Analphabetismus im Finanzwissen – „Solange es nicht an allen Schulen das Fach Wirtschaft und Recht gibt“

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Häufig wird vom „Recht auf Bildung“ gesprochen, aber was steht in den einzelnen Ländergesetzen überhaupt geschrieben? – Beispiel Bayern: „Die Schulen haben den in der Verfassung verankerten Bildungs- und Erziehungsauftrag zu verwirklichen.“ – Der Erziehungs- und Bildungsauftrag steht also gleichberechtigt nebeneinander? – Dabei gilt also zu bedenken: Erziehung muss keinesfalls zwangsläufig etwas mit Bildung zu tun haben. Auch Analphabeten haben – ohne dass sie lesen und schreiben können – eine Erziehung durchlaufen. Besonders in Finanzfragen tritt diese Diskrepanz als herausstechende Auffälligkeit hervor.

Kompletter Analphabetismus im Finanzwissen? – Oder ist wirklich etwas dran?

>>Jung & Naiv<<

„JUNG: Herr Jäger, ich habe vom ifo-Präsidenten letzte Woche gelernt, dass eine der Folgen sein würde, dass die Finanzhaie und Bankster von London zum Beispiel
nach Frankfurt kommen könnten, umziehen könnten. Hofft die Bundesregierung das, oder befürchten Sie das?
JÄGER: Was haben Sie da gleich gehört?
ZUSATZ JUNG: Der ifo-Chef hat uns gesagt, dass die Bankster von London nach Frankfurt kommen könnten.
JÄGER: Was ist ein Bankster?
ZUSATZ JUNG: Die Finanzhaie, die Zocker.
JÄGER: Ich weiß nicht, von wem Sie sprechen.
ZUSATZ JUNG: Die Börsenhändler aus London!
JÄGER: Ah, das ist ein Begriff, der mir bekannt vorkommt.“

Worthülsen: „Finanzhaie und Bankster“ – Wie man sich in Unmündigkeit begibt?

Diese befremdlich anmutende Diskussion fand keineswegs in einem dubiosen Internetforum, sondern auf der Bundespressekonferenz statt. Zu allen Überfluss: Der Fragesteller wird durch öffentliche Rundfunkgebührengelder finanziert. Also an „formaler Seriosität“ lassen diese Aussagen kaum überbieten.

Die Abkehr vom Analphabetismus im Finanzwissen

Außerhalb von vermeintlich „seriösen Denkstrukturen“ betrachtet: Schon alleine am Begriff „Bankster“ tun sich Zweifel auf. Gerade in Zeiten von Kryptowährungen lassen sich auch große Geldbeträge – ohne Bank – transferieren. Das Schürfen von neuen Geld kann am eignen Rechner geschehen. Sogar Browser und Kurznachrichtendienste treten hierbei als direkte Konkurrenten von Banken auf, da sie diese „Bank-Funktionen“ einfach integriert haben. Gewiss kann man an Finanzsystem viel berechtigte Kritik üben: Aber alles Übel der Welt nur auf irgendwelche ominösen „Bankster“ zu schieben? – Doch wo kommt dieses Unwissenheit überhaupt her?

„Die Deutschen sind in Geldfragen nicht gerade mit Sachkenntnis beschlagen“

>>Manager Magazin<<

„Die Deutschen sind in Geldfragen nicht gerade mit Sachkenntnis beschlagen. Selbst um das Wissen des wirtschaftswissenschaftlichen Nachwuchses in Deutschland ist es nicht gut bestellt. Beobachter haben in diesem Kontext gar von einer erschreckenden Unkenntnis gesprochen.“

„Geldfragen“ – „In diesem Kontext gar von einer erschreckenden Unkenntnis gesprochen“

Dies hat eine Studie der Commerzbank herausgefunden. Auch andere Umfragen deuten genau in die selbe Richtung hin und scheinen das Ergebnis noch eher zu bestätigen.

„In Finanzfragen herrscht große Unsicherheit“

>> Wie finde ich die besten ETFs und Investmentfonds? von Beate Sander (Buch) <<

„In Finanzfragen herrscht große Unsicherheit. Über Mietverträge und Ratenzahlungen schätzen junge Erwachsene ihr Wissen gerade noch mit befriedigend bzw. zufriedenstellend ein. Über Anlageformen, Vermögensaufbau und Altersvorsorge beurteilt sich die Mehrheit der jungen Leute mit ausreichend, mangelhaft oder ungenügend. Solange es nicht an allen Schulen das Fach Wirtschaft und Recht gibt, werden sich die nachteiligen Wissenslücken kaum schließen.“

„Solange es nicht an allen Schulen das Fach Wirtschaft und Recht gibt“

Neben Rechnen, Lesen und Schreiben dürften die Fächer Recht und Wirtschaft vermutlich die Wichtigsten überhaupt sein und genau diese tauchen in den vielen Lehrplänen nur in seltenen Fällen auf. In der Praxis ist vermutlich der staatliche Erziehungsauftrag noch vorm Bildungsauftrag zu finden. Überspitzt: Wer seine Rechte nicht kennt, derjenige kann sie auch nicht geltend machen. Und bei Finanzfragen ist man komplett aufgeschmissen. Allerdings können diese Erkenntnisse mitnichten eine Neuigkeit darstellen. Schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wurde praktisch gleich-lautende Aussagen über das Bildungssystem festgestellt.

