Wie die automatische Gesichtserkennung die Grundrechte aushebelt

Screenshot travelnews.ch

Von offizieller Seite wird gerne mit Nachdruck betont, wie wichtig doch das Grundgesetz sei. Aber sobald es um die praktische Anwendung hiervon geht, schwenkt die Rhetorik abrupt um und die automatische Gesichtserkennung macht hierbei keine Ausnahme.

>>Grundrechteschutz<<

„Als Recht auf informationelle Selbstbestimmung wird das Recht des Einzelnen verstanden, grundsätzlich selbst über die Preisgabe und Verwendung seiner personenbezogenen Daten zu bestimmen. Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung ist im Grundgesetz nicht explizit geregelt. Das Bundesverfassungsgericht hat es in seinem Volkszählungs-Urteil1 aus dem allgemeinen Persönlichkeitsrecht (Art. 2 Abs. 1 GG i.V.m. Art. 1 Abs. 1 GG) entwickelt und versteht es als eine besondere Ausprägung des allgemeinen Perönlichkeitsrechts.“

 

>>Rechtsanwalt – Thomas Stadler<<

„Diese Befugnis bedarf unter den heutigen und künftigen Bedingungen der automatischen Datenverarbeitung in besonderem Maße des Schutzes. Sie ist vor allem deshalb gefährdet, weil bei Entscheidungsprozessen nicht mehr wie früher auf manuell zusammengetragene Karteien und Akten zurückgegriffen werden muß, vielmehr heute mit Hilfe der automatischen Datenverarbeitung Einzelangaben über persönliche oder sachliche Verhältnisse einer bestimmten oder bestimmbaren Person (personenbezogene Daten) technisch gesehen unbegrenzt speicherbar und jederzeit ohne Rücksicht auf Entfernungen in Sekundenschnelle abrufbar sind. Sie können darüber hinaus – vor allem beim Aufbau integrierter Informationssysteme – mit anderen Datensammlungen zu einem teilweise oder weitgehend vollständigen Persönlichkeitsbild zusammengefügt werden, ohne daß der Betroffene dessen Richtigkeit und Verwendung zureichend kontrollieren kann.“

 

>>Spektrum.de<<

„Die automatische Gesichtserkennung in Fotos und Videos macht große Fortschritte. Deutsche Behörden setzen seit Jahren auf die Technik. … Mit den Fortschritten wächst aber auch die Kritik an der Technik. Wie zuverlässig ist sie beispielsweise bei schlechten Lichtverhältnissen oder, wenn Personen ihr Äußeres – womöglich gezielt – durch Bärte oder Brillen verändern? Erkennt die Software Menschen mit dunklerer Haut genauso gut wie Menschen mit heller? Und wäre es ethisch und gesetzlich vertretbar, auch die Gesichter unbescholtener Bürger massenhaft durch die Software zu erfassen und zu vermessen? Wer sich diesen Fragen nähern will, sollte wissen, wie die Technik funktioniert: Gesichtserkennungssoftware verwendet für ihre Bewertung zahlreiche Muster, darunter den Abstand der Augen, die Breite der Nase, die Tiefe der Augenhöhlen, die Form der Wangenknochen, die Länge und Form der Kinnpartie und andere markante Merkmale im Gesicht sowie ihre Abstände und Ausrichtung zueinander. „Aber es ist nicht so, dass man die Software in den Bildern gezielt nach der Nasenspitze und den Ohrläppchen suchen lässt und dann den Abstand berechnet“, erklärt Florian Gallwitz von der Technischen Hochschule Nürnberg. Er erforscht die automatische Mustererkennung bei Sprache, Bildern, Videos und Musik. Vielmehr lernen die Algorithmen eigenständig, die für ihre Suche nützlichsten Muster zu identifizieren und in die Millionen von Parameter einfließen zu lassen, die am Ende ausschlaggebend für die Entscheidungen der Software sind. „Bei digitalen Bildern hat der Computer es zunächst mit einem Raster aus einer großen Zahl von Pixeln zu tun“, erklärt der Wissenschaftler. Das Schwarzweißfoto eines Gesichts von 100 mal 100 Pixeln Größe beispielsweise enthält 10 000 Pixel mit jeweils einem Grauwert. Diesen Datensatz kann man mathematisch als Vektor mit 10 000 Dimensionen betrachten. „Bei der Gesichtserkennung will man die Ähnlichkeit von Gesichtern messen, indem man die Vektoren zweier Bilder vergleicht“, so Gallwitz. „Mathematisch gesprochen misst man dazu deren Abstand.“ Wenn man die beiden Vektoren zweier Aufnahmen einfach direkt vergleichen würde, würden auch bei demselben Gesicht kleinste Verschiebungen oder Änderungen bei Beleuchtung oder Gesichtsausdruck dazu führen, dass keine Identifizierung mehr möglich ist. „Die Kunst besteht darin, die 10 000 Grauwerte in einen neuen Vektor zu überführen, so dass die neuen Vektoren desselben Gesichts einen möglichst geringen Abstand haben und bei unterschiedlichen Gesichtern einen möglichst großen“, erläutert der Forscher. … Insgesamt verfügte das BKA mit Stand vom 31. August 2017 über rund 5,3 Millionen Lichtbilder von mehr als 3,5 Millionen Personen.“

Behörden haben bereits gegenwärtig Zugriff auf einen beträchtlichen Datensatz: Die berechtigte Frage, inwieweit die automatische Gesichtserkennung überhaupt mit den Recht auf informationelle Selbstbestimmung vereinbar ist, bleiben die Beamten jedoch schuldig. Es kann wohl ausgeschlossen werden, dass dieses Verfahren mit den gültigen Gesetzen im Einklang zu bringen ist und in den Zusammenhang wirkt es reichlich zynisch: Grundrechte der Bürger eigenmächtig auszuhebeln, um bestenfalls Kleinkriminalität aufzuklären. Alleine die Anzahl von 3,5 Millionen Personen legt wohl den logischen Schluss nahe, dass sich dabei mitnichten um irgendwelche Massenmörder handeln kann.

Screenshot digitalcourage.de

 

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