Geschichte: „Auf den Sklavenmärkten im Maghreb sind Christen das weiße Gold“

Screenshot cimsec.org

Ein wenig beachtete Kapital in der Geschichte stellen europäische Sklaven da. Über Jahrhunderte hinweg waren die Mittelmeerküsten vor Sklavenjägern nicht sicher und selbst in England, Island und vor den Toren Hamburgs machten sie Beute.

>>Geschichte-Wissen<<

„Weisse Sklaven: Barbaresken, Europäer und Amerikaner Fast lautlos glitten sie heran, die zwölf Schiffe, die in der Nacht vom 2. auf den 3. September 1798 die Insel San Pietro vor der Südküste Sardiniens anliefen. Später hiess es, ein zum Islam bekehrter Insulaner selbst, ein gehörnter Ehemann, habe die Freibeuter gegen den Ort Carloforte geführt. Dessen Bewohner schlummerten nichtsahnend, als die Hölle losbrach. Ein Chronist berichtete:

»Im Nu hatten sich die Barbaresken überall auf dem kleinen Eiland verteilt, die Türen gesprengt und das Innere der stillen Behausungen mit ihren Fackeln in grelles Licht getaucht. Die Leute, zu Tode erschrocken und gänzlich kopflos, wurden ohne Gegenwehr gepackt und in Ketten gelegt. … Den Frauen drohten Schande und Gewalt, den Unglücklichsten unter ihnen, welche sich verzweifelt gegen die Besudelung durch ihre Umarmung gewehrt hatten, stiessen die Barbaren auf eigenem Bette den Dolch in die Brust.«

Nahezu die ganze Einwohnerschaft, rund 750 Menschen, verschwand in den Schiffsbäuchen, um auf dem Sklavenmarkt von Tunis wieder ausgespien zu werden.“

 

>>Welt<<

„Begonnen habe dieser fürchterliche Aderlass im Jahre 652 als der General und Emir Abdallah ben Said dem nubischen König Khalidurat einen Vertrag aufgezwungen habe, der neben der Auslieferung entflohener Sklaven von Muslimen auch die jährliche Lieferung von „dreihundertsechzig Sklaven beiderlei Geschlechts“ vorsah, „die unter den Besten eures Landes ausgewählt und an den Imam der Muslime überstellt werden“. … ür N’Diaye haben die arabomuslimischen Sklavenhändler und die Sklavenjäger Afrikas nicht die maßgebliche Vorarbeit für den europäischen Sklavenhandel geleistet: „Fast zehn Jahrhunderte lang, vom 7. bis 16. Jahrhundert, besaßen sie sogar das Monopol auf diesen schmählichen Handel“.

 

>>Hamburger Abendblatt<<

„Vor 200 Jahren erreichten die Überfälle islamischer Korsaren auf Handelsschiffe den Höhepunkt. Auch Hamburger wurden zu Opfern. Die drei exotischen Schiffe vor der Elbmündung sind flink, gefährlich und gefürchtet wie die Giftschlangen an der nordafrikanischen Küste, und von dort kommen sie auch her. Die Haifischsilhouette mit dem scharfen Bug und den Dreieckssegeln an den schrägen Masten löst überall Panik aus. Wehe dem Kauffahrer, der den Kurs der Korsaren kreuzt! Wehe den Fischern, die es aus ihrem Dorf nicht mehr rechtzeitig in die Dünen schaffen! Brutal und blutrünstig fallen die Piraten aus den Barbaresken, den berüchtigten Raubnestern in Algerien, Tunesien, Libyen und Marokko, auf der Nordsee über ihre Opfer her. Wer sich wehrt, stirbt. Wer überlebt, wird unter Deck angekettet. Auf den Sklavenmärkten im Maghreb sind Christen das „weiße Gold“. Zuerst erwischt es in diesem März 1817 den Hamburger Segler „Reiherstieg“. Er muss, so die Chronik des Stadtgeschichtlers Johann Gustav Gallois, „mit der Mannschaft, die Sklaven wurden, nach Algier in die Gefangenschaft“. Schon zur Zeit Karls des Großen nisten sich sarazenische Seeräuber an den Küsten Südfrankreichs und Italiens ein. Seit dem 16. Jahrhundert morden und plündern sie für den türkischen Sultan auch in Nordeuropa bis nach Island. Die Opfer erwartet Schlimmes. Nur wenige können sich freikaufen. Die anderen müssen jahrelang in der Gefangenschaft schmachten. Viele kehren nie wieder nach Hause zurück. In Algier kommen 1650 auf 100.000 Einwohner rund 40.000 weiße Sklaven. Frauen und Mädchen werden für Haushalt und Harem islamischer Herren verkauft. Männer müssen aus den Steinbrüchen bei Algier Blöcke, die mehr als 40 Tonnen wiegen, auf Schlitten in die Stadt ziehen. Die Unglücklichsten werden an die Ruderbänke der Galeeren gekettet. Der US-Historiker Robert Davis von der Ohio State University in Columbus errechnete eine Sterberate von jährlich 20 Prozent.“

