Not der Gastronomiebetriebe aus dem Lausitzer Seenland – Wir geben den Löffel ab

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 Aktion Leere Stühle macht auf die Notlage der Gastronomen, Hoteliers und Veranstalter im Lausitzer Seenland aufmerksam

Das Gastgewerbe im Lausitzer Seenland beteiligt sich an der bundesweiten Aktion „Leere Stühle“ unter dem Motto „Wir geben den Löffel ab“. 22 Gastwirte, Unterkunftsbetriebe und Veranstalter haben mehr als 850 Stühle auf den Vorplatz am Stadthafen Großräschen gebracht und dort aufgestellt. Mit den leeren Stühlen wollten die Gastronomen, Hoteliers und Veranstalter auf ihre prekäre Lage in der Coronakrise aufmerksam machen.

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Von Lausitzer Seenland

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Die Anwesenheit der leeren Stühle sollte die Not der Gastronomiebetriebe aus dem Lausitzer Seenland symbolisieren. Trotz Öffnungsszenarien ist die Existenz der Inhaber und Mitarbeitenden nicht gesichert, so dass die Branche eindringlich weitere finanzielle Hilfen und Unterstützungspakete fordert.

Initiiert hat die Aktion im Lausitzer Seenland Sebastian Wolschke, Inhaber des Restaurants und der Bett + Bike-Unterkunft HAUS VIER in Großräschen. Auch er will endlich wieder arbeiten, Gäste bewirten und den eigenen Mitarbeitenden eine Perspektive geben. Er ist Vertreter der Gastronomie- und Beherbergungsbetriebe im Marketingausschuss des Tourismusverbandes Lausitzer Seenland e.V., der die Initiative der Unternehmerschaft begrüßt und unterstützt.

Die Forderungen lauten:

  • eine klar definierte Exit-Strategie mit der Unterscheidung der Risikoeinstufung zwischen städtischem und ländlichem Raum
  • praxistaugliche und einheitliche Rahmenbedingungen und Regularien sowie gemeinsam mit der Branche gestaltete Hygienekonzepte für die angekündigte Wiedereröffnung, die ein effizientes Wirtschaften ermöglichen und die Durchführbarkeit von privaten Feierlichkeiten bis zu einer gewissen Personenanzahl erlauben
  • ausreichend dimensionierte Entschädigung für Betriebe aufgrund des Infektionsschutzgesetzes: denn es ist nicht hinzunehmen, dass Betriebe ihre Einnahmenausfälle durch die behördlich angeordneten Schließungen selbst zu verantworten haben, obwohl sie sich nichts zuschulden haben kommen lassen
  • Erhöhung der Soforthilfen als zinsloses Darlehen für die Tilgung der laufenden Betriebskosten wie Mieten, Strom, Gas, Versicherungen, Kredite und Leasings ohne ein problematisches Antragsverfahren in Höhe der tatsächlich anfallenden Kosten
  • einen dauerhaft einheitlichen Mehrwertsteuersatz von 7 Prozent in der Gastronomie
  • Steuernachlässe- und Rückzahlungen für die in den Vorjahren gezahlten Körperschafts- und Gewerbesteuern
  • Abschaffung oder Absenkung von GEZ- und GEMA-Gebühren
  • Erhöhung des Kurzarbeitergeldes rückwirkend ab Antragsstellung auf 90 Prozent
  • flexible Erweiterungen im Arbeitszeitgesetz
  • Erhöhung des möglichen monatlichen Arbeitsentgeltes bei Minijobs von 450 € auf 650 € (Die Branche ist auf solche flexiblen Mitarbeiter angewiesen.)
  • Vereinfachung der Bürokratie: ein Gastronom investiert aktuell mehr als die Hälfte seiner Zeit für Hygiene-Dokumentationspflichten, DSGVO-konformes Arbeiten, Arbeitszeitdokumentation, Allergeneverordnung, Arbeitsschutzdokumentationen, Ausschreibungen, Kassensystemanforderungen usw., dies ist zu viel und die Zeit fehlt am Gast
  • deutschlandweit finanzierte Marketingkampagnen für Urlaube und Erholung im eigenen Land/Bundesland

