„Bei ärmeren Menschen in Deutschland eine Mangelernährung vorliegt“- Vom Brotpreis zum Chili-con-Carne-Index (1)

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Zitat: „Gedeihstörungen führen zu Untergewicht und Wachstumsretardierung, und sie beeinträchtigen die Infektionsabwehr sowie die psychomotorische und intellektuelle Entwicklung des Kindes.“ – Laut Ärzteblatt ist Minderwuchs bei Kindern durch Mangelernährung nur in Entwicklungsländern zu erwarten. Allenfalls tauchen andernorts noch historische Bezüge auf. Aber ist diese These wirklich so unumstößlich richtig?

Minderwuchs bei Kindern durch Mangelernährung?

Noch in der ehemaligen DDR waren Fragen über die Lebensmittelpreise an aller höchster Stelle angesiedelt. Und das hatte seinem Grund gehabt: Denn die damalige Führungsriege hat die Nachkriegszeit noch unmittelbar miterlebt. Steigende Brotpreise haben immer wieder zu Unruhen geführt.

„Großen Krisen 1918/1923 erlebt hatte“ – „Brotpreise und Mieten explodiert waren und Menschen hungerten“ 

>>Jetzt reden wir weiter!: Neue Beiträge zur DDR-Wirtschaft und was daraus zu lernen ist von Katrin Rohnstock (Buch) <<

„An den Preisen für Energie, Wasser, Grundnahrungsmittel und Waren des täglichen Gebrauchs war nicht zu rütteln. Und die Mietpreise verharrten bis zum Ende der DDR unverändert auf dem Niveau von 1936. Ich habe immer in Rechnung gestellt, dass die Führungsriege unseres Landes die großen Krisen 1918/1923 erlebt hatte, in denen Brotpreise und Mieten explodiert waren und Menschen hungerten.“

DDR: „Mietpreise verharrten bis zum Ende der DDR unverändert auf dem Niveau von 1936“ 

Hintergrund: Da die DDR nur 40 Jahre alt wurde, ist die damalige Führungsriege nie wirklich abgetreten. Viele große wirtschaftliche Verwerfungen am Ende des Ersten Weltkrieges haben sie leibhaftig mitgemacht und die sind augenscheinlich in lebhafter Erinnerung geblieben. Viele Preise waren in der DDR – wie Grundnahrungsmittel oder Mietenfestgesetzt. – Kurzum: Für diese Produkte hat es keine Inflation gegeben. Kein sonderbares Kuriosum der DDR: Denn der Brotpreis zieht sich wie ein konstanter roter Faden quer durch die Geschichte hindurch. Schon im antiken Rom sind Aufstände wegen gestiegener Brotpreise ausgebrochen.

„Bäcker um die Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. streikten und damit Unruhen auslösten“

>>SPQR: Die tausendjährige Geschichte Roms von Mary Beard (Buch) <<

„Die Berufsvereine waren noch weit von den mittelalterlichen Gilden entfernt: Sie setzten keine Qualifikationen für die Ausübung bestimmter Handwerke fest und erzwangen nicht, dass Betriebe ausschließlich Vereinsmitglieder beschäftigten. Sie waren auch keine antike Version von Gewerkschaften oder von Unternehmenskartellen – obwohl aus einer überlieferten Entscheidung des Provinzstatthalters von Ephesos in der heutigen Türkei offenbar hervorgeht, dass die dortigen Bäcker um die Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. streikten und damit Unruhen auslösten, und Petronius eine seiner Figuren im Satyricon klagen lässt, die Bäcker (wieder einmal) würden gemeinsam mit den örtlichen Beamten die Brotpreise hoch halten.“

Brot und Spiele – Das Prinzip war für das antike Rom staatstragend

Die Berufsvereine der Bäcker legten kollektiv die Arbeit nieder, dadurch stiegen die Preise für Brot an und lösten so letztendlich Unruhen aus. Panem et circensesBrot und Spielerespektive Zirkusspiele – hat nicht nur als einprägsamer Spruch gegolten: Vielmehr war das Prinzip staatstragend gewesen: Und das lässt sich ohne jede Übertreibung behaupten. Auch der französische König musste diese Lektion der Geschichte am eigenem Leib erfahren. Schon ein gutes Jahrzehnt vor der französischen Revolution sind Unruhen wegen gestiegener Brotpreise ausgebrochen.

„Unruhen – Die steigende Brotpreise im Frühjahr 1775 auslösten“

>>Tugend und Terror: Geschichte der Französischen Revolution von Johannes Willms (Buch) <<

„Das zeigte sich bei den Unruhen, die steigende Brotpreise im Frühjahr 1775 auslösten. Brot war das Hauptnahrungsmittel breiter Bevölkerungsschichten, die dafür einen erheblichen Teil ihres Einkommens aufwenden mussten. Der Anstieg des Brotpreises war deshalb immer mit Elend und Hunger verbunden.“

„Anstieg des Brotpreises war deshalb immer mit Elend und Hunger verbunden“

Marie Antoinette: „Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen.“ – Kaum ein anderes Zitat ist derart umstritten: Aber alleine diese Tatsache macht – selbst heute noch – die politische Sprengkraft deutlich. Ganz allgemein muss man trotzdem festhalten: Die französischen Könige haben vor ihrer Entmachtung keineswegs weise regiert: Die wirtschaftlichen Auswirkungen des Siebenjährigen Krieges waren noch spürbar: Ein riesiges Kolonialreich musste unbedingt unterhalten werden und auch die finanzielle Unterstützung der Unabhängigkeitsbewegung für die zukünftigen USA hat viel Geld gekostet: Die Missernten waren höchstwahrscheinlich nur der berühmte Tropfen, der das Fass letztendlich zum überlaufen brachte.