„Dreigliedrige Schulsystem ein Standesdenken fördere, welches seinerseits eine Untertanenmentalität hervorbringe“

>>DeWiki<<

„Nach der Befreiung vom nationalsozialistischen Regime setzen die Alliierten eine Kommission ein, die ergründen sollte, inwiefern das deutsche Bildungssystem mit zur Entfaltung des Nationalsozialismus in Deutschland beigetragen hatte. Nach ihrem Leiter George F. Zook benannt, kam die Zook-Kommission zu dem Schluss, dass die sehr frühe Aufteilung der Schülerschaft durch das dreigliedrige Schulsystem ein Standesdenken fördere, welches seinerseits eine Untertanenmentalität hervorbringe. … Ralf Dahrendorf machte 1965 auf diese Bildungsbenachteiligung in seiner Untersuchung Arbeiterkinder an deutschen Universitäten aufmerksam. Eine ethnologische Untersuchung der kalifornischen Stanford University kam zu dem Schluss, dass der Unterricht für Arbeiterkinder Anfang der 1960er-Jahre in Baden-Württemberg im Einüben normativer Sinnsprüche bestand. Diskretion und Takt von Lehrern gegenüber Arbeiterkindern gab es nur in Ausnahmefällen.“

„Unterricht für Arbeiterkinder Anfang der 1960er-Jahre in Baden-Württemberg im Einüben normativer Sinnsprüche bestand“

Die gefühlt zahllosen Bildungsreformen haben über die Jahrzehnte – oder wer möchte Jahrhunderte – kaum die Verhältnisse verändert. Schon ein oberflächlicher Blick bei der Auswahl der Schulfächer sagt eigentlich alles aus. Außerdem drängt sich der Verdacht auf: Zu viel Wissen ist hinderlich.

„Viele Schüler wünschen einer Befragung des Bankenverbandes zufolge mehr Wirtschafts- und Finanzbildung“

>>Frankfurter Allgemeine Zeitung<<

„Viele Schüler wünschen einer Befragung des Bankenverbandes zufolge mehr Wirtschafts- und Finanzbildung in der Schule. … Was versteht man unter „Inflationsrate“, und wie hoch liegt diese gerade? Gemäß der „Jugendstudie 2021“ des Bundesverbandes deutscher Banken (BdB) können 56 Prozent deutscher Jugendlicher zwischen 14 und 24 Jahren den Begriff korrekt erklären.“

„Inflationsrate“ – „Können 56 Prozent deutscher Jugendlicher zwischen 14 und 24 Jahren den Begriff korrekt erklären“

Gerade die Höhe der Inflation ist eben nicht auf „Bankster“ sondern in erster Linie auf die Politik der Europäischen Zentralbank zurückzuführen. Insbesondere Diskussionen um Inflation und das Ausweiten von Geldmengen sind wohl lieber als Nicht-Themen des Schulunterrichts zu sehen. Zumal die Banken selbst unter dieser Fehlentwicklung leiden. Zu allen Überfluss stellt der Bundesverbandes deutscher Banken die Forderung nach mehr Wirtschafts- und Finanzbildung in der Schule auf. Oder: Die vermeintlich bösen „Bankster“ sollen etwas „Gutes“ fordern? – Beim staatlichen Rundfunk müssen da wohl ganze Welten zusammenbrechen und dieser trägt seine merkwürdige Sichelweise auch sehr deutlich vor.

„Was passiert wirklich, wenn sich der Bitcoin durchsetzt?“

>>Staatsfunk „DasErste“ <<

„Was passiert wirklich, wenn sich der Bitcoin durchsetzt? – „Es ist gefährlich“, sagt Tom Hillenbrand. „Wenn wir es laufen lassen und nicht regulieren, dann kann es einen Point of no Return geben, wo es einfach alle benutzen – ob der Staat es will oder nicht. Und das ist gefährlich. Weil es dem Staat potenziell fast alle seine Handlungsmöglichkeiten nimmt. Wenn ein Staat keine Steuern erheben kann, dann gibt es keine Schulen mehr, keine Straßen, keine Armee. Das ist dann alles hinfällig. Also ein Staat, der keine Einnahmen mehr erheben kann: Das ist dann das Ende des Staates.“

Jon Danielsson:“Wenn sich Bitcoin schließlich durchsetzt, würde eine Handvoll Menschen das ganze Geld besitzen. Wir würden Ungerechtigkeit in einem Ausmaß sehen wie nie zuvor. Es wäre eine furchtbare Welt, in der wir dann leben würden, weil die extrem reichen Bitcoin-Aristokraten die gesamte Gesellschaft kontrollieren würden. Und das wäre keine Welt, in der ich leben wollte.“

„Wenn ein Staat keine Steuern erheben kann“

Diese krude beleglose Unsinn ist völlig unkommentiert beim staatlichen Rundfunk zu lesen. Der Bitcoin ist eine unter vielen Kryptowährungen und niemand kann sagen: Wie sich die Besitzverhältnisse bei Kryptowährungen in Wirklichkeit verteilen. Über die jetzigen sozialen Untergerechtigkeiten und behördlichen Überheblichkeiten wird selbstverständlich im Beitrag kein Wort verloren. Stattdessen wird ohne jegliche Beweise eine dystopische Theorie an die Wand gemalt. Ein Kommentar merkt richtigerweise an: „Man hätte Pro und Contra bezüglich Cryptovaluta im Wechsel zeigen müssen.“ – Im Rundfunkstaatsvertrag ist eine ausgewogene Berichterstattung festgeschrieben, womit sich der Rundfunk selbst von jeder Rechtsstaatlichkeit entfernt hat.