Wie kulturelle Vielfalt entstehen kann

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Wer heutzutage ins Theater oder in die Oper geht, muss seine kulturellen Ansprüche in der Regel weit nach unten schrauben. Dabei war einst – hier – das Land als Dichter und Denker berühmt. Wie konnte es soweit kommen?

>>Welt<<

„Ich gehe ins Theater, die Oper, zu den Philharmonikern, in Museen etc. Als Familienmensch liebe ich diese entspanntesten Augenblicke des Alltags. Im Theater oder der Oper treffe ich Leute, die ich kenne, aus dem Beruf, Nachbarn, Leser. Derselbe Staat, der mir Unsummen von Geld bei der Steuer abnimmt, bezahlt mir die Hälfte meiner Kultur-Wellness. Er fördert das Bürgerlichsein der Bürger. Das kann man mögen und feiern, die Subvention der repräsentativen Kultur ist in der Regel die Subvention von Bürgern. Im Berlin tobt ein Theaterstreit, in dessen Zentrum eine Elite von Theaterfürsten steht. Das sauer verdiente Steuergeld, das ihnen die öffentliche Hand rüberschubst, erachten sie als selbstverständlich. Es sind oft dieselben, die am Kapitalismus, der BRD, dem Spießer kein gutes Haar lassen, die all das verachten, was sie ermöglicht. Für diese Verachtung werden sie bezahlt.“

 

>>Klaus von Dohnanyi<<

„Ich glaube, dass diese Form von Regietheater auf die Dauer das deutsche Theater zerstört. Mit dieser Meinung bin ich nicht allein. Es ist gefährlich für das deutsche Theater, Stücke so zu inszenieren, dass die Substanz verloren geht. Ich habe überhaupt nichts gegen moderne Inszenierungen und neue Interpretationen, wie zum Beispiel in Patrice Chéreaus hochinteressanter Version von Wagners „Ring“. Aber wenn der ganze Witz, die Tiefe, die Melancholie eines Autors wie Molnár verloren gehen und nur eine pornografische und burleske Revue übrig bleibt, dann muss man protestieren.“

Die Aussage von Klaus von Dohnanyi lässt sich problemlos auch auf die Oper übertragen: Bei neuen Inszenierungen fehlt häufig die Tiefe und alles kommt recht plump und einfallslos daher. Außerdem ist von einer kulturellen Qualität bisweilen wenig zu spüren. Dennoch, der eigentliche Skandal liegt darin: Das klassische Stücke als solche kaum noch aufgeführt werden. Weshalb die zivilisatorischen Errungenschaften – heutzutage – keineswegs mehr den selben Stellenwert von einst haben. Deswegen ist ein Blick in die Vergangenheit unerlässlich.

>>Welt<<

„Doch allein schon Preußen kannte viele Grafschaften, Fürstentümer, Herzogtümer. Ganz zu schweigen von den unzähligen souveränen Staaten im übrigen Deutschland, das ja 1806, im Zuge der napoleonischen Kriege , auch noch seine lose Hülle des Kaiserreiches verloren hatte. … Genau weiß es heute keiner mehr, aber schätzungsweise gut 300 souveräne Staaten waren aus dem Westfälischen Frieden 1648 hervorgegangen im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Von ihnen umfassten 80 ein Gebiet, das nicht mal zwei Drittel des heutigen Berlin ausmachte. Und eigentlich muss man hier noch die vielen Hundert „reichsunmittelbaren“ Ritter hinzuzählen, deren souveräne Liegenschaften sich oft nur auf ein paar Dutzend Hektar erstreckten. … Grund genug für die Dichter und Denker, vom einigen Nationalstaat zu träumen? Wer hier auf den Zeitgenossen und Weltbürger Goethe hätte setzen wollen, wäre enttäuscht worden: „Zur Nation euch zu bilden, ihr hoffet es, Deutsche, vergebens; bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus“, sagte er dazu. Nun war Goethe treuer Beamter seines Landesherrn in Weimar und wollte womöglich dessen Souveränität nicht infrage stellen. Doch auch seinem Dichterfreund Friedrich Schiller galt die nationale Einheit wenig: „Stürzte auch in Kriegesflammen Deutschlands Kaiserreich zusammen, Deutsche Größe bleibt bestehen.“ … Viele Hundert Residenzen gibt es zu entdecken, von Arolsen bis Zerbst, einst alles Hauptstädte, auch wenn sie sich heute nicht danach anhören. Kein Mensch kann sie alle aufsagen, sie fallen uns nur wieder ein, tauchen unversehens auf, wenn wir durchs Land fahren. Mit einer sonst in Europa selten erreichten Vielfalt an Architektur, von Leo von Klenze, Johann Fischer von Erlach, Balthasar Neumann und vielen anderen, je nach Façon des Landesherren. Viele kleinere von ihnen, etwa Wolfenbüttel, Gotha, Detmold lockten große Namen an, wie Leibniz oder Lessing. Oft zusammen mit deren unermesslichen Bibliotheken. Manch Musiker wurde in Provinzhauptstädten groß. Wer kennt noch das Theater Meiningen in Thüringen, ein klassizistischer Prachtbau? In Treitschkes „entsittlichter Zeit“ tourte von dort regelmäßig ein Ensemble, das diejenigen der preußischen Hauptstadt ausgestochen hätte, durchs weite Land. Und nicht nur im Großen wirkt diese Mannigfaltigkeit heute nach, auch in der deutschen Küche mit ihrer regionalen Vielfalt wie in keinem anderen Land Europas. Deutschland ist heute berühmt für seine 300 verschiedenen Brotsorten, und es ist nur bedingt zufällig, dass es so viele sind, wie es einst Länder gab.“