Wie groß ist die soziale Sprengkraft bei Preissteigerungen von Lebensmitteln?

Doch die entscheidende Frage lautet: Lassen sich die damaligen Verhältnisse auf die Gegenwart übertragen? Zumindest dürfte die Preissteigerungen bei Lebensmittel einiges an sozialer Sprengkraft bergen. Und tatsächlich werden die Preise für Grundnahrungsmittel bei der Inflation kaum berücksichtigt. Dafür aber andere Produkte oder Dienstleistungen um so mehr.

Lebensmittel: „Preise in den letzten Jahren dramatisch anzogen“

>>Focus<<

„Müller:

So wurde beispielsweise die Gewichtung von Lebensmitteln, deren Preise in den letzten Jahren dramatisch anzogen, von 13,1 Prozent im Jahr 1995 auf 10,4 Prozent im Jahr 2005 reduziert! Gleichzeitig wurde der Anteil von Freizeit und Kultur, zu dem auch die immer billiger werdenden Fernreisen zählen, von 10,4 auf 11,6 Prozent erhöht. „Im Klartext heißt das: Man will der armen Rentnerin erklären, dass sie halt Pech hat, wenn ihr ganzes Geld, das sie nach den Ausgaben für Wohnen und Heizen noch übrig hat, für immer teurere Lebensmittel draufgeht“,

illustriert der Experte.“

Die Gewichtung von Lebensmitteln spielt bei der Inflationsberechnung nur eine untergeordnete Rolle

Tatsächlich spiegelt der Warenkorb zur Inflationsberechnung eher die Lebenswirklichkeit von Wohlhabenden wider. Vereinfacht: Mieten und Lebensmittel sind sehr gering angesetzt, dafür andere Luxusprodukte überproportional stark vertreten. Zumindest hat die Universität Hohenheim auf dieses Missverhältnis reagiert und den einprägsamen „Chili-con-Carne-Index“ entwickelt.

„Trotz stagnierender Inflationsrate steigen die Lebensmittelpreise“

>>Universität Hohenheim<<

„Trotz stagnierender Inflationsrate steigen die Lebensmittelpreise. Um deren Entwicklung besser zu veranschaulichen, haben Wirtschaftswissenschaftler von der Universität Hohenheim in Stuttgart den „Chili-con-Carne-Index“ entwickelt. … Dieses Gericht ist nicht nur bei Studierenden besonders beliebt und kann leicht nachgekocht werden. In dem Warenkorb wurden ca. 70 Produkte zusammengestellt, die als Zutaten für die Herstellung dieses Gerichts Verwendung finden können. Dieser Warenkorb mache Inflation für den Normalverbraucher „erlebbar“, so die Erfinder des Index.“

Inflationsrate des Chili-con-Carne-Index: „Um deren Entwicklung besser zu veranschaulichen“

Der „Chili-con-Carne-Index“ deutet auf den ersten flüchtigen Blick wenig nach seriöser Wissenschaft hin: Aber dahinter ist ein ernster Hintergrund verborgen. In der Tat nimmt Mangelernährung eine ernste Rolle ein.

„Hartz IV und Mangelernährung: Satt ist nicht gleich gesund“ 

>>Westdeutsche Allgemeine Zeitung<<

„Hartz IV und Mangelernährung: Satt ist nicht gleich gesund – Ärmere Menschen sterben früher und erkranken oft schwerer. Laut Experten reicht ihr Geld nicht für eine gesundheitsfördernde Ernährung. … Prof. Dr. Hans K. Biesalski. „Da können Sie so gut kochen, wie Sie wollen“, sagt der Mediziner von der Universität Stuttgart-Hohenheim. Dauerhaft reiche der Hartz-IV-Regelsatz nicht für eine gesunde Ernährung. … „Das alles sind Hinweise dafür, dass bei ärmeren Menschen in Deutschland eine Mangelernährung vorliegt“, sagt Biesalski. Auch wenn nicht alle gesundheitlichen Probleme darauf zurückzuführen seien, so könnte doch mit der richtigen Ernährung ganz schnell etwas geändert werden.“

„Bei ärmeren Menschen in Deutschland eine Mangelernährung vorliegt“

Der Einfluss von Hartz IV reicht weit über die eigentliche Sozialhilfe hinaus: Viele Berufe im Niedriglohnbereich oder die Einkommen armer Selbstständige reichen genau an diese Armutsschwelle heran. Mittlerweile hat die verbreitete Armut sogar zu sehr sichtbaren Ergebnissen geführt. Sogenannte „Hartz-IV-Kinder“ sind 1,8 Zentimeter kleiner als ihre Altersgenossen. Aber Armut ist kein unüberwindbares Prinzip: Im 2. Teil geht es genau darum.

 

–W E R Β U Ν G–

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