Medien & Hartz-IV: „Es sind Stigmatisierungen die man ständig hört und die man ständig liest“

Screenshot vimeo.com

Die Berichterstattung über Hartz-IV Empfänger, aber auch allgemein über Armut, spiegelt recht selten die Realität wieder. Schon seit Jahrzehnten, werden immer die gleich abwertenden Stigmatisierungen der Öffentlichkeit präsentiert. Bei diesem plakativen Framing, machen auch staatliche Stellen mit.

>>Inge Hannemann – Die Hartz-IV-Diktatur: Eine Arbeitsvermittlerin klagt an (Buch)<<

„Anhand des erfundenen Fallbeispiels der vierköpfigen Familie Fischer werden Fakten vermittelt, zum Beispiel wie man sich am besten durch den Verwaltungsdschungel eines Jobcenters seinen Weg bahnt, und was es mit komplizierten Wortschöpfungen wie «Eingliederungsvereinbarung» oder «Bedarfsgemeinschaft» auf sich hat. Da gibt es Erklärungshilfen, wie man die komplizierten Bescheide des Jobcenters zu verstehen hat, außerdem werden nach Themen geordnet umfänglich Beratungsstellen mit Anschriften aufgeführt. In einem ausführlichen Teil zum Thema «Wie bewerbe ich mich richtig» erhält man allerdings neben guten Tipps auch solche schulmeisterlichen wie: «Achten Sie auf eine angenehme Gesamterscheinung», wozu unter anderem «saubere, ordentliche Kleidung» gehört, sowie «geputzte, seriöse Schuhe». Es wurde an nichts gespart. 16 ganzseitige Illustrationen in Vierfarbdruck zeigen, wie Mama und Papa Fischer samt Tochter und pubertierendem Sohn geradezu bravourös alle Unbill und Demütigungen auf sich nehmen, um am Ende – «Ende gut, alles besser» – gestärkt aus dieser schweren Prüfung hervorzugehen: Papa Fischer, ein typischer Ü50er, findet nach dem Aufpolieren seiner Qualifikationen durch das Jobcenter wieder einen tollen Arbeitsplatz. Die Botschaft ist klar: Alles halb so schlimm. Mit dieser Broschüre meinte man es in Pinneberg ganz besonders gut. Meine Oma pflegte allerdings zu sagen: «Gut gemeint ist das Gegenteil von gut.» Diese großmütterliche Weisheit trifft auf den illustrierten Ratgeber zum Arbeitslosengeld II des Jobcenters Kreis Pinneberg ganz besonders zu. Denn was sich hinter der heiteren Bildergeschichte verbirgt, ist letztendlich ein Schlag ins Gesicht eines jeden Hartz-IV-Empfängers. Am skandalösesten sind sicherlich die zahlreichen falschen Rechtshinweise, die in der Broschüre gegeben werden.“

 

>>Neues Deutschland<<

„Wie äußert sich die von Ihnen angesprochene Stigmatisierung?

Es fängt damit an, wenn unsere liebe Bundesregierung mal wieder irgendwas postet oder man in diversen Netzwerken etwas über Hartz IV liest. Es sind Verlautbarungen nach dem Motto: »Die sind ja eh alle zu faul zum Arbeiten und die wollen ja gar nicht und die ruhen sich aus auf ihrem Geld aus. Das sind alles Faulenzer, die morgens nicht aufstehen können« und so weiter. Solche Sprüche kamen auch von dem CDU-Politiker Alexander Krauß, der mit mir bei der ARD-Sendung »Hart aber Fair« war. Es sind Stigmatisierungen, die man ständig hört und die man ständig liest“

 

