Lausitzer Geschichte: Warum hat die antike Lausitzer Kultur nicht den wohlverdienten Status einer Hochkultur erreicht?

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Allgemein hat die antike Lausitzer Kultur nicht den wohlverdienten Status einer Hochkultur erreicht. Aber warum eigentlich nicht? Immerhin können einige Fundstätte es durchaus mit modernen Industriebetrieben zur Metallverarbeitung aufnehmen.

Lausitzer Kultur: Führend in der antiken Metallurgie

Die Lausitzer Kultur war also in der Antike führend auf dem Gebiet der Metallurgie gewesen, was gleichzeitig auf Arbeitsteilung und eine komplexe Gesellschaftsstruktur schließen lässt: Trotz dieser neuen unumstößlichen Fakten hält die heutige Gemeinde an Historikern an ihren alten Sichtweise fest. Doch die heutige offizielle Geschichtsschreibung zeichnet sich eben auch durch viele Widersprüche und konkurrierenden Theorien aus.

„Manchmal dienten die konkurrierenden Theorien zur slawischen Geschichte auch der Abwehr externer Ansprüche“

>>Invasion der Barbaren von Peter Heather (Buch) <<

„Manchmal dienten die konkurrierenden Theorien zur slawischen Geschichte auch der Abwehr externer Ansprüche. So versuchte Gustaf Kossinna, wie in Kapitel 1 geschildert, mit einer angeblichen germanischen Besiedlung deutsche Gebietsansprüche zu rechtfertigen. … Um dieser These Schlagkraft zu verleihen, waren einige intellektuelle Kniffe nötig. In Tacitus’ Germania heißt es, germanischsprachige Gruppen – insbesondere die historisch herausragenden Goten – hätten im 1. nachchristlichen Jahrhundert das Gebiet nach Osten bis zur Weichsel besiedelt. Das war natürlich nicht ohne Weiteres mit der These zu vereinbaren, wonach in genau diesem Gebiet schon seit jeher Slawen gelebt hätten.“

„Wonach in genau diesem Gebiet schon seit jeher Slawen gelebt hätten“

Die Aussage von Tacitus mag sicherlich der Wahrheit entsprechen: Aber diese schriftliche Äußerung stellt vielmehr ein Nicht-Aussage dar. Denn für die Römer waren die Germanen oder germanischsprachige Gruppen nur ein Sammelbegriff für alle möglichen Völker jenseits des Limes gewesen. Mit „Germanen“ kann also jeder und gleichzeitig niemand gemeint sein. Außerdem kommt – die noch heute aktuelle Problematik – der national eingefärbten Geschichtsschreibung hinzu. Schon Anhand der Namen lässt sich das slawische Siedlungsgebiet klar identifizieren.

„Das slawische Siedlungsgebiet östlich der Elbe kann anhand der zahlreichen slawischen Orts- und Flussnamen identifiziert werden“

>>Auf den Spuren der Indoeuropäer von Harald Haarmann (Buch) <<

„Das slawische Siedlungsgebiet östlich der Elbe kann anhand der zahlreichen slawischen Orts- und Flussnamen identifiziert werden, die sich über das Mittelalter hinaus bis in die Neuzeit erhalten haben. Dazu gehören Ortsnamen, die mit slawischen Suffixen enden wie -in (Berlin, Schwerin, Stettin, Eutin), -itz und -ick (Bardowick, Grömitz, Kücknitz, Neustrelitz), -ow (Güstrow, Hagenow, Rathenow), Flussnamen wie Stepenitz, Warnow oder Pulsnitz und die Namen von Landschaften (z.B. die Lausitz benannt nach dem slawischen Stamm der Lutizen). Die Lutizen waren die Nachkommen von Slawen, … die nach ihnen benannte Lausitzer Kultur begründet hatten.“

„Die Lutizen waren die Nachkommen von Slawen“ – „Nach ihnen benannte Lausitzer Kultur begründet“

Die Lausitzer Kultur hat leider nur bruchstückhafte Reste überlassen. Doch besonders in der Metallurgie muss sie zur damaligen Zeit führend gewesen sein. Bei manchen gemachten Funden müsste eigentlich die Anfänge der Industrialisierung in die Antike verlagert werden.

