Tarnunternehmen: Arbeitgeber in Wirklichkeit der Geheimdienst

Screenshot aero-dienst.de

Geheimdienste greifen recht häufig auf Tarnfirmen zurück: Auf diese Weise kann die wahre Urheberschaft von geheimen Operationen verschleiert werden. Außerdem können Agenten mit einer halbwegs glaubwürdigen Legende aufwarten. Manchmal fliegen diese Unternehmen – aus unterschiedlichen Gründen – auf und die Öffentlichkeit erfährt: Was hinter den Kulissen gespielt wird.

>>Deckname Adler von Peter Hammerschmidt (Buch) <<

„Unter Hauschildts Regie entstand auch die in Düsseldorf ansässige, von Hitlers ehemaligem Adjutanten, General a.D. Gerhard Engel (AN MINAS), geleitete »Werkzeug-Außenhandel GmbH« (WAH), die als Tochterfirma der DOBBERTIN – ausgestattet mit einem Stammkapital von 5000 DM – zugleich als Tarnfirma des BND fungierte. Noch im Juni 1970 hatte die WAH die »Estrella« als ihren wichtigsten Kontakt in Lateinamerika bezeichnet. Die Deutschen hatten, wie Schwends Privatarchiv zeigt, in den letzten drei Jahren ihre Ambitionen beim Waffenhandel deutlich ausgeweitet und schienen nun mehr denn je dazu entschlossen, »neue Wege im Bereich der nationalen Aufrüstung« zu gehen. In einem Brief an die WAH schrieb Schwend im Juni 1969: »Für A[tomwaffen] sind wir hier zu schwach, es würde aber großes Interesse bestehen, Anlagen für die Herstellung von C[hemiewaffen] zu erwerben. Die Formeln bis zum Jahre 1945 sind hier vorhanden. (…) Bitte lassen Sie uns wissen, ob Sie uns auf diesem Gebiet dienlich sein können.« Im selben Brief bedankte sich Schwend für die bereits gelieferte 20 -mm-Luftwaffen-Munition, für die er selbst großzügige zehn Prozent Provision einstrich. Da die Korrespondenz zwischen Schwend und der WAH an dieser Stelle abbricht, bleibt unklar, ob auch Schwends Chemiewaffen-Wünsche realisiert wurden. Für den BND dürften die Informationen aus der lateinamerikanischen Waffenhandelszene zu diesem Zeitpunkt nicht mehr im Vordergrund gestanden haben. Die Probleme des westdeutschen Auslandsnachrichtendienstes waren längst anderer Natur. Verzweifelt hatte General Engel als Geschäftsführer der WAH den Bundesnachrichtendienst im Dezember 1969 darauf hingewiesen, »dass er nun endgültig einen Schutzbrief vom BND für den Panzerschrank brauche«. Auch Engel war nicht entgangen, dass sich die Ermittlungen gegen die MEREX intensivierten. Vor allem aber drohte der BND in den Fokus der Ermittlungen zu geraten. In Pullach zogen die Verantwortlich schließlich die Reißleine: »Schnelle Liquidierung aller (…) Verbindungen«, hieß es einen Monat später aus der Zentrale. Das Waffenhandelsreferat zog umgehend Konsequenzen. Die Zusammenarbeit mit der WAH wurde am 9. Februar 1970 eingestellt. Das innenpolitische Desaster, das schließlich auch den BND erfassen sollte, war indes nicht mehr abzuwenden. Der Prozess gegen die MEREX avancierte zum nachrichtendienstlichen Super-GAU.“

 

>>Spiegel<<

„In einem Verfahren gegen die Bonner Waffenhandelsfirma Merex wegen illegaler Geschäfte berufen sich die Beschuldigten auf staatliche Protektion — durch den Bundesnachrichtendienst.“

Recht selten fliegen Geheimdienstoperationen so auf: Das Gerichte und die Öffentlichkeit davon ausgiebig erfahren. Normalerweise bleiben diese Firmen geheim.

>>Krieg um jeden Preis: Gier, Machtmissbrauch und das Millardengeschäft mit dem Kampf gegen den Terror von James Risen (Buch) <<

„Asimos und Lacitignola gründeten dann eine weitere Firma, Jerash Air Cargo (JACO) mit Sitz im jordanischen Amman; eine Tarnfirma, durch die sie geheime Operationen steuern konnten. An der Oberfläche war Jerash ein in Amman ansässiges Frachtunternehmen, und Nazem Houchaimi war der Chef. Doch tatsächlich war die Firma eine Tarnorganisation und Houchaimi arbeitete für Asimos, Alarbus und das Kommando für Spezialoperationen. Zur Finanzierung von JACO gab Asimos laut einer E-Mail im Mai 2008 die Überweisung von 300 000 Dollar von Alarbus an Houchaimi in Auftrag. Alarbus Hauptkonten wiesen außerdem aus, dass im folgenden September zusätzliche 300 000 Dollar für denselben Zweck an Houchaimi überwiesen wurden. Houchaimi seinerseits gründete JACO als Familienunternehmen, in das sein Vater Samir als bezahlter Geheimdienstinformant und seine Schwester Haifa als Geschäftsführerin eintraten.“

Tarnfirmen von Geheimdienste: Diese treten nach außen hin, wie gewöhnliche Unternehmen auf.

