Kulturelle Isolationshaft: „Hartz IV ist offener Strafvollzug“

Screenshot vimeo.com

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Die Isolierung von Anderen führt nicht nur zur Verhaltensänderungen, sondern kann noch viel schwerwiegendere Folgen nach sich ziehen. Selbst der Tod ist keineswegs ausgeschlossen. Hartz IV: Der faktische Ausschluss von sozial-kulturellen Leben ist ein schwerwiegender Eingriff in die Menschenwürde.

>>Presseportal<<

„Die faktische Vermittlungsquote der Arbeitsverwaltung bei arbeitslosen Hartz IV-Beziehern liege bei lediglich etwa fünf Prozent. Die Regelleistungen schützten zudem in keiner Weise vor Armut. Entsprechend gering sei die Akzeptanz in der Bevölkerung. „Hartz IV steht in der Bevölkerung längst nicht mehr für Hilfe. Hartz IV wird heute ganz überwiegend als ein System wahrgenommen, das im besseren Fall von Tristesse und im schlechteren Fall von Sanktionierungen gekennzeichnet ist“, so Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands. Der Verband fordert vor diesem Hintergrund unter dem Motto „Hartz IV hinter uns lassen“ eine konsequente Neuausrichtung der Grundsicherung für Arbeitslose. „Es ist Zeit, zu brechen mit der misanthropischen Grundhaltung und dem negativen Menschenbild der Hartz-Gesetze, mit dem der Sanktionsapparat, aber auch die unter der Armutsgrenze liegenden Geldzuwendungen begründet werden“, so Ulrich Schneider. Der Leitsatz des Förderns und Forderns sei mit Blick auf die Realitäten nur noch ein Euphemismus. „Kompass für Reformen muss der Respekt vor dem Mittel- und Arbeitslosen und seinen Angehörigen sein. Menschenwürde und Individualität statt Massenverwaltungstauglichkeit, Hilfe statt Strafe sind die Leitlinien, an denen sich echte Reformen der Grundsicherung für Arbeitssuchende orientieren müssen.“ Notwendig seien u.a. eine Stärkung der Arbeitslosenversicherung und der Umbau der Arbeitsförderung von dem bisherigen Sanktionssystem zu einem echten Hilfesystem.“

 

>>Frankfurter Rundschau<<

„Die Vision von Vollbeschäftigung bis 2025 ist absurd: Wer 2025 die Arbeit macht? Sicher nicht die Menschen jenseits der Untergrenze. Adidas eröffnet eine Schuhfabrik, die nur Roboter anheuert. Die Deutsche Post testet einen Briefträger-Bot. Selbst der Müll wird vom selbstfahrenden LKW abgeholt. Jugendliche werden besonders schnell und besonders hart sanktioniert. Wer sich zweimal fehl verhält, bekommt kein Geld mehr – gar keins. … Grundrecht auf freie Berufswahl? Fehlanzeige! Wer nicht Altenpflegerin, sondern Musikerin werden will, wird sanktioniert. Rund 400.000 Menschen existieren unter dem „Minimum“. Wie das geht, will keiner wissen. Wer stark genug ist, findet einen Weg. Schwarzarbeit, solche Sachen. Wir zwingen Menschen in die Illegalität, weil sie sich nicht in ein fremdes Leben zwingen lassen. Schon der Begriff erregt Grauen: Hartz IV ist offener Strafvollzug. Wer nicht spurt, wird bestraft. Angst und Frust sind kein Motivator.“

 

>>Zeit<<

„Armut in der westlichen Welt, in einer führenden Industrienation und einem der reichsten Länder der Erde sieht anders aus als die Armut in einer Favela oder einem Slum. Schon heute wird Armut nicht mehr nur daran gemessen, wie viele Kalorien ein Mensch täglich zu sich nimmt. Die Länge der Schlangen bei Essensausgabestellen der Nation, die Tafeln übrigens sind die größte, aber nicht die einzige Einrichtung, sind also kein zuverlässiger Indikator dafür, wie arm ein Mensch trotz Sozialhilfe ist. Armut bemisst sich auch an Faktoren wie Mobilität, Anschluss an Bildung oder Diskriminierung. Ein Mensch kann in Deutschland viel zu essen haben und bitterarm sein. Nur so nebenbei: Es gibt in Deutschland Kinder, deren Eltern mittags die Zuzahlung zum Mittagessen nicht finanzieren können. Wir sprechen hier von einem oder zwei Euro.“

 

