Geschlossene Reihen: Ermittlungen sind unerwünscht

Screenshot crimeonline.com

Der berühmte Selbstmord in der Gefängniszelle, gilt als Standarderklärung der Behörden um Tote in ihrer Obhut zu erklären. Dabei ist bei näheren Hinsehen eher fraglich, wie freiwillig – so mancher vermeintliche Freitod wirklich war. Aufklärung ist unter den allseits präsenten Korpsgeist kaum möglich und eindringliche Fragen von außen eher unerwünscht. Die staatliche Bürokratie zieht es lieber vor unter sich zu bleiben.

>>Express<<

“Die JVA Köln ist mit 1200 Haftplätzen die größte geschlossene JVA in NRW. Rund 120 Häftlinge, viele drogen- oder alkoholabhängig, wurden als selbstmordgefährdet eingestuft.”

 

>>Welt<<

“Im Siegburger Jugendgefängnis wurde ein 20-Jähriger von drei Mitgefangenen zwölf Stunden lang gequält, vergewaltigt und schließlich in den Selbstmord getrieben. Den mutmaßlichen Tätern wird der Prozess gemacht. Der erste Prozesstag brachte grausame Details hervor. “Erster Versuch”, sagt Staatsanwalt Robin Faßbender in gefasstem Ton in Saal 0.11 des Landgerichts Bonn, und er wird weiterzählen bis zum “fünften Versuch” und bis zur “Vollendung”, um das Sterben des Häftlings Hermann H. zu beschreiben. Immer wieder rissen am 11. November 2006 die Stromkabel mit der Halsschlinge, die drei Mitgefangene für den 20-jährigen H. ausgewählt hatten. Sie suchten in ihrer Gemeinschaftszelle in der Justizvollzugsanstalt Siegburg stabileres Mordwerkzeug und schnitten Bettlaken in Streifen. Beim sechsten Versuch starb Hermann H., erhängt am Türrahmen. Es war das Ende eines zwölfstündigen Martyriums, das mit Erniedrigungen, Schlägen und Vergewaltigungen begonnen hatte.”

 

>>taz<<

“Die Staatsanwaltschaft Dessau hatte einen Zusammenhang zwischen den drei Fällen vermutet. Im April 2017 hatte der mit dem Todesfall des 2005 in Dessau verbrannten Sierra Leoners Oury Jalloh befasste Staatsanwalt Folker Bittmann eine entsprechende Annahme schriftlich niedergelegt. Das Motiv könnte demnach gewesen sein, dass dem Asylbewerber Jalloh zuvor zugefügte Verletzungen vertuscht werden sollten. Auch hätten, so Bittmann, Ermittlungen zu früheren Todesfällen im Umfeld der Dessauer Polizei verhindert werden sollen. Bittmann stützt sich demnach auf Gutachter und die Ergebnisse eines 2016 unternommenen Brandversuchs, wonach der gefesselte Jalloh mit einer kleinen Menge Brandbeschleuniger übergossen und angezündet worden sei. Weitere Ermittlungen im Fall der beiden anderen Toten sind nun kaum mehr möglich. Dabei ist davon auszugehen, dass dieselben Beamten, die mit Jalloh zu tun hatten, auch Hans Jürgen Rose und den Obdachlosen Mario Bichtermann in Gewahrsam genommen hatten. Bichtermann war unter bislang ungeklärten Umständen im November 2002 gestorben – ebenfalls in der Zelle Nummer 5 des Reviers, in der später Jalloh verbrannte. Zwar wurde seinerzeit wegen des Todes von Bichtermann ermittelt, dies blieb jedoch ohne Erfolg: Das strafrechtliche Verfahren gegen zwei Polizeibeamte sei eingestellt, so das Innenministerium nun gegenüber der MZ. Dabei ging es um den Verdacht der fahrlässigen Tötung von Mario Bichtermann. Im Fall des Todes von Oury Jalloh war das Verfahren Ende 2017 an die Generalstaatsanwaltschaft Naumburg übertragen worden.”

 

>>Rafael Behr<<

“Der wichtigste Bestandteil dieser „Cop Culture“ ist, dass man sich nicht gegenseitig verrät, anzeigt oder anschwärzt. Da werden auch Übergriffe schon mal gedeckt. Der „Whistleblower“, der dem Vorgesetzten meldet, dass ein Kollege einen Wehrmachtshelm im Spind hat, gilt als Kameradenschwein. Die Polizistenkultur verhindert oft Zivilcourage.”

Die sogenannte “Cop Culture” oder wahlweise “Korpsgeist” ist eine Kultur des Wegsehens und Schweigens. Aufklärung wird auf diese Weise aktiv verhindert und Ermittlungen innerhalb der Reihen der Polizei oder anderer Behörden sind so kaum möglich.

 

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