Die Welt des Denunzianten

Screenshot laphamsquarterly.org

Der sogenannte „Delator“ stellte zu Zeiten des Römischen Reiches eine institutionalisierte Form des Denunziantentum da. Die Triebfeder jenes Personenkreises war: Die Gunst des jeweiligen Kaisers zu sichern und somit sich persönliche Vorteile zu verschaffen. Der römische Kaiser wiederum festigte mit Mitteln des Verrats seine Macht im Innern des Imperiums. Auch wenn die Herrschaftsformen über die Jahrtausende in unterschiedlichen Ausprägungen daher kamen, die Art und Weise des Denunziantentum ist bis in die Gegenwart beständig geblieben.

>>Die Gestapo von Dams Carsten & Stolle Michael (Buch) <<

„Auch die als «arbeitsscheu» und «asozial» eingestuften Menschen wurden von den Nationalsozialisten verfolgt. Zunächst war die Kriminalpolizei für die als «Gewohnheits-» oder «Berufsverbrecher» bezeichneten Personen zuständig. Bei Ergreifen wurden sie in Vorbeugehaft genommen. Mit dem Aufkommen des sozialhygienischen und gesellschaftsbiologischen Verfolgungskonzepts der SS- und Polizeiführung seit 1937 wurde die Gestapo mit der Verfolgung betraut. Im März 1937 befahl Himmler die Verhaftung von 2000 «Gewohnheitsverbrechern», das hieß Personen mit Vorstrafenregister, selbst wenn dort nur Bagatelldelikte eingetragen waren. Die Verhaftungswellen der Jahre 1937 und 1938 betrafen nicht mehr hauptsächlich die politischen Gegner des NS-Regimes, sondern «Arbeitsscheue» und «Asoziale». Jeder, der seinen Dienst an der Volksgemeinschaft nicht erfüllte, sollte in Schutzhaft genommen werden dürfen. Die Definition, wer darunter zu fassen sei, war nicht eindeutig, sodass die Gestapostellen Handlungsspielraum hatten. Meist waren Arbeitslose betroffen oder Menschen, denen vorgeworfen wurde, die verlangte Arbeitsleistung nicht zu erbringen. Als «Asoziale» galten Bettler und Landstreicher, Zuhälter und Prostituierte, Fürsorgeempfänger und Alkoholiker, Randalierer und Verkehrssünder oder sexuell freizügige Frauen. Überproportional häufig wurden auch Juden für «asozial» erklärt. Kommunale Wohlfahrts-, Arbeits-, Gesundheits- und Fürsorgeämter stellten bereitwillig Listen zusammen, gaben Hinweise und setzten lokale Prioritäten. Für die Nationalsozialisten galt «Asozialität» als genetische Vorstufe der Kriminalität. Die Sicherheitspolizei sollte präventiv dagegen vorgehen und beauftragte abwechselnd die Kriminalpolizei, die Geheime Staatspolizei und dann wieder die Kriminalpolizei mit der Verfolgung der inkriminierten Personen. Knapp 2000 «Arbeitsscheue» wurden bei Großrazzien wie der im April 1938 in die Konzentrationslager gebracht. Bei der Aktion «Arbeitsscheu Reich» im Juni 1938, bei der allerdings die Kripo federführend war, wurden zwischen 9000 und 10.000 Menschen nach Buchenwald, Sachsenhausen und Dachau verschleppt; «Asoziale» stellten damit das bei weitem größte Kontingent an KZ-Häftlingen in jener Zeit. Diese Verhaftungsaktionen waren allerdings zunehmend ökonomisch motiviert: Durch sie sollten kostenlose Sklavenarbeiter gewonnen werden, die für die Monumentalbauten des Regimes dringend benötigt wurden. Schließlich spielte Zwangsarbeit für militärische SS-Produktionsstätten eine zunehmende Rolle: Mobilisierung und Krieg warfen ihre Schatten voraus.“

Auf anderen Seite bot das NS-Regime genauso – wie die spätere DDR – ihren Günstlingen eine Reihe von erheblichen Vergünstigungen. Ein gewisser Albert Speer konnte als Architekt seine Fähigkeiten voll ausleben oder ein technikaffiner Werner von Braun erhielt enorme finanzielle Unterstützung für seine Raketenforschungen. Dabei ist zu berücksichtigen: Nicht wenige sehen in ihren ergriffenen Beruf wesentlich mehr – als ein profanes Mittel zum bloßen Gelderwerb. Der Reiz beispielsweise als Architekt: Ganz Hauptstädte umzugestalten ist erheblich größer, als ein schlichtes Einfamilienhaus zu entwerfen. Selbstverständlich geht die Unterstützung der eignen Karriere mit eingeforderten Gegenleistung – ähnlich wie bei Goethe’s Faust – einher, allerdings mit den Unterschied: Das man mitunter persönlich nahestehende Menschen verraten muss.