>>Projekt: „Kubi-online: Wissenstransfer für Kulturelle Bildung“ <<

„Wir wissen aus vielen Studien, dass das Bildungsbemühen und der Bildungserfolg insgesamt in Deutschland ausgesprochen stark vom Bildungsstand der Eltern abhängig ist. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass das nicht auch für kulturelle Bildung gilt. Wahrscheinlich sogar verstärkt, weil hier zwei vom Bildungsniveau der Eltern abhängige Variablen – „Bildungsengagement“ und kulturelles Interesse – für die Kinder wirksam werden. Daraus folgt: Die Kinder, deren Eltern selbst über höhere Bildung, höheres Einkommen und eine höhere berufliche Stellung verfügen, nutzen Angebote der Kinderkultur selbstverständlich und oft sehr intensiv. Kinder aus bildungsfernen und sozial benachteiligten Familien sind dagegen deutlich unterrepräsentiert. Und das nicht, weil ihnen der Theaternachmittag, der künstlerische Workshop oder die musikalische Früherziehung keinen Spaß machen würden, sondern weil sie überhaupt nicht in die Lage versetzt sind, dies festzustellen – dazu muss man ja erst einmal teilgenommen haben… Gründe gegen eine Teilhabe gibt es viele: Die Geldfrage spielt sicherlich eine große Rolle – bei einer Nürnberger Kinderkultur-Umfrage und Repräsentativbefragung zu kultureller Teilhabe haben 90% der ärmeren Familien angegeben, aus Kostengründen kulturelle Angebote für ihre Kinder nicht wahrgenommen zu haben (vgl. Hermann Burkard u.a. 2011). Ein Instrument spielen kostet Geld für Unterricht, Instrument, Noten. Der Eintritt ins Kindertheater kann sich, trotz eventueller Ermäßigungen, für eine mehrköpfige Familie schon auf einen mittleren zweistelligen Euro-Betrag Euro summieren – im Hartz IV-Regelsatz ist dies nicht enthalten und auch im neue Bildungs- und Teilhabepaket kann man davon nur einen kleinen Teil geltend machen.“

Das äußerst bürokratische Bildungs- und Teilhabepaket beschränkt sich auf einen Zuschuss von lediglich zehn Euro: Damit ist keine kulturelle Teilhabe möglich. Insofern dürfte es sich um eine Mogelpackung handeln. Für volljährige Erwachsene gibt es überhaupt keine Kultur, auch wenn rein formal ein paar Euro im Hartz IV Satz vorgesehen sind. Selbst billige Theater- oder Opernkarten sind damit unerschwinglich und das selbe gilt für ein Besuch des Kinos. Denn mit den Kauf der Eintrittskarte ist beileibe nicht getan, alleine die Kosten für den Hin- und Rückreise sind für viele unerschwinglich. Seit Jahren ist bekannt, dass die Berechnung der sozialen Hilfe unzureichend ist und keineswegs beschränkt auf den Posten Kultur. Die meisten Arbeitslosengeld-II-Bezieher sind damit beschäftigt, den Alltag mit den wenigen Geld überhaupt irgendwie zu bewältigen, sowie die steten Forderungen des Amtes nachzukommen und die Androhungen von Sanktionen irgendwie abzuwehren.

>>Wissen.de<<

„So viel können wir sagen: Bei seinem Experiment wollte Friedrich II. feststellen, welche Sprache Kinder entwickeln, wenn sie ohne Ansprache und Zuneigung aufwachsen. Über den genauen Hergang des Experiments ist wenig bekannt. Das Ergebnis seines Experiments war allerdings niederschmetternd: Alle Kinder starben, wohl auf Grund fehlender sensorischer Stimulation. Er schrieb dazu: »Sie vermochten nicht zu leben ohne das Händepatschen und das fröhliche Gesichterschneiden und die Koseworte ihrer Ammen.« Ein ähnliches Experiment hatte übrigens schon vor rund 2500 Jahren der ägyptische König Psammetich I. durchgeführt. Er setzte zwei neugeborene Kinder bei einem Ziegenhirten in der Wildnis aus, um die menschliche Ursprache zu erforschen. Der Ziegenhirte durfte mit den Kindern natürlich kein Wort reden, so waren deren einzige »Ansprechpartner« die Ziegen. Nach zwei Jahren war das einzige Wort, das die Kinder sprachen »bek bek« – eine Nachahmung des Meckerns der Ziegen.“

Der Mensch ist ein soziales Wesen: Vereinsamung verändert negativ den Charakter und ist schlecht für die Gesundheit.

 

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