Lausitz: Der Kurs der Deindustrialisierung

Screenshot stumme-zone.com

Ja, das kann ich. Den Menschen in der Lausitz wird derzeit viel abverlangt. Über Jahrzehnte hat die Braunkohle vielen Bürgerinnen und Bürgern in der Region Einkommen und Arbeitsplätze gesichert. Der Braunkohletagebau war entscheidend für die Stabilität und auch für die Identität der Region. Der Strukturwandel bringt Unsicherheiten mit sich. Deshalb ist es wichtig, dass die Menschen hier in der Lausitz eine echte Perspektive auf Zukunft behalten.“ Die Worte des Bundespräsidenten lassen sich ähnlich wie ein Arbeitszeugnis interpretieren. Oberflächlich klingt es zwar gut, aber in Wirklichkeit bedeutet es: Dem wirtschaftlichen Super-GAU für die Lausitz. Am Kurs der Deindustrialisierung wird festgehalten. Die Auswirkungen dürften ähnlich Katastrophal, wie nach der Wiedervereinigung ausfallen.

>>Focus<<

„Eine Pflegerin aus einem Heim im Landkreis Bautzen macht ihrem Herzen Luft. Sie spricht für Tausende. Die Stimme am Telefon bebt. „Die Zahlen, die Sie da verkünden …“ – die Frau braucht erst einmal ein paar Sekunden Pause. Dann bricht es aus ihr heraus: „Wissen Sie, meine Tochter arbeitet in einem Pflegeheim. Sie sind dort auf der Station ständig unterbesetzt und häufen Überstunden an. Meine Tochter ist gereizt, kommt kaum noch zur Ruhe.“ DAS, so sagt die Frau, sei der Alltag in der Pflegebranche. „Und nicht die Zahlen, die Sie verkünden! Die können nicht stimmen.“ Doch, sie stimmen schon – rein statistisch gesehen. Das Sächsische Sozialministerium hatte sie im Oktober zum Pflegedialog mit nach Schmochtitz gebracht.“

Häufig sind es – unbezahlteÜberstunden. Jenseits diverser Erfolgsmeldungen über den Aufbau Ost, sieht die wirtschaftliche Realität vielerorts doch sehr ernüchternd aus. Überspitz formuliert: Die Lausitz wurde in Zuge der Wiedervereinigung von einen Industrieland, auf die Stufe eines Schwellenlandes herabgesetzt. Sehr viel verarbeitendes Gewerbe ging damals verloren und schon Anfang der 1990er Jahre waren vielen kritischen Zeitgenossen klar: Ein historisch gewachsenes Unternehmen, bestehend aus eingelernten Mitarbeitern, Zuliefern und Kunden entsteht keinesfalls über Nacht. Allen haltlosen Politikerversprechen zum Trotz.

>>Sächsische Zeitung<<

„Dass auch knapp 30 Jahre nach dem Mauerfall die Entgelte auseinanderklaffen, sei der Produktivitätslücke zwischen West- und kleinteilig strukturierter Ost-Wirtschaft geschuldet.“

Die Übersetzung von solchen Sätze fällt dann wenig schmeichelhaft aus. Um die Produktivität zu erhöhen, können beispielsweise Arbeitsabläufe verbessert oder leistungsfähigere Maschinen angeschafft werden. Beim ersten Punkt, ist normalerweise schon alles ausgereizt. Beim zweiten Punkt, tritt die Frage nach den Sinn des Ganzen auf? Weshalb eine teuere Maschine kaufen, wenn Arbeitskräfte billig und willig sind? Das alles ist kein Geheimnis: Die Sächsische Staatsregierung wirbt vollkommen unverblümt damit, dass die gezahlten Löhne rund Eindrittel niedriger als in der Rest-BRD sind und sich irgendwo zwischen Spanien und Italien einpendeln. „Der Bildungsstand der erwerbsfähigen sächsischen Bevölkerung (im Alter zwischen 25 und 64 Jahren) ist höher als in Deutschland und in den meisten EU- und OECD-Ländern. 95 Prozent der Sachsen haben mindestens die Hochschulreife oder eine abgeschlossene Berufsausbildung vorzuweisen. – Der OECD-Durchschnitt z. B. liegt bei „nur“ 78 Prozent.“ Ungefähre Übersetzung: Nirgendwo sonst, arbeitet so gut qualifiziertes Personal für so wenig Geld. Für den nördlichen Teil der Lausitz sieht es mitnichten anders aus.

>>Hochschule Zittau/Görlitz – Warum verliert die Oberlausitz ihre Kinder? Was tun? <<

„Der absolute Bevölkerungsrückgang von 20 % scheint auf den ersten Blick verkraftbar. Ein anderes Bild ergibt sich jedoch, wenn man nicht die absolute, sondern die altersbezogene Bevölkerungsentwicklung betrachtet: Die Zahl der über 80-jährigen Menschen in der Oberlausitz wird bis 2030 um fast 70% zunehmen, die Zahl der 20-65-jährigen Menschen jedoch um fast 50% abnehmen.“

Natürlich hat diese Entwicklung einen langen Vorlauf und trat keinesfalls überraschend ein. Viele fähige Menschen haben die Lausitz verlassen, weil sie – völlig zu Recht – keine Perspektive gesehen haben.

 

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