Strukturwandel Margarethenhütte: „Wir hatten Spitzenqualität und Spitzenprodukte“

Screenshot museum-mhuette.de

Derzeit ist viel von sogenannten Strukturwandel zu hören. Dabei gab es in jüngeren Geschichte bereits einen anderen „Strukturwandel“ : Der bis in die Gegenwart seine Schatten wirft und das wirtschaftliche Geschehen in der Lausitz noch heute prägt.

>>Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN im Brandenburger Landtag<<

„Die wirtschaftspolitische Sprecherin der bündnisgrünen Landtagsfraktion HEIDE SCHINOWSKY sagte zu der heutigen Strukturwandel-Konferenz „Forum Lausitz“ in Weißwasser (Sachsen): „Mit Blick auf die große Herausforderung des kohleausstiegsbedingten Strukturwandels in der Lausitz sollte die Zeit der warmen Worte eigentlich längst vorüber sein. Diese Erkenntnis scheint bei den zuständigen Regierenden jedoch noch nicht angekommen zu sein. … Um sich auf die Zukunft vorbereiten zu können, muss man wissen, wohin die Reise geht. Das blieb auf der Konferenz völlig offen. Für uns Bündnisgrüne bedeutet das: Thema verfehlt. … Die Gutachter empfahlen unter anderem einen Strategie- und Leitbildprozess unter intensiver öffentlicher Beteiligung für die Lausitz, aus dem – unter Einbeziehung weiterer wissenschaftlicher Expertise – ein Konzept zur Gestaltung des Strukturwandels abgeleitet werden sollte. Die Umsetzungsphase sollte nach einem Ideenwettbewerb mit Modellprojekten gestartet werden.“

 

>>Sächsische Zeitung<<

„Der sogenannte Strukturwandel in der Lausitz ist derzeit ein großes Thema – auch bei einem neuen Bündnis, das sich und seine Vorhaben zu Beginn der Woche im IBA-Studierhaus in Großräschen vorgestellt hat. … Die Region soll auf der Grundlage ihrer eigenen Wissensressourcen ein wirtschaftliches Auskommen finden. Nun klingt das Ganze noch recht theoretisch. Bis zum Herbst läuft zunächst eine Konzeptionsphase, in der man eine Gesamtidee und eine gemeinsame Strategie für die Lausitz aufstellen will. … Stehen die Ideen analog den genannten drei Bereichen, um die Lausitz wirtschaftlich umzugestalten, geht es an das Entwickeln neuer Produkte und Dienstleistungen und schließlich an deren (internationale) Vermarktung.“

Das ganze klingt recht abenteuerlich: Also man will „Ideen“ entwickeln um daraus neue Produkte und Dienstleistungen zu kreieren, um damit später Geld zu verdienen und Arbeitsplätze zu schaffen. Demnach Jugend forscht für erwachsene Menschen.

>>Frankfurter Rundschau<<

Leonhard Jünger ist 78 Jahre alt, ein hagerer, freundlicher Mann. Von 1963 bis 1991 hat er in der Margarethenhütte gearbeitet. Zum Schluss als technischer Direktor. „Wir hatten Spitzenqualität und Spitzenprodukte“, sagt er. „Wir haben weltweit verkauft. Und dann sagte man uns, der Betrieb sei marode, müsse abgewickelt werden.“ 1991 war das. Jünger verlor seine Stelle, ebenso seine Frau und sein Sohn. Er schrieb damals die Listen der zu Entlassenden. Danach „Durchwursteln“: Biosphärenreservat, ABM, ein Lehrgang, dies und das, Frühverrentung. Heute kümmert er sich um das Museum. Es ist Sonntag, brütend heiß, Besuch ist gekommen. Es ist der 26. Jahrestag der Besetzung. Einer gescheiterten Besetzung, muss man sagen. Damals, 1991, ging alles den Bach runter, kein Investor sprang dauerhaft ein, es ging schnell, 850 Leute verloren ihre Arbeit, einige besetzen das Werk, um den Abtransport der Maschinen zu verhindern. Es sollte nichts nützen. Abwicklung, Demontage, Sprengung der Öfen und Hallen, 1995 war fast alles weg. … Erinnerungen. 30 Gäste sind da, darunter neun Ehemalige. Sie sitzen geduldig auf Holzbänken, sehen einen alten Film aus DDR-Tagen: Ein Rundgang durchs Werk. Ohne Worte, nur das Wummern der Maschinen. Ab und zu ein Lachen und Wiedererkennen. Sie sitzen im ehemaligen Prüfraum, Sachsens Integrationsministerin Petra Köpping (SPD) ist gekommen. „Ende der Sprachlosigkeit“ … Und weiter: „Man hat uns nicht nur die Arbeit genommen, sondern auch die Würde.“ Regina Bernstein, eine ehemalige Ingenieurin, begrüßt Köpping: „Sie sprechen mir so aus dem Herzen. Hier wurde immer nur über Technisches geredet“, sagt sie. „Heute soll es um Menschen gehen.“