>>NachDenkSeiten<<

„Wer erinnert sich nicht an die menschenverachtenden Worte aus dem Wirtschafts- und Arbeitsministerium Wolfgang Clements, das schon 2005 im Zusammenhang mit Arbeitslosen von „Parasiten“ und „parasitärem Verhalten“ geschrieben hatte. Sein ehemaliger Parteigenosse, der Berliner Finanzsenator und kurzzeitige Bundesbanker Thilo Sarrazin, meinte 2009 äußern zu müssen, dass es Hartz-IV-Empfänger „gern warm haben“ und viele von ihnen die Zimmertemperatur „mit dem Fenster regulieren“ würden. An anderer Stelle empfahl Sarrazin den Sozialleistungsempfängern, doch lieber kalt zu duschen, da „ein Warmduscher noch nie im Leben weit gekommen“ sei. Ganz abgesehen von seinem dubiosen Hartz-IV-Speiseplan. Glaubte der SPD-Arbeitsminister Franz Müntefering noch sinnverzerrend das Bibelzitat aus dem 2. Paulusbrief an die Thessalonicher „Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen“ gegen die vermeintlich Arbeitsfaulen einsetzen zu können, belehrte der damalige SPD-Vorsitzende Kurt Beck einen Arbeitslosen mit den Worten „Wenn Sie sich waschen und rasieren, finden Sie auch einen Job.“ Auf dem Schirm behalten sollte man gleichfalls den auch heute noch sehr quirlig in diesem gesellschaftlichen Feld agierenden damaligen SPD-Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln, Heinz Buschkowsky, der 2009 u.a. äußerte, dass das Betreuungsgeld „in der deutschen Unterschicht versoffen wird“. Doch nicht nur Vertreter der einst so stolzen Arbeiterpartei SPD gefallen sich in der Rolle des „Endlich-hat-jemand-mal-die-Wahrheit-gesagt“-Aufklärers. Ebenfalls 2009 beschrieb der inzwischen verstorbene CDU-Bundestagsabgeordnete Philipp Mißfelder eine damalige Erhöhung des Regelsatzes für Kinder als einen „Anschub für die Tabak- und Spirituosenindustrie“. Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) bezeichnete Hartz-IV als angenehme Variante des Lebens und forderte 2010 eine Arbeitspflicht für Arbeitslose, welche – nebenbei bemerkt – allerdings gegen die Europäische Menschenrechtskonvention Art. 4 sowie das deutsche Grundgesetz Art. 12 verstoßen würde. Der hessische Justizminister Christean Wagner wollte 2005 mithilfe von Fußfesseln in einer höchst bemerkenswerten Kombination „Langzeitarbeitslosen und therapierten Suchtkranken“ die Chance bieten, „zu einem geregelten Tagesablauf zurückzukehren und in ein Arbeitsverhältnis vermittelt zu werden“. Und auch die Vertreter der anderen Parteien stimmten fleißig in diesen Kanon ein. Da gab es den vom damaligen FDP-Vorsitzenden und Bundesaußenminister Guido Westerwelle behaupteten, inzwischen schon legendär zu nennenden „anstrengungslosen Wohlstand“ der Sozialleistungsempfänger. Der Bremer FDP-Landesvorsitzende Oliver Möllenstädt forderte 2009, Frauen von einer Erhöhung des Regelsatzes auszunehmen, da diese „das Geld eher in den nächsten Schnapsladen tragen, als es zur Vorsorge und selbstbestimmten Familienplanung investieren“ würden. Der damalige WELT-Kolumnist und spätere AfD-Bundesvorsitzende Konrad Adam forderte 2006 gar die Entziehung des Wahlrechts für – von ihm so bezeichnete – „Nettostaatsprofiteure“, das bedeutet in seinem Verständnis u.a. Beamte, Arbeitslose und Rentner. Diese nur exemplarische Auflistung verdeutlicht eindrucksvoll, wie Spitzenpolitiker verschiedener Parteien seit Jahren permanent und auf allen Kanälen Stimmungsmache gegen Arme und Arbeitslose betreiben. Die so