„Bei ärmeren Menschen in Deutschland eine Mangelernährung vorliegt“- Vom Brotpreis zum Chili-con-Carne-Index (2)

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Zitat: „Gedeihstörungen führen zu Untergewicht und Wachstumsretardierung, und sie beeinträchtigen die Infektionsabwehr sowie die psychomotorische und intellektuelle Entwicklung des Kindes.“ – Laut Ärzteblatt ist Minderwuchs bei Kindern durch Mangelernährung nur in Entwicklungsländern zu erwarten. Allenfalls tauchen andernorts noch historische Bezüge auf. Aber ist diese These wirklich so unumstößlich richtig?

Minderwuchs bei Kindern durch Mangelernährung?

Armut muss aber zwangsläufig kein unüberwindbares Prinzip sein, auch wenn der 1. Teil das Gegenteil vermitteln mag. Noch in der ehemaligen DDR waren Fragen über die Lebensmittelpreise an aller höchster Stelle angesiedelt. Und das hatte seinem Grund gehabt: Denn die damalige Führungsriege hat die Nachkriegszeit noch unmittelbar miterlebt. Steigende Brotpreise haben immer wieder zu Unruhen geführt.

„Großen Krisen 1918/1923 erlebt hatte“ – „Brotpreise und Mieten explodiert waren und Menschen hungerten“ 

>>Jetzt reden wir weiter!: Neue Beiträge zur DDR-Wirtschaft und was daraus zu lernen ist von Katrin Rohnstock (Buch) <<

„An den Preisen für Energie, Wasser, Grundnahrungsmittel und Waren des täglichen Gebrauchs war nicht zu rütteln. Und die Mietpreise verharrten bis zum Ende der DDR unverändert auf dem Niveau von 1936. Ich habe immer in Rechnung gestellt, dass die Führungsriege unseres Landes die großen Krisen 1918/1923 erlebt hatte, in denen Brotpreise und Mieten explodiert waren und Menschen hungerten.“

DDR: „Mietpreise verharrten bis zum Ende der DDR unverändert auf dem Niveau von 1936“ 

Die DDR-Wirtschaft und ihre staatlich festgelegten Preise werden heutzutage häufig milde belächelt. Aber Preise durch staatliche Verordnungen festzulegen: Das war auch innerhalb der Bundesrepublik unter Kanzler Konrad Adenauer bekannt.

„Preise für Getreide inländischer Erzeugung für das Getreidewirtschaftsjahr 1951/52 durch Verordnung festzusetzen“ 

>>Konrad Adenauer: Innenpolitik 1949–53 und ihre Bedeutung von Günther Dahlhoff (Buch) <<

„Die Brotpreise stiegen von 1949 bis 1953 um mehr als die Hälfte. 1951 erhielt die Bundesregierung die Vollmacht, Preise für Getreide inländischer Erzeugung für das Getreidewirtschaftsjahr 1951/52 durch Verordnung festzusetzen.“

„Brotpreise stiegen von 1949 bis 1953 um mehr als die Hälfte“

Eigentlich hat sich an der heutigen Situation wenig verändert. Nur hat sich die heutige Perspektive grundlegend gewandelt. Steigende Lebensmittelpreise und sinkende Realeinkommen spielen praktisch keine Rolle mehr. Die Mangelernährung wird einfach als „individuelle Schuld“ abgetan.

„Ungesunde Ernährung von der Anzahl günstiger Fast-Food-Restaurants in der Nachbarschaft begünstigt“

>>Stadt Oberhausen (PDF-Datei) <<

„So wird bspw. eine ungesunde Ernährung von der Anzahl günstiger Fast-Food-Restaurants in der Nachbarschaft begünstigt oder die Häufigkeit der Bewegung von Bewegungsmöglichkeiten (Grünflächen, Spielplätze, Sportangebote, Verkehr) im nahen Wohnumfeld.“

Unumstößliches Dogma: Arme sind selbst schuld an ihrer Armut

Schnellrestaurants sollen also die Schuldigen sein. Oder: Die Probleme müssen auf andere externe – nicht zu beeinflussende – Gründe geschoben werden: An diesem Grunddogma arbeiten sich viele Sozial- und Armutsberichte ab. Vereinfacht: Arme sind selbst schuld an ihrer Armut. – Somit ist das Problem aus der Welt geschafft und jede andere Erklärung wird als „Unwissenschaftlich“ abgetan. Allerdings hat die Geschichte eines aufgezeigt: Die Lebensumstände müssen augenscheinlich in der Antike viel besser gewesen sein.