 

>> Wir schaffen das – alleine! von Andreas Marquart & Philipp Bagus (Buch)<<

„Deutschlands größter Dichter Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) zog ebenfalls eine Verbindung zwischen kultureller Blüte und politischem Wettbewerb:

Wodurch ist Deutschland groß, als durch eine bewundernswürdige Volkskultur, die alle Teile des Reichs gleichmäßig durchdrungen hat. Sind es aber nicht die einzelnen Fürstensitze, von denen sie ausgeht und welche ihre Träger und Pfleger sind? – Gesetzt, wir hätten in Deutschland seit Jahrhunderten nur die beiden Residenzstädte Wien und Berlin, oder gar nur eine, da möchte ich doch sehen, wie es um die deutsche Kultur stände? Ja, auch um einen überall verbreiteten Wohlstand, der mit der Kultur Hand in Hand geht! Deutschland hat über zwanzig im ganzen Reich verteilte Universitäten und über hundert ebenso verbreitete öffentliche Bibliotheken. An Kunstsammlungen und Sammlungen von Gegenständen aller Naturreiche gleichfalls eine große Zahl, denn jeder Fürst hat dafür gesorgt, dergleichen Schönes und Gutes in seine Nähe heranzuziehen. Gymnasien und Schulen für Technik und Industrie sind im Überfluss da. Ja, es ist kaum ein deutsches Dorf, das nicht seine Schule hätte. Wie steht es aber um diesen letzten Punkt in Frankreich?

In Deutschland war nicht alles in der Hauptstadt eines Großstaates konzentriert wie in Frankreich oder östlichen Riesenreichen. Die vielen unabhängigen politischen Einheiten in Deutschland – als Goethe diese Worte äußerte, waren es 39 an der Zahl – befanden sich in einem intensiven Wettbewerb. Wundert es da, dass die Zeit der deutschen Kleinstaaten ebenfalls die Zeit der kulturellen Blüte war? Im 19. Jahrhundert standen die angesehensten Universitäten der Welt in Deutschland, die um die hellsten Köpfe konkurrierten. Dort revolutionierte sich das Universitätssystem und wurde zum Vorbild für die ganze Welt. Deutschland erlebt eine einmalige kulturelle Entwicklung. … Die »Kleinstaaterei« hat die kulturelle und intellektuelle Dominanz Deutschlands nicht verhindern können. Ganz im Gegenteil, und wie Goethe richtig erkannte, war sie für den fulminanten Aufstieg verantwortlich. Die dezentralen Einheiten konkurrierten um die besten Köpfe. In den zahlreichen politischen Einheiten wurde fleißig erfunden, ausprobiert und experimentiert, mit innovativen Bildungseinrichtungen und Methoden, mit neuen Musik- oder Literaturstilen und mittels wissenschaftlicher Forschungen. Die unabhängigen kleinen Zentren und Köpfe stimulierten sich gegenseitig. Es entwickelte sich eine einmalige kulturelle und intellektuelle Dynamik. Von der Zersplitterung in die deutschen Kleinstaaten profitierte die deutsche Kultur noch lange. Noch heute sind Nachwirkungen dieser dezentralen Tradition spürbar. Der Historiker Peter Watson schreibt dazu in seinem Buch The German Genius: »Deutschland war im Januar 1933, als Hitler Kanzler wurde – zweifelsohne –, weltweit intellektuell führend.« In der Tat gab es bis 1933 mehr deutsche Nobelpreisträger als amerikanische und britische zusammengenommen. Die nationalsozialistische Gleichschaltung und Minderheitenverfolgung – besonders der jüdischen Intellektuellen – setzten der deutschen Führungsposition ein abruptes Ende. Die so gewinnbringende Zersplitterung war jedoch schon zuvor mit der Gründung des deutschen Kaiserreichs im Jahr 1871 zu Ende gegangen, als sich die verhängnisvolle Zentralisierung Deutschlands verfestigte und der schleichende Niedergang begann.“

Heutzutage wird auf das Zeitalter der deutschen Kleinstaaterei recht abfällig herab gesehen. Aber die großen Dichter Goethe und Schiller sahen dies vollkommen anders und sie hatten Rückblickend betrachtet, mit ihren Einschätzungen uneingeschränkt recht. Deutschland mag ein großes Land sein, was allerdings an einer unvorstellbarer kulturellen Armut leidet.

 

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