„Verarbeitung von Raseneisenerz in großem Stil“

>>Hoyte24.de<<

“ … Experten vom sächsischen Landesamt für Archäologie unter anderem Funde gemacht, die aus der Bronzezeit und der Römischen Kaiserzeit stammen. … Unter anderem seien die Überreste von nicht weniger als 100 Rennöfen freigelegt worden, die auf die Verarbeitung von Raseneisenerz in großem Stil hindeuten. „Ein früher Industriestandort“, heißt es von der Leag.“

Lausitz: „Ein früher Industriestandort“

Das Ausmaß der Fundstätte kann es durchaus mit einem modernen Industriebetrieb aufnehmen. Die rund 100 Rennöfen dürften zur Versorgung der näheren Umgebung hoffnungslos überdimensioniert gewesen sein: Es muss also – vergleichbar wie heute – im größeren Umfang eine Arbeitsteilung – inklusive Spezialisierung – stattgefunden haben.

Eine primitive Gesellschaft mit Subsistenzwirtschaft kann niemals diesem Entwicklungsstand erreichen

Eine primitive Gesellschaft mit Subsistenzwirtschaft kann solche Dinge logischerweise niemals vollbringen. Demzufolge scheint die Frage durchaus berechtigt: Warum hat die Lausitzer Kultur nicht den wohlverdienten Status einer Hochkultur erreicht? – Die Antwort auf diese berechtige Frage liegt in der sehr eigenwilligen Definition begründet.

Warum hat die Lausitzer Kultur nicht den wohlverdienten Status einer Hochkultur erreicht?

>>Diercke Weltatlas<<

„Dazu zählen eine entwickelte Organisation der Wirtschaft (z. B. Arbeitsteilung), der Verwaltung und eine hierarchische Gliederung der Gesellschaft (König – Priester – Beamte – Bauern – Sklaven). Außerdem bilden Hochkulturen größere Siedlungen, in deren Zentren sich Tempel für die Ausübung der Religion befinden. Als notwendige Voraussetzung einer Hochkultur gilt die Kenntnis der Schrift oder zumindest einer Vorstufe davon.“

„Als notwendige Voraussetzung einer Hochkultur gilt die Kenntnis der Schrift“

Maßgeblich für dem Status einer Hochkultur ist also – neben anderen Kriterien – die Schrift: Dr. Eberhard Bönisch spricht diese Tatsache bei der Lausitzer Kultur auch laut aus.

„Mit der Lausitzer Kultur in der Bronzezeit gab es in der Region eine frühe kulturelle Blüte“

>>Eberhard Bönisch<<

„Mit der Lausitzer Kultur in der Bronzezeit gab es in der Region eine frühe kulturelle Blüte. Die Lausitzer Kultur war fast eine Hochkultur. Lediglich die Schrift hat dafür als Kriterium gefehlt. Aber handwerklich und technisch war die Region damals schon sehr weit.“

„Die Lausitzer Kultur war fast eine Hochkultur“

Allerdings ist das Kriterium der „Schrift“ schon sehr willkürlich gewählt. Die Inka haben beispielsweise Quipu oder Khipu eine Art der Knotenschrift verwendet. Es ist also keine Schrift im herkömmlichen Sinne, sondern es sind Seile und Knoten. Die Einstufung als Schrift kann also sehr willkürlich ausfallen. Ein anderes Problem stellt – insbesondere bei der Lausitzer Kultur – das enorme Alter dar: Kein beschriebenes Blatt an Papier hätte diesen langen Zeitraum – bei typisch Lausitzer Witterungsverhältnissen –  überdauern können. Zumal genau dieses Gebiet gewaltsam unterworfen wurde, wobei kaum ein Stein auf den anderen Stein geblieben ist. Nicht zu vergessen: Der Bücherverluste in der Spätantike. Selbst heute noch tauchen Schriften von längst ausgestorbenen Sprachen wieder auf.

„Mit Klingen kratzten sie die oberste Schicht ab oder wuschen die Tinte ab und beschrieben das Pergament erneut“

>>Wiener Zeitung<<

„Im Mittelalter war Pergament ein teures und rares Gut. Häufig nutzten Gelehrte deshalb ihre Bestände gleich mehrmals: Mit Klingen kratzten sie die oberste Schicht ab oder wuschen die Tinte ab und beschrieben das Pergament erneut. Mithilfe moderner Technik gelingt es, diese alten Texte wieder sichtbar zu machen und so sogar ausgestorbene Sprachen zu entdecken.“

Palimpseste: „Alten Texte wieder sichtbar zu machen und so sogar ausgestorbene Sprachen zu entdecken“

Fraglich ist aber: Ob man die damaligen Zeitgenossen wirklich als „Gelehrte“ bezeichnen sollte? – Immerhin haben diese Leute – mit Vorsatz – das Andenken anderer Kulturen ausgelöscht. Vergleichbares dürfte auch auf die Lausitzer Kultur zutreffen: Eigentlich ist es schlicht unvorstellbar, dass eine solch komplexe Gesellschaft ohne schriftliche Kommunikation ausgekommen sei.

 

–W E R Β U Ν G–

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