Warum die politische Elite vor ihren eignen Bildungssystem flieht

Screenshot charterhouse.org.uk

Im Spätsommer 2017 sah sich Manuela Schwesig mit einer Welle der Empörung konfrontiert. Anfang September, mitten im Bundestagswahlkampf, machten Medienberichte öffentlich bekannt, dass die sozialdemokratische Ministerpräsidentin ihren ältesten Sohn auf eine Privatschule schickt. Für ihre Entschuldigung, diese Schule sei nun mal an nächsten gelegen, erntete sie vor allem im Netz spöttische Kommentare: Es gebe auch eine integrierte Gesamtschule in vergleichbarer Entfernung. Die politischen Gegner, Linke wie auch Christdemokraten, monierten das offensichtlich „mangelnde Vertrauen“ Schwesigs in das staatliche Schulsystem. Die Regierungschefin gebe mit ihrer Entscheidung ein „schlechtes Vorbild“ ab.“ So beklagt es die GewerkschaftszeitungGegenblende“ von DGB. An der nüchternen Feststellung ist grundsätzlich nichts auszusetzen, was aber dann folgt: Ist zu mindestens Erklärungsbedürftig.

Die fadenscheinigen Argumente der Gewerkschaft

>>Gegenblende<<

„Auch in den Nachbarstädten Rostock und Greifswald befindet sich rund ein Drittel der Schulen nicht in staatlicher Trägerschaft. Der Grund: Im von Schwesig regierten Bundesland Mecklenburg-Vorpommern sind die Kontrollen auffällig lasch. Anträge auf neue Privatschulen seien dort ohne genaue Prüfung durchgewunken worden, berichtet der Bildungsexperte Marcel Helbig, der die Genehmigungspraxis der Länder für das Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) verglichen hat. Ein Verstoß gegen verfassungsrechtliche Vorgaben: Denn Artikel 7 des Grundgesetzes schreibt vor, dass private Schulen nur genehmigt werden dürfen, „wenn eine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern nicht gefördert wird“.

Keine Kritik der Gewerkschaft: Parteifunktionäre schicken ihre Kinder auf Eliteschulen

Angesichts der vielen Missstände sowohl im Sozialen, als auch im Arbeitsrecht mutet es schon recht merkwürdig an, weshalb die Gewerkschaft sich gerade diesen Thema zuwendet. Noch dazu haben die Lösungsvorschläge, nicht viel mit der gelebten Realität zu tun. Viele Eltern gründen nur deshalb Schulen in freier Trägerschaft, weil sie mit den Öffentlichen Bildungssystem allgemein unzufrieden sind. Die politische Elite – oder die sich dafür Halten – schicken ihre Sprösslinge ohnehin auf keine Öffentlichen Schulen. Die angeprangerte „Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen“ ist in Wirklichkeit lediglich graue Theorie. In der Praxis gibt es zahlreiche Eliteschulen mit einschlägigen Namen: Macht und Geld bleiben gerne unter sich. Die Vorstellung durch „Kontrollen“ mit Verweis auf das Grundgesetz, diesen ein Ende zu bereiten, wirkt derart weltfremd, dass jegliche Beschreibung dem nicht gerecht wird. Hoch im Kurs stehen sowieso ausländische – vorzugsweiseEnglische Eliteschulen.

Soziale Gerechtigkeit: Hoch im Kurs stehen Englische Eliteschulen

>>Frankfurter Neue Presse<<

„Die Zahl der Schüler mit deutschem Pass in England steht im internationalen Vergleich weit oben. Unter den europäischen Ländern kommt Deutschland mit 2860 Schülern sogar auf Platz eins, so die Vereinigung der unabhängigen Schulen (Independent Schools Council). Mehr als 50 000 Jugendliche aus aller Welt besuchen englische Privatschulen.“

Gewerkschaften: Völlig Kritiklos gegenüber den Öffentlichen Schulsystem

Hier kommen die Gewerkschaftsfunktionäre schon mächtig in Erklärungsnot: In England gilt nun mal kein Deutsches Grundgesetz. Während sich die politische Elite also auf der Flucht vor dem eignen Schulsystem befindet, bleibt die Frage offen: Weshalb fordert die Gewerkschaft strengere Kontrollen von Freien Schulen? Schon heute müssen Freie Schulen mit einer immer stärkeren Bürokratie kämpfen: Nicht alle davon sind tatsächlich Eliteschulen. Viele Eltern halten das Öffentliche Schulsystem – völlig zu Recht – für schlecht. Neben überfüllten Klassen, Unterrichtsausfall und immer stärker um sich greifenden ideologischen Unterricht: Hat der tägliche Schulbetrieb immer weniger mit Bildung zu tun.

>>Der Tagesspiegel<<

„Ein Drittel der Berliner Drittklässler erreichen nicht den Mindeststandard beim Lesen und Rechnen. Die Daten sollten eigentlich nicht veröffentlicht werden. … Die Ergebnisse selbst bieten keine Überraschung: Wie immer in den vergangenen Jahren erreicht ein Drittel der Drittklässler noch nicht einmal den Mindeststandard und gehört damit zur Risikogruppe. Das gilt für die Lesekompetenz ebenso wie für den Sprachgebrauch und für die mathematischen Teilbereiche „Größen und Messen“ und „Raum und Form“.

Ergebnisse zu brisant: Warum Vergleichsarbeiten unter Verschluss bleiben müssen

Gemeint sind damit die sogenannten VERA 3 und VERA 8 (Vergleichsarbeiten in den Jahrgangsstufen 3 und 8). Der Umgang mit diesen Daten spiegelt zum Einen den Verfall des Öffentlichen Bildungswesens wider und zum Anderen, das vermeintliche „Staatsverständnis“ . Da die erhobenen Daten gewiss kein Ruhmesblatt darstellen: Kommen sie immer mehr unter Verschluss – die schräge Logik dahinter: Die Öffentlichkeit soll nicht beunruhigt werden und es schadet das „Ansehen“ des Staates. Aber selbst diese Maßnahme reicht schon nicht mehr aus: Die Ergebnisse der Rechtschreibung, waren offenkundig schon so unangenehm, dass sie gar nicht mehr geprüft werden.

 

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