erzeugte Meinungshoheit über den Stammtischen erhält jedoch noch weiteren Auftrieb, da die unterschiedlichsten Medien nicht nur als Resonanzkörper für die Meinungsmache von Politikern herhalten, sondern sie sich auch ihrerseits aktiv an den Kampagnen beteiligen. Auch abseits der seit Jahren durchgängigen Stimmungsmache des Kampagnenblattes BILD, das regelmäßig Sozialleistungsempfänger auf seiner Titelseite in Großbuchstaben als „faule Drückeberger“, „faule Stützeempfänger“, „Hartz-IV-Schmarotzer“ oder „Sozialschmarotzer“ tituliert, zeichnen gern private TV-Sender in diversen Sendungen, aber noch häufiger in ganzen Sendeformaten ein abwertendes Bild „des“ (!) Hartz-IV-Empfängers, das diesen in den Augen der Zuschauer als gesellschaftlichen Paria erscheinen lässt. Waren es vor Jahren noch öffentlichkeitswirksam inszenierte Einzelpersonen wie Arno Dübel, „Florida-Rolf“ und „Karibik-Klaus“, mithilfe derer eine gesamtgesellschaftliche Abgrenzungsstrategie gegenüber den „faulen, auf dem Sofa sitzenden, dauerqualmenden und saufenden Hartzern“ erfolgreich gestartet wurde, wurde dies inzwischen durch zwar nur mäßig erfolgreiche, aber nichtsdestotrotz beständig weitergeführte Formate im Privatfernsehen à la „Familien im Brennpunkt“, „Hartz und herzlich“, „Frauentausch“ oder „Sozialfahnder ermitteln“ perpetuiert. Allen Formaten gemein ist jedoch, dass es sich dabei um Scripted Reality, also von Laienschauspielern, i.d.R. real Betroffenen, nach Regieanweisungen gespielte, nur vermeintliche Realität, handelt. Ihr Verhalten ebenso wie ihr Umfeld soll auf den Zuschauer authentisch wirken, dabei ist es doch nur eine nach Regieanweisungen inszenierte „Wirklichkeit“. Insofern ist dem intimen TV-Kenner, aber gleichzeitig auch als TV-Outlaw bekannten Oliver Kalkofe nur zuzustimmen, wenn er die Entwicklung von Scripted Reality als „schlimmstes Sendeformat der letzten zehn Jahre“ brandmarkt. Das ist auch deswegen besonders bedeutungsvoll, da ein enormer Teil des Vormittags- und Nachmittagsprogramms der privaten Sender mit den kostengünstig produzierten inszenierte-Realität-Sendungen gefüllt wird – der Rest sind die 93-sten Wiederholungen amerikanischer Sitcoms samt ihrer eingespielten Lacher. Die neuesten „Familienmitglieder“ dieser Pseudo-Doku-Soaps sind beim Fernsehsender RTL2 das vierteilige „Promis auf Hartz IV“ und auf seinem dazugehörigen Muttersender RTL „Zahltag – Ein Koffer voller Chancen“. In „Promis auf Hartz IV“ wechselt das Millionärs-Ehepaar von Sayn-Wittgenstein für 4 Wochen mal kurz aus ihrer 25-Millionen-Villa auf Mallorca in eine kleine 50-qm-Wohnung nach Köln – und spielt anschließend für diese 4 Wochen Hartz IV. Dabei bleiben nicht nur die faktischen Lebensumstände der real Betroffenen fast komplett auf der Strecke, sondern es wird auch vollständig ausgeblendet, dass das vierwöchige So-Tun-als-ob und die anschließende Rückkehr in den mondänen Millionärsalltag lediglich einen kurzen Besuch bei der Armut bedeutet. Dass zum Abschluss des Sendeformats der gnäd‘ge Herr gleichmal die meisten der Hartz-IV-Empfänger als „Sozialschmarotzer“ tituliert, rundet das Bild eher sogar noch ab. Denn ein wirklich realistisches Bild vom deprimierenden Alltag der Betroffenen zu zeichnen, war ohnehin nicht das Ziel der Sendereihe, sondern vielmehr die kontinuierliche Fortsetzung des Armen-Bashings.“

 

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