Wegzugsprämien & Exillausitzer: „Wenn Menschen mir kaum glauben wollen, dass ich „von hier“ komme“

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Mit Umzugshilfen und Wegzugsprämien die Arbeitslosigkeit in der Lausitz bekämpfen? – Weit gefehlt! Nach offizieller Lesart soll der angedachte Kohleausstieg ausschließlich neue Chancen und Perspektiven eröffnen. Allerdings hat die Lausitz mit Strukturbrüchen und Abwanderungen schon sehr viele Erfahrungen gesammelt. Besonders die gefühlt unzähligen Exillausitzer bringen einem ganz anderen Erfahrungsschatz mit. Und dieser lässt nicht mit den gängigen Argumenten der IHK vereinbaren.

Exillausitzer: „Gezielt „ausgewanderte“ Lausitzer anzusprechen“

>>Lausitz Magazin (Heft) <<

„Um diese Herausforderungen zu bewältigen, braucht die Lausitz deshalb Fachkräfte – und sie braucht neue Unternehmer! … . Ein solcher Baustein ist, auf die neuen Karrieremöglichkeiten in der Lausitz hinzuweisen und dafür gezielt „ausgewanderte“ Lausitzer anzusprechen. Überzeugende Argumente gibt es. Die regionale Wirtschaft steht heute anders da als in den 90er Jahren.“

Subtiler Unterton der Verzweiflung: „Braucht die Lausitz deshalb Fachkräfte – und sie braucht neue Unternehmer!“

Das Argument der IHK Cottbus mag ja Richtig sein, aber es dürfte wohl kaum – sprichwörtlich – einen Hund hinterm Ofen hervorlocken. Tatsächlich sind schon seit Jahrzehnten sogenannte „Rückkehrer-Angebote“ im Internet abrufbar: Die lieblos gepflegten Webseiten lassen jede Ernsthaftigkeit vermissen. Zudem wird gefühlt – bei insgesamt nur sehr wenigen offenen Arbeitsplätzen – jede zweite Stelle vom einen Leiharbeitsfirma aufgegeben. In diesem Kontext wirkt der Ruf nach „neuen Unternehmer“ eher wie eine Verzweiflungstat. Gerade die Industrie- und Handelskammer hätte es besser wissen müssen.

Lausitzer Revier: „Jobs in der Kohleindustrie lassen sich vor Ort kaum ersetzen“ 

>>Oliver Holtemöller<<

„Abwanderung lässt sich nicht verhindern“ – Die Jobs in der Kohleindustrie lassen sich vor Ort kaum ersetzen, sagt Ökonom Oliver Holtemöller. … Der Staat solle den Betroffenen helfen, woanders Arbeit zu finden. – Die Vergangenheit zeigt, dass es dem Staat selten gelingt, die Entstehung neuer Arbeitsplätze effizient zu fördern. … Wenn der Staat subventioniert, sind die Unternehmen oft nur so lange vor Ort, wie das staatliche Geld fließt. Es ist aus ökonomischer Perspektive besser, die Menschen individuell zu fördern, sie zu qualifizieren und mobil zu machen, etwa durch Umzugsbeihilfen.“

„Ökonomischer Perspektive besser“ – „Mobil zu machen, etwa durch Umzugsbeihilfen“

Durch staatliche Subventionen neue Arbeitsplätze schaffen? – Bisher sind keine nennenswerten Positiv-Beispiele aus dieser Richtung bekannt. Selbst die – häufig zitierten – Windräder drehen sich nur solange – solange die staatliche EEG-Umlage fließt: Trotz aberwitziger Summen an Subventionen ist die Branche – nach Jahrzehnten – auf keinen wirtschaftlich grünen Zweig gekommen. Kurzum: Durch staatliche Subventionen können keine neuen Unternehmen und Arbeitsplätze entstehen. Daher scheinen Umzugsbeihilfen oder Wegzugsprämien das Allheilmittel zu sein, was auch offen diskutiert wird.

„Lausitzer Beschäftigte nach dem Kohleausstieg Wegzugsprämien erhalten“

>>Lausitzer Rundschau<<

„Forscher schlagen vor, dass Lausitzer Beschäftigte nach dem Kohleausstieg Wegzugsprämien erhalten.“

Sollen Lausitzer schon mal ihre Koffer packen?

Interessant an der Debatte: Viele Forscher und Wissenschaftler können offenbar nur im Wegzug die einzige Lösung sehen. Zumindest geistig scheinen auch schon viele – besonders junge – Lausitzer die Koffer gepackt zu haben.

„Jeder zweite junge Mensch im Alter zwischen 18 und 29 Jahren“ – „Plant aus der Lausitz innerhalb der nächsten 2 Jahre wegzuziehen“

>>Lausitz Monitor<<

„Insgesamt ist es für jeden zehnten Lausitzer (10 Prozent) wahrscheinlich, innerhalb der nächsten 2 Jahre aus der Region wegzuziehen. Die Wegzugsbereitschaft ist vor allem in der jungen Generation hoch. Fast jeder zweite junge Mensch im Alter zwischen 18 und 29 Jahren (45 Prozent) plant aus der Lausitz innerhalb der nächsten 2 Jahre wegzuziehen.“

„Jeden zehnten Lausitzer“ – „Wahrscheinlich, innerhalb der nächsten 2 Jahre aus der Region wegzuziehen“

Tatsächlich fällt das Konzept der Wegzugsprämien keineswegs neu oder besonders originell aus. Schon in der Nachwendezeit – beim ersten großen Strukturbruch – wurden Wegzugsprämien gezahlt. Viele Lausitzer haben damals – mangels wirtschaftlicher Perspektive – die Lausitz für immer verlassen. Alleine über das Verhältnis zwischen Lausitzern und Exillausitzern lassen sich problemlos ganz Bücher verfassen.

„Schon ziemlich fremd“ – Meine Lausitz und ich“

>>Feinschwarz.net<<

„Schon ziemlich fremd“ – Meine Lausitz und ich – Meine Familie traf wie so viele die Strukturschwäche der Region und so blieb uns eines Tages nur die Option Arbeitsmigration (landläufig: in den Westen gehen). Das Studium entfernte mich in der Folge viele weitere Jahre von der Lausitz, äußerlich wie innerlich. Festhalten und Zurückkehren sind für mich zwar keine Aussichten. Doch dass ich mich in meiner Heimat zunehmend fremder fühle, hinterlässt ein Unbehagen, das für mich der Rede wert ist. Besonders traurig macht mich, wenn Menschen mir kaum glauben wollen, dass ich „von hier“ komme. Ich weiß, dass ich nicht der einzige mit solch einem Verlust bin. Viele verlassen die Gegend mit dem Studium und kehren mangels Beschäftigung selten heim. Ich behaupte dabei, noch als Einheimischer sprechen zu dürfen – auch ohne zu repräsentieren. Immerhin leugne ich nirgends meine Herkunft.“

Exillausitzer: „Wenn Menschen mir kaum glauben wollen, dass ich „von hier“ komme“

Ob nun aus der Perspektive der Lausitzer oder Exillausitzer: Praktisch jeder in der Region dürfte vergleichbare Erfahrungen gesammelt haben. Besonders die tiefe und stets präsente Dialektik zwischen jenen beiden Gruppe dürfte schnell jede wirtschaftliche Träumerei verfliegen lassen.

 

–W E R Β U Ν G–

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