misstrauen beobachtet.“

Zwischen der Bevölkerung und dem entsprechenden Funktionären gibt es immer weniger Schnittmengen. Auch die Bereitschaft auf Basis von Argumenten eine vernünftige Debatte zu führen ist – trotz teilweise gegenteiligen Behauptungen – von einer zunehmend abnehmenden Tendenz gezeichnet.

 

 

 

Share on StumbleUponFlattr the authorBuffer this pageShare on LinkedInShare on TumblrPrint this pageEmail this to someonePin on PinterestShare on Google+Tweet about this on TwitterShare on FacebookShare on VK

Andere interessante Beiträge

Werbung

table-layout
Bild: getdigital.de
Bild: getdigital.de
Bild: getdigital.de