 

>>Spiegel<<

“ Im Schutz der Dunkelheit pirschten sich die Jäger lautlos heran. Unter Schlägen wurden die Bewohner der Siedlungen zusammengetrieben und an Bord der vor der Küste wartenden Schiffe gebracht. Meist war der Spuk so schnell zu Ende, wie er begonnen hatte. Unter Deck kauerten die Gefangenen wimmernd in dunklen Verschlägen; an Land bellten, nachdem die Schreie der Überrumpelten verstummt waren, nur noch die Hunde. Von 1500 nach Christus bis weit ins 18. Jahrhundert war das Mittelmeer für die christlichen Anrainerstaaten eine See der Angst. Muslimische Sklavenjäger von der nordafrikanischen Küste durchpflügten auf der Suche nach Christenbeute das Meer. Die Bewohner küstennaher Siedlungen Italiens, Frankreichs und Spaniens endeten zu Tausenden in der Gefangenschaft. Bauern und Landarbeiter verschwanden von ihren Feldern. Fischern wurde das Auswerfen der Netze zum Verhängnis. Auf vielen Mittelmeerinseln prägte der bange Blick zum Horizont jahrhundertelang das Leben der Bewohner. Selbst an vielen Gestaden des Atlantiks war es mit der Sicherheit vorbei. Die nordafrikanischen Korsaren trieben ihr Unwesen vor Portugal, an der Kanalküste und in der Irischen See. 1627 verschleppten die Sklavenjäger sogar 400 Isländer, die sich in ihrer kalten Heimat weitab von jeder Gefahr gewähnt hatten. Die Historiker haben sich mit den Dimensionen des mediterranen Sklavenhandels bisher kaum beschäftigt. Verlässliche Opferzahlen fehlten. Das düstere Kapitel der Mittelmeergeschichte geriet in Vergessenheit, weil durch die europäische Großmacht- und Kolonialpolitik des 19. und 20. Jahrhunderts aus den ehemaligen Opfern Täter geworden waren. Schätzungen über die Zahl der in Gefangenschaft Geratenen fielen deshalb eher zurückhaltend aus: Insgesamt nur ein paar tausend Menschen, so vermuteten die Experten, seien den muslimischen Sklavenhändlern in die Hände gefallen. Erst jetzt hat ein US-Historiker das Ausmaß der Menschenjagd im Mittelmeer gründlich erforscht. „Vieles von dem, was bisher geschrieben wurde, vermittelt den Eindruck, als wäre das Problem für Europa nicht bedeutend gewesen“, erklärt Robert Davis von der Ohio State University**: „Doch das ist ein Irrtum.“ Davis sichtete Quellen, die den Menschenhandel in den Korsarenhochburgen Algier, Tunis und Tripolis dokumentieren. Er ermittelte die Zahl der in den muslimischen Mittelmeerhäfen jährlich durch Tod, Flucht oder Lösegeldzahlungen ausfallenden Zwangsarbeiter, die durch neue Menschenware ersetzt werden mussten, und errechnete auf dieser Grundlage die Zahl der Gesamtopfer. Sein überraschendes Ergebnis: Zwischen 1530 und 1780 landeten „fast sicher eine Million und ziemlich wahrscheinlich bis zu 1,25 Millionen“ weiße christliche Gefangene auf den Sklavenmärkten Nordafrikas – kahl geschoren und in Eisen geschmiedet. Allein zwischen 1530 und 1580 erbeuteten die Korsaren von Algier 300 000 europäische Sklaven. Davis: „Wir haben das Gefühl dafür verloren, wie groß die Bedrohung für diejenigen war, die um das Mittelmeer herum lebten.“ In den Sklavenhändler-Metropolen entwickelte sich die Christenjagd in dieser Zeit zu einer wahren Industrie. Nach groß angelegten Fangaktionen mit Dutzenden von Galeeren und Tausenden von Be- waffneten „regnete es Christen in Algier“, wie Zeitgenossen notierten. Erfolgreiche Korsarenka-pitäne führten ihre mit Stricken aneinander gebundene Beute in einer Art Triumphzug durch die Stadt. Die meisten der Opfer waren Männer. Doch nach erfolgreichen Überfällen auf Städte und Dörfer überschwemmten auch weibliche Gefangene und Kinder die Sklavenmärkte.“

 

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