>>Nürnberger Nachrichten<<

„Die Nürnberger Flugambulanz Aero-Dienst hat ihren Flottenchef entlassen, weil der Spitzen-Pilot sich weigert, Gespräche mit dem Bundesnachrichtendienst zu führen. In erster Instanz hat das Arbeitsgericht der Firma recht gegeben. Begründung: Der 55-jährige gebürtige Iraker stelle für sie ein Sicherheitsrisiko dar. Die beiden freundlichen Herren H. und R. stellten sich als Familienhelfer vom Münchner Sozialamt vor. Sie boten persönliche Betreuung an. Nejimaldin Shabib Hama Muradi nahm die Hilfe für seine Familie freudig an. Damals, Ende 1997, war er gerade als Gegner des Regimes von Saddam Hussein mit seinen vier Kindern aus dem Irak über die Türkei und Polen nach Deutschland geflohen und hatte einen Asylantrag gestellt, der noch im Dezember anerkannt wurde. Der Bundesnachrichtendienst (BND) habe prompt Kontakt aufgenommen, berichtet Muradi unserer Zeitung, für eine Zusammenarbeit mit der irakischen Opposition geworben und einflussreiche Posten angeboten, doch der Pilot lehnte nach seinen Angaben ab — mit Geheimdiensten jedweder Art wollte er nichts zu tun haben. … „Der Aero-Dienst beruft sich darauf, mein Mandant sei im entscheidenden Gespräch mit rotem Gesicht, starrem Blick und zitternden Händen dagesessen. Daraus folgert die Firma, er werde von irgendwem unter Druck gesetzt, sich dem BND zu verweigern.“ Dass das Arbeitsgericht diesem Szenario folge, sei unter rechtsstaatlichen Grundsätzen „sehr bedenklich“, so Nestel, „wenn sich das richterliche Gewissen von tatsächlichen oder vermeintlichen Interessen eines Geheimdienstes leiten lässt“. In der Tat hat das Arbeitsgericht unter Vorsitz Wolfgang Bärs die Klage Muradis abgewiesen. Mehr noch: Es schloss auf Antrag des Aero-Dienstes bei der Verhandlung die Öffentlichkeit aus, weil die Staatssicherheit gefährdet sein könne. (Siehe Bericht unten) Das Arbeitsgericht gibt auf Anfrage unserer Zeitung keine weiteren Auskünfte. Der BND antwortet per Mail, „da es sich um den Gegenstand einer arbeitsrechtlichen Auseinandersetzung handelt, können wir dazu leider keine Stellung nehmen“. Der Aero-Dienst spricht von einem „delikaten Verfahren“ und behauptet, darüber dürfe nicht berichtet werden.“

Dieser Artikel von den Nürnberger Nachrichten ist zwar im Internet abrufbar, wird aber von den gängigen Suchmaschinen nicht indiziert.

>>Nürnberger Nachrichten<<

„Gegründet wurde das Unternehmen 1958 in Nürnberg von den Firmen Diehl und Faun als Wartungsunternehmen für die Luftfahrt. Das Unternehmen versteht sich als Komplettanbieter in der Geschäftsreiseluftfahrt. Es hat eigene Flugzeuge in Betrieb, bietet die Wartung und Instandhaltung von Flugzeugen an, kauft und verkauft Flugzeuge und managt den Flugzeugbetrieb für diverse Kunden. Mit vier speziell ausgerüsteten Ambulanzflugzeugen betreibt der Aero-Dienst den fliegenden Krankenrücktransport des ADAC.“

Der Bundesnachrichtendienst wurde im Jahr 1956 gegründet: Es kann also durchaus sein, dass der >>Aero-Dienst<< eine Tarnfirma des BND ist. Das besagte Unternehmen bietet von Betrieb über Wartung und Instandhaltung bis hin zum Flugbetrieb alles aus einer Hand an: Geheimhaltung kann so gewährleistet werden. Und der ADAC – als gelb-schwarzes Aushängeschild – gibt eine mustergültige Tarnung ab.

 

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