>> Das Verschwinden der DDR und der Untergang des Kommunismus von Charles S. Maier (Buch) <<

„Privilegien im Spätkommunismus, das hieß nicht nur Zugang zu Westwaren, schwer zu ergatternden Autos oder Wohnungen und zu den für Reisen in den Westen erforderlichen Visen (das Privileg der sogenannten Reisekader). Mit der Privilegienwirtschaft hatte man eine universell einsetzbare Methode, mit den schönen Dingen des Lebens zu wuchern. Und weil diese Art von Zuteilung im Westen nicht unter politischen Aspekten wahrgenommen wurde, konnte das System selbst von der Rationierung seiner Möglichkeiten noch profitieren. Aber die Möglichkeit, zu reisen und zu veröffentlichen, damit also Freizügigkeit und Meinungsfreiheit, wurden von allgemeinen Rechten in verhandelbare Wohltaten verkehrt. Und die Partei erwartete Dankbarkeit dafür, daß sie ihre Schützlinge umsorgte. Man mußte sich beim staatlichen Büro für Urheberrechte oder dem Polizeipräsidium Gönner verschaffen, nicht viel anders als ein Einwohner von Palermo oder Chicago es fünfzig Jahre zuvor hätte tun müssen. Außerdem – und das kann jeder westliche Besucher, der nach Ostberlin einreisen wollte und seinen Ausweis am Checkpoint Charlie oder am Übergang Heinrich-Heine-Straße für eine halbe Stunde verschwinden sah, bezeugen – erinnerte man mit jedem Gefallen, den man erwies, daß man diesen das nächste Mal ebensogut auch würde verweigern können. Für alle, für die die Grenzen unüberwindbar waren, hatten die Umarmungen des Regimes viel gravierendere Konsequenzen. Das Recht zu reisen konnte versagt werden; Gedichte blieben möglicherweise jahrelang unveröffentlicht; Kollegen taten sich zu einer vernichtenden Kritik zusammen; Kinder mußten befürchten, in der Schule nicht weiterzukommen; Stasiagenten konnten aufkreuzen und mit ihrer Gegenwart alles ersticken. Bei den Privilegien ging es weniger um das, was tatsächlich gewährt wurde, als vielmehr um den Akt politischer Gnade; darum, daß überhaupt etwas gewährt oder eben nicht gewährt wurde. Jeder der als Wissenschaftler oder Künstler, als Freiberufler etwas erreichen wollte, mußte sehen, wie er durch ein kompliziertes Gefüge von Anträgen und Verhandlungen die Genehmigungen erhielt, von denen seine Pläne abhingen. Schriftsteller- und Künstlerverbände waren berufen, über den korrekten Tonfall zu wachen und Reisemöglichkeiten zuzuteilen. Wissenschaftler und die Dekane der Fakultäten sollten über die Kontakte ihrer Kollegen berichten, und die Stasi förderte diese Zersetzung solidarischer Beziehungen und Freundschaften noch. Es ging dabei weniger um die Information als um die Macht, um die Unterordnung jeglicher kollektiver Aktivität unter die Vormundschaft der Partei.“

Auch wenn die Regime sich in vielen Punkten unterscheiden mögen, ein Schlüsselelement blieb: Der unangreifbare Denunziant. Selbst wenn überhaupt kein Verrat begangen wurde, reichte die abstrakte Vorstellung des Vorhandenseins völlig aus, um große Teile der Bevölkerung einzuschüchtern.

>>Haufe<<

„Hartz IV-Empfänger bleiben über Anzeigen gegen sie im Unklaren. Selbst auf Verlangen erhalten sie keine Auskunft darüber, dass sie angezeigt worden sind oder wer angezeigt hat – selbst bei nicht-anonymen Hinweisen.“

 

>>Steuerrat24<<

„Dem Steuergeheimnis unterliegt grundsätzlich auch die Identität eines Denunzianten.“

Es mag seltsam klingen, aber nicht das gesamte Denunziantentum ist vollumfänglich geschützt.

>>netzpolitik.org<<

„Vergangenen Freitag lud der Whistleblower-Netzwerk e. V. in die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften ein. Der Verein wiederholte seine Erwartungen an die Parteien und die Bundesregierung, den Verpflichtungen zum Whistleblowerschutz nachzukommen. In Deutschland gibt es aktuell keinen hinreichenden Schutz für Informanten.“

Was bedeutet: Gesellschaftlich relevante Missstände aufzudecken ist äußerst problematisch, alles andere zieht in der Praxis kaum Konsequenzen nach sich.

 

 

 

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