„Körpergröße von erheblich mehr als zwei Metern“ – „Anekdote des Dio Cassius ist von manchem später als Märchen belächelt“

>>Als die römischen Adler sanken: Arminius, Marbod und die Legionen des Varus von Walter Böckmann (Buch) <<

„Die Anekdote des Dio Cassius ist von manchem später als Märchen belächelt worden. Aber weder diese Art Weissagung wäre märchenhaft gewesen noch die ungewöhnliche Größe dieser Frau, fanden sich doch vor allem unter den nördlicheren Germanen nicht wenige, die zwei Meter und mehr maßen, und das galt nicht nur für die Männer. In späteren Heldenliedern wird mehr als einmal von solchen „Riesen“ berichtet, die eine Körpergröße von erheblich mehr als zwei Metern erreichten. In Gräberfeldern aus dem 5. und 6. Jahrhundert hat man mehrere solcher Riesenskelette gefunden und selbst die Gebeine des Sachsenherzogs Widukind, die man in Enger entdeckt zu haben glaubt, deuten auf eine ungewöhnliche Körpergröße hin.“

„Gräberfeldern aus dem 5. und 6. Jahrhundert hat man mehrere solcher Riesenskelette gefunden“ 

Die ungewöhnlichen Körpergrößen deuten auf gute Ernährungs– und Lebensumstände hin. Die Anekdote des Dio Cassius ist auch deshalb erstaunlich, weil die Römer für die Germanen wenig übrig hatten. Die sogenannten „Germanen“ waren im eigentlichen Sinne kein Volk, sondern eher ein römischer Sammelbegriff für alle möglichen Völker jenseits des Limes gewesen. Überspitzt: Die Römer haben die Germanen als wilde kulturlose Stämme oder einfach nur als Barbaren angesehen. Daher ruft zurecht die Anekdote des Dio Cassius viel Erstaunen hervor. Kurzum: Gemessen an der Körpergröße fand also in den letzten zwei Jahrtausenden eher eine gesellschaftliche Rückentwicklung statt. Das Körpergröße und Lebensumstände miteinander in Zusammenhang stehen: Das lässt sich ebenso in der Neuzeit beobachten.

„Bericht der medizinischen Fachzeitschrift Lancet“ – „Chinesen in den letzten dreißig Jahren immer größer geworden“

>>China Internet Information Center<<

„Aus einem aktuellen Bericht der medizinischen Fachzeitschrift Lancet geht hervor, dass die Chinesen in den letzten dreißig Jahren immer größer geworden sind. … Die Chinesen haben in den letzten vierzig Jahren in jeder Hinsicht Wachstum zu verzeichnen. Die chinesische Wirtschaft blühte auf, und das Durchschnittseinkommen stieg an. Die Ernährungslage wurde deutlich verbessert, dank der stetig verbesserten Einkommen, was wiederum zum Körperwachstum beigetragen hat.“

„Ernährungslage wurde deutlich verbessert, dank der stetig verbesserten Einkommen, was wiederum zum Körperwachstum beigetragen“

Während die vermeintlich unterentwickelten Chinesen immer mehr an Längenwachstum zunehmen, ist in Deutschland bei der ärmeren Bevölkerungsschicht genau das Gegenteil zu beobachten. Armut muss also zwangsläufig kein unüberwindbares Prinzip sein. Vielmehr ist die richtige politische Weichenstellung entscheidend.

 

–W E R Β U Ν G–

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