 

Statements der beteiligten Branchenvertreter:

Sebastian Wolschke, Inhaber HAUS VIER in Großräschen: Die von der Regierung schnell auf den Weg gebrachten Maßnahmen sind gut und richtig. Aber sie reichen bei Weitem nicht aus. Zwar gibt es jetzt eine Öffnungsperspektive für viele Betriebe. Die Verzweiflung und existenziellen Nöte der Unternehmen des Gastgewerbes sind aufgrund der erlittenen Umsatzverluste und fortlaufenden Kosten dennoch groß. Wir fordern direkte Finanzhilfen aus einem Rettungsfond und setzen heute gemeinsam ein Zeichen für unsere Notlage.

 

Matthias Leiker, Inhaber Ferienhof Radlerlust in Senftenberg OT Großkoschen: Ich freue mich, dass es für Gastronomie und Beherbergung eine Perspektive zur Aufnahme des Betriebes gibt. Es bleibt aber enorm wichtig, dass die politisch Verantwortlichen mit den Praktikern vor Ort kommunizieren. Beim Detailreichtum der jetzt anstehenden Regelungen sollte man sich auf tatsächlich notwendige Dinge beschränken. Die Verantwortlichen in den Unternehmen kennen ihr Umfeld und sind gut selbst in der Lage Risiken effektiv zu minimieren.

 

Heike Struthoff, Inhaberin DerLeuchtTurm-Gastro GmbH in Elsterheide OT Geierswalde: Das Lausitzer Seenland ist eine junge Destination, die sich als Ferienregion neu definiert. Alle Akteure in Gastronomie und Hotellerie haben hier neu investiert und sind beachtlich mit Krediten belastet. Zum umsatzstarken Saisonbeginn, wo wir die umsatzschwachen Wintermonate ausgleichen, wurden unsere Gastro- und Hotelbetriebe behördlich geschlossen. Zum Minus aus den Wintermonaten kommt jetzt noch das Corona-Minus hinzu. Die Unternehmen selbst sollen zusätzliche Kredite aufnehmen, um das Minus auszugleichen. Laut Infektionsschutzgesetz ist das nicht richtig. Wir erwarten Ertragsausfallentschädigung für die angeordnete Schließzeit und für eventuell auftretende Einbußen in den kommenden Monaten wegen behördlich angeordneten Auflagen. Weiterhin sollen die 7 Prozent Umsatzsteuer für unbegrenzte Zeit gelten, da diese nicht zum Ausgleich des Corona-Minus gedacht waren, sondern bereits vor Corona zum Beispiel für bessere Mitarbeiterentlohnung gedacht waren.

Zusätzlich ist es nicht nachvollziehbar, dass Betriebe, die territorial in Brandenburg liegen nicht rückzahlbare Entschädigungen erhalten, die sächsischen Betriebe erhalten keinen Cent. Trotz allem freut sich das gesamte Team, dass wir ab kommendem Freitag wieder unsere Gäste in unser Haus bitten können.

 

Juliane Marko, Inhaberin Kultberg in Altdöbern: Für Unternehmerfamilien wie uns hilft eine Öffnung nichts ohne gesicherte Kinderbetreuung unabhängig davon, dass wir die Eindämmungen sehr gut verstehen und nachvollziehen können. Dennoch hängen ganze Existenzen an den Folgen. Wir leben in und mit unserem Kulturhaus. Es bildet unsere Existenzgrundlage damit also nicht nur finanziell. Wir können uns nicht einfach einen neuen Job suchen. Wir fühlen uns für die Gesellschaft in der Region verantwortlich weiterhin einen Ort des Austauschs, der Begegnung und der Selbstverwirklichung zu schaffen. Denn nur kulturelle Teilhabe und soziale Integration machen das Dasein eines jeden Menschen zu einem echten Leben. Der Regierung sollte daher möglichst auch daran gelegen sein, nicht nur wirtschaftsstarke Industriezweige schnell wieder an den Start zu bringen, sondern auch weniger finanzstarke aber ebenso gesellschaftsrelevante Sektoren zu stützen. Und wenn das in unserer Branche der Gastronomie, der Veranstaltungen (bei uns zählen darunter Konzerte, Tagungen, Theatergastspiele und Privatfeiern sowie der örtliche Karneval) und der Touristik nicht ohne Einschränkungen im Zuge der Eindämmung des Virus möglich ist, bedarf es echter liquiditätsrelevanter Unterstützung seitens des Bundes und der Länder, um hier ganze Branchen nicht einfach unwiederbringlich sterben zu lassen.

Eine GEMA-Befreiung für mind. zwei Jahre, um einen Teil verlorener Erträge auffangen zu können, wäre eine gute Maßnahme. Strukturelle Erleichterungen bei Betriebskosten wie Miete, Nebenkosten, Strom usw. können nur mit langfristigen und echten Zuschüssen erzeugt werden. Lasst uns bitte nicht allein.

 

Sören Hoika, Betreiber iba-aktiv-tours in Großräschen und Senftenberg OT Großkoschen: Ich möchte mit meinen Mitstreitern ein Zeichen dafür setzen, dass die Reisebranche in den politischen Diskussionen nicht vergessen wird. Einen Job wie meinen macht man nicht, um reich zu werden. Ich möchte, dass die Gäste bei uns eine gute Zeit haben. Doch in dieser Situation mache ich mir Gedanken, ob dieser Stellenwert unserer Branche auch beachtet wird. Zu sehen, dass von der Politik eher über das Gestatten von Fußballbundesliga-Spielen und Rettungsschirme für die Automobilindustrie als über den kompletten Wegfall der Arbeitsgrundlage einer vielfältigen Branche diskutiert wird, erfüllt mich mit Sorge. Ich frage mich, wie Betriebe aus der Freizeitwirtschaft zukünftig noch für Arbeitnehmer attraktiv sein können, wenn sich offenbar so leicht darauf verzichten lässt. Damit sehe ich den Fortbestand unserer Branche in Gefahr.

 

Marcel Petermann, Manager Regionalcenter Oberspreewald-Lausitz, Industrie- und Handelskammer Cottbus: Ein gesondertes Hilfspaket für Brandenburger Tourismus und Gastgewerbe ist unerlässlich. Durch die fehlende Liquidität im Zuge der Schließungen drohen trotz kurzfristiger Soforthilfen Insolvenzen und der Verlust von Arbeitsplätzen. Neben den steuerlichen Entlastungen muss daher schnellstens ein spezieller Rettungs- und Entschädigungsfonds für das besonders betroffene Gastgewerbe und die Tourismuswirtschaft aufgelegt werden.

Gastronomische Einrichtungen und bald auch Beherbergungsbetriebe dürfen wieder öffnen. Damit verbundene Auflagen müssen klar und nachvollziehbar definiert sein, damit die Unternehmen Planungssicherheit haben.

 

Zur Initiative „Leere Stühle“

Der sich in Gründung befindliche Verein ging aus der Aktion „Leere Stühle“ hervor, die mit einer einzigartigen Guerilla-Marketingaktion am 17. April 2020 in Dresden stattfand. Mit „Leeren Stühlen“ gelang es bundesweit auf die Existenzangst der sächsischen Gastronomen hinzuweisen. Über 550 Gastronomen, Hoteliers und Veranstalter beteiligten sich daran und setzten so ein Zeichen, dass die Zeit gekommen ist, von Bund und Regierung besondere Unterstützungspakete zu fordern. Innerhalb einer Woche fanden in zahlreichen Städten Deutschlands weitere Aktionen statt. Die Initiative „Leere Stühle“ e.V. i.G. ist unabhängig jeglicher politischer Interessen und gehört keiner Institution oder Verein an.

Mehr Informationen: www.leere-stuehle.de

 

–W E R Β U Ν G–

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