 

>>Förderverein Margarethenhütte Großdubrau<<

„Begonnen hat alles mit dem systematischen Abbau der in der Umgebung vorhanden Braunkohlebestände um 1850 herum – neben der Braunkohle traten auch noch Ton- und Kaolinschichten im Erdreich zu Tage. Diese lohnten ebenfalls eine Nutzung. So wurde 1854 der „Thonwaaren- und Braunkohlen – Actien – Verein Großdubrau“ gegründet, wo einfache Tonwaren und Ziegel gefertigt wurden. Zu Ehren der sächsischen Prinzessin Margarethe, der Tochter des Königs Johann, erhielt das Werk 1857 seinen entgültigen Namen: „Margarethenhütte“. Die Produktion von Elektroporzellan begann unter Hermann Schomburg, einem Berliner Fabrikanten. Er kaufte die „Margarethenhütte“ 1872, und das vorhandene Kaolin wurde fortan hauptsächlich zur Herstellung von Isolatoren benutzt. Aufgrund der ungenügenden Qualität des einheimischen Kaolins für die neuen erhöhten Anforderungen wurden später nur noch Kaoline aus anderen Kaolin-Werken verwendet. Schomburg-Isolatoren wurden deutschlandweit eingesetzt, so in Telegrafenleitungen des Reichspostamtes ab 1876 und in der ersten Drehstrom-Übertragungsanlage von Lauffen am Neckar nach Frankfurt am Main 1891. Um die Jahrhundertwende wurden von der Firma „Schomburg und Söhne AG“ Kunden aus aller Welt mit Isoliermaterialien für die Elektrotechnik beliefert. Der Betrieb wurde mit besten technischen Einrichtungen versehen. So wurde 1900 das erste Hochspannungs-Prüffeld in einem Elektroporzellanwerk (in Schomburgs Fabrik in Berlin Moabit) in Betrieb genommen, 1913 ein 300.000 Volt Freileitungs-Versuchsfeld in der Margarethenhütte errichtet und 1921 eine Tunnelofenhalle mit zwei 80 m gasbeheizten Tunnelöfen sowie eine Generatorgasanlage gebaut. Die wirtschaftliche Verschlechterung nach dem ersten Weltkrieg führte 1922 zu einem Interessengemeischaftsvertrag mit der Porzellanfabrik Kahla AG und im selben Jahr zur Gründung der HESCHO (Hermsdorf-Schomburg-Isolatoren GmbH), die zum Hauptlieferanten für Hochspannungsisolatoren in Deutschland wurde. Nach dem zweitem Weltkrieg wurde die Fabrik vollständig demontiert, die Tunnelofenanlagen und das Obergeschoss des Hauptfabrikationsgebäudes wurden durch einen Brand zerstört und Maschinen sowie sämtliche Fertigungseinrichtungen gingen verloren. Im November 1945 begannen die ersten Arbeiten zum Wiederaufbau. Im April 1946 konnte der erste Rundofen in Betrieb genommen werden und man begann zunächst mit der Herstellung von Gebrauchsgeschirr. Belegschaft und produziertes verkaufsfähiges Porzellan steigen stetig wieder an und bald war die Produktion aller früher gefertigtgen Isolatoren für die Elektroindustrie und technische Zwecke wieder möglich. Am 1.Juli 1948 wurde die Margarethenhütte Volkseigentum und produzierte ihre Erzeugnisse unter dem Namen „VEB Elektroporzellanwerk Margarethenhütte Großdubrau“. In den nächsten Jahrzehnten wurd die Fabrik ständig erweitert: eine Langstab-Dreherei wurde eingerichtet, drei weitere Tunnelöfen wurden gebaut und eine prozessgesteuerte Massemühle entstand. Radiatorenproduktion 1953/54 1989 hatte die Rekonstruktion des Betriebes einen vorläufigen Abschluss gefunden, die Margarethenhütte war zu einem modernen Elektroporzellanbetrieb geworden. Zum 30.Juni 1991 wurde das Beschäftigungsverhältnis aller Arbeitnehmer gekündigt und das Bestehen der Margarethenhütte wurde vorläufig beendet. Noch im selben Jahr wird der Förderverein „Margarethenhütte“ Großdubrau e.V. gegründet. Am 28. Mai 1991 erfolgte die letzte Porzellanlieferung – Ventilableiter für ABB.“

Es dauert mitunter Jahrzehnte um strukturell gewachsene Unternehmen am Markt zu etablieren. Die Zerschlagung derselben geht natürlich wesentlich schneller und unkomplizierter.

 

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