„Wenn die westdeutschen Akten offen sind“ – Ist die Wiedervereinigung etwa