Wenn Armut zum Massenphänomen wird

Screenshot vimeo.com

Wir haben Rekordbeschäftigung, unser Arbeitsmarkt bleibt in Schwung. Das sorgt auch für soziale Sicherheit. Dank leistungsfähiger Wirtschaft und engagierter Menschen. Und dank der erfolgreichen Politik der CDU-geführten Bundesregierung.“ So zu lesen auf der offiziellen Webseite der Partei CDU. Nur leider hat diese Aussage nicht viel mit der Wirklichkeit gemein, trotzdem glauben einige Funktionäre solchen Angaben.

>>Focus<<

„Der Vizepräsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Vítor Constâncio, zweifelt an den Investitionen der Deutschen. Verbraucher in der Bundesrepublik nutzten die seit Jahren anhaltenden Niedrigzinsen nicht genug aus, sagte der Portugiese im Interview mit „Spiegel Online“: „Es ist zum Beispiel verblüffend, dass Deutschland das Land in Europa mit der geringsten Immobilieneigentumsquote ist“, sagte Constâncio. „Warum ist das so? In anderen Ländern bauen die Menschen Häuser und nutzen dafür Kredite – gerade jetzt, wo die Zinsen so niedrig sind. In Deutschland merkt man fast nichts davon“, sagte Constâncio weiter. Warum das so ist? Die Antwort ist ganz einfach: In Deutschland können sich viele schlichtweg kein Wohneigentum mehr leisten.“

Ein Vizepräsident der Europäischen Zentralbank wird mit der rauen Realität konfrontiert und versteht die Welt nicht mehr. Die Höhe des durchschnittlichen Vermögens und Einkommens, sagt nämlich nichts, über dessen Verteilung aus. Immer mehr Menschen haben finanzielle Schwierigkeiten, überhaupt über die Runden zu kommen. Die Realeinkommen sinken seit der Wiedervereinigung kontinuierlich. Außerdem greifen prekäre und unsichere Beschäftigungsverhältnisse um sich.

>>Express<<

„Die Mehrheit der Bundesbürger glaubt, dass kinderlose Paare vor allem wegen der hohen Kosten auf Nachwuchs verzichten. 63 Prozent der Befragten einer Studie der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen äußerten diese Einschätzung – und zwar unabhängig von Alter, Einkommen, Geschlecht oder Wohnortgröße.“

 

>>Spiegel<<

„33,4 Prozent der Menschen hätten ihre eigene Lage entsprechend eingeschätzt, teilte die Behörde mit. Aus finanziellen Gründen verzichteten demnach zudem knapp 22 Prozent der Bevölkerung auf Urlaubsreisen. Bei der Ernährung gaben 8,2 Prozent der Bevölkerung an, sie könnten es sich aus finanziellen Gründen nicht leisten, mindestens jeden zweiten Tag eine Mahlzeit mit Fleisch, Geflügel oder Fisch oder ein entsprechend vegetarisches Essen einzunehmen. Im EU-Durchschnitt seien es elf Prozent gewesen, berichteten die Statistiker unter Berufung auf die EU-weit vergleichbare Erhebung über Einkommen und Lebensbedingungen. Im EU-Vergleich waren unerwartet anfallende Ausgaben für weit mehr Menschen ein Problem: Im Schnitt konnten 40,2 Prozent unerwartete Reparaturen oder plötzlich erforderliche Anschaffungen nicht allein finanziell bewältigen. Auf Urlaub verzichteten im EU-Durchschnitt 39,6 Prozent. Unter der armutsgefährdeten Bevölkerung in Deutschland waren die finanziellen Schwierigkeiten den Statistikern zufolge besonders groß. So musste rund ein Viertel (24,8 Prozent) aus finanziellen Gründen häufiger auf vollwertige Mahlzeiten verzichten. Fast drei Viertel (73,2 Prozent) der Armutsgefährdeten konnten unerwartet auftretende Ausgaben nicht aus eigener Kraft finanziell bewältigen. Mehr als die Hälfte von ihnen (57,6 Prozent) konnten aus finanziellen Gründen nicht einmal für eine Woche in Urlaub fahren.“

 

>>Armut hier und heute von Adelheid Wedel (Buch) <<

„Wenn ich es dir ganz ehrlich sagen soll: beschissen. Ich habe mein Leben lang gearbeitet und kann nicht behaupten, jemals faul gewesen zu sein, aber die Rente, die mir rechtlich zusteht, reicht vorn und hinten nicht; genauer gesagt, sie deckt haargenau die Miete und die Krankenversicherung ab. Für alles andere bleibt nichts. Ich habe mir mit großer Mühe eine Nebenarbeit verschafft, aber die ist natürlich nicht sicher. Wenn sie mir wegbricht, weiß ich nicht, wie es weitergehen soll. Das sage ich mit aller Tragik, die darin steckt. Ich habe kaum Reserven, lebe schon so bescheiden, wie es nur geht. Das allerdings fällt mir nicht schwer, das habe ich mein Leben lang so gehandhabt. Aber wenn du fürchten musst, die grundlegenden Dinge nicht mehr bezahlen zu können, wird es bitter. Damit meine ich die notwendigsten Sachen, also die Miete muss bezahlbar bleiben, die Krankenversicherung, ich will drei Mal am Tag essen – dabei habe ich mich auf ein Minimum an Ausgaben eingestellt. Ich esse vormittags beispielsweise Haferflocken, weil die gesund sein sollen, angerührt mit Wasser. Da spare ich schon mal den Gang zum Bäcker und die Ausgabe dort – ich finde Brötchen mit einem Preis von 50 Cent enorm teuer. Kaffee? Ja, Kaffee trinke ich, aber eben nur eine Tasse. Und dann denke ich oft daran, wie es früher immer hieß: »Am Sonntag trinken wir aber mal eine gute Tasse Kaffee.« Da geht es mir doch gut, ich trinke jeden Tag Bohnenkaffee. Zum Mittagessen würde ich gern ab und zu in ein Restaurant gehen, aber das klemme ich mir – das ist einfach zu teuer und muss ja auch nicht sein. Ich koche mir oft Möhren-, Kartoffel- oder sonstige Gemüsesuppe. Ich bin ein Fan von Suppen, die würze ich sehr verschieden, und dann schmeckt es mir immer gut. Ich habe auch Freude am Kochen. Nachmittags habe ich manchmal einen Butterkeks da, dazu trinke ich eine Tasse Milch oder Tee. Und abends wird dann auch nicht mehr so viel angestellt. Oft gibt es in meinem Supermarkt – ich sage immer noch gern Kaufhalle – verbilligte Waren, mit 30 Prozent Rabatt. Die kaufe ich bevorzugt, die Wurst ist dann kurz vor dem Verfallsdatum, aber noch in Ordnung. Aufheben kann man das dann natürlich nicht. Wenn ich mir Obst kaufe, muss ich überlegen, was ich nehme und muss das Preiswerteste aussuchen. Um Heidelbeeren oder Himbeeren, die manchmal frisch angeboten werden, oder gar um Kirschen, muss ich einen Bogen machen. Da sage ich mir dann auch, dass ich das ja nun nicht so dringend brauche. Äpfel aber habe ich meistens auf Vorrat, die esse ich nach wie vor gern. Ich wundere mich nur, warum sie sich alle zum Verwechseln ähneln müssen, in meiner Kindheit haben wir sie vom Baum gepflückt, sie waren klein oder größer, bucklig und krumm, aber schmeckten herrlich. Jetzt habe ich den Eindruck, mit ihrer Eigenart wurde ihnen auch der intensive Geschmack geklaut. Aber kann sein, ich bilde mir das ein. Ja, so viel zum Essen. Das Nächste ist die Kleidung. Klar, da kriegt man preiswerte Sachen, Tatsache ist aber auch, dass die billigsten Teile am wenigsten halten. Nach der ersten Wäsche hast du plötzlich etwas ganz anderes vor dir, entweder ist es eingegangen oder hat sich ins Unendliche ausgedehnt, es zipfelt an allen Ecken und die Farbe verschwindet auch. Ich bin mir also nicht ganz sicher, ob es sinnvoll ist, immer das Billigste zu kaufen. Für teure Ware fehlt mir der Mut, denn wenn ich da einen Fehlkauf hinlege, spüre ich das eine ganze Weile im Portemonnaie. Ich habe mich allerdings schon oft ermahnt, mich nicht nur in der untersten Preisklasse umzuschauen. Das bleibt also eine spannende Frage. Man sagt ja: »Kaufe wenig aber gut, dann sparst du am meisten.« Da muss ich mich selbst noch ein wenig erziehen.“

 

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