Warum bei tödlichen Katastrophen selten die wahren Verantwortlichen zu Rechenschaft gezogen werden

Screenshot vimeo.com

Bei größeren Katastrophen mit vielen Toten stellt sich häufig die Frage nach dem verantwortlichen Schuldigen. Teilweise kommt es dabei auch zu gerichtlichen Verfahren und sogar zu rechtskräftigen Verurteilungen: Allerdings, die höhere Führungsebene sitzt selten auf der Anklagebank und noch seltener wird eine nennenswerte Strafe verhängt.

>>Frankfurter Rundschau<<

„Es war der Tag, an dem bei Eschede das größte Zugunglück in der Geschichte der Bundesrepublik geschah und das niedersächsische Dorf in der Lüneburger Heide zum Synonym für eine Katastrophe wurde. Es war auch der Tag, an dem deutlich wurde, dass es absolute Sicherheit in einem der sichersten Verkehrsmittel der Welt nicht gibt. Als der ICE „Wilhelm Conrad Röntgen“ auf dem Weg von München nach Hamburg um 10.59 Uhr mit Tempo 200 an einer Brücke zerbarst, starben 101 Menschen. Über 100 weitere Passagiere wurden schwer verletzt. Zwei Minuten vor dem Unglück hatte es noch einen lauten Knall gegeben, der die Passagiere in Angst versetzte. Im Zug ruckte und schaukelte es heftig. Trotzdem fuhr der ICE weiter. … Der Grund für das Unglück war ein gebrochenes, gummigefedertes Rad. Dies ergab ein technisches Gutachten. Das Rad verkeilte sich in einer Weiche und riss einen mehrere Meter langen Radlenker heraus, der den Zug aus den Schienen hob. Die Bahn hatte zuvor die standardmäßig eingebauten Monoblockräder, Räder aus einem Guss ohne Gummi-Einlage, ausgetauscht, „um Probleme bei der Laufruhe“ zu vermindern. Bei früheren Fahrten hatten sich Passagiere über die Lautstärke beschwert. Nach dem Unglück wurden die ICE-Züge der ersten Generation wieder mit Monoblockrädern ausgestattet. Die Ursache des Radreifenbruchs an ICE 884 blieb unter Sachverständigen umstritten. Ob bei der Zulassung des Radreifensystems notwendige Untersuchungen unterlassen worden sind, wie es die Staatsanwaltschaft vermutet hatte, wird nie geklärt werden. Die Bahn zahlte den Hinterbliebenen 30 000 Mark pro Todesopfer. Viele der bei dem Unglück Verletzten leiden heute noch unter zum Teil erheblichen körperlichen Beschwerden.“

 

>>Welt<<

„Ein älterer Herr bleibt vor der Gedenktafel stehen, liest: „Der 2. Januar 2006 war einer der dunkelsten Tage in der Geschichte der Stadt Bad Reichenhall.“ Die 15 Namen der Todesopfer stehen darunter. Das jüngste war sieben Jahre alt. 15 bunte Glasstelen, die von der Wintersonne beleuchtet werden, erinnern an ihr jäh beendetes Leben. Hinter der Gedenkstätte erstreckt sich eine fußballfeldgroße Mulde. Auf dem Gelände ist Gras gewachsen. Hier stand bis vor zehn Jahren das Eisstadion von Bad Reichenhall, direkt daneben war ein Schwimmbad. Der ältere Herr, ein Tourist, kann sich noch gut an die Nachrichten vom Unglückstag vor zehn Jahren erinnern: Es hatte damals viel geschneit. Auf der Eisfläche in der Halle zogen die Schlittschuhläufer ihre Kreise, ein Wintervergnügen in den Schulferien. Um 15 Uhr 54, wenige Minuten bevor die Halle geschlossen werden sollte, brach das Dach unter der tonnenschweren Schneelast. Drei Erwachsene und zwölf Kinder starben, 34 wurden verletzt. Bayern war geschockt, die Stadt ist bis heute traumatisiert – auch weil für viele das Unglück nie richtig aufgearbeitet, Verantwortliche nicht zur Rechenschaft gezogen wurden.“

 

>>Kölner Stadt Anzeiger<<

„Langwierige Ermittlungen, komplexe Beweislage, schwierige rechtliche Thematik: Und nun leert sich auch noch die Anklagebank in einem etwaigen Strafprozess zur Einsturzursache des Stadtarchivs. Wie der „Kölner Stadt-Anzeiger“ erfuhr, ist inzwischen einer der Angeklagten gestorben, ein zweiter soll aufgrund einer schweren Krankheit nicht mehr verhandlungsfähig sein. Damit müssen sich womöglich nur noch fünf der ursprünglich sieben Angeklagten vor dem Kölner Landgericht verantworten“

 

>>Spiegel<<

„Demnach führte ein Fehler beim U-Bahn-Bau zu dem Einsturz. Eine Fehlstelle in einer unterirdischen Schlitzwand habe den Kollaps des Gebäudes verursacht, teilten die Ermittler nun mit. … Die Staatsanwaltschaft nahm an, dass eine der unterirdischen Wände ein Loch hatte. Dadurch könnte mit der Zeit so viel Wasser, Sand und Kies abgeflossen sein, dass das Archiv unterspült wurde und einstürzte.“

Bei diesen Bauverfahren handelt es sich um eine höchst riskante und gleichzeitig um eine äußerst billige Vorgehensweise – was vermutlich auch der ausschlaggebende Grund war. Der größere Zusammenhang bei all diesen Vorfällen: In der Regel sichert sich die oberste Behördenleitung juristisch ab und reicht die Verantwortung – so weit wie irgend möglich – an die unteren Chargen weiter.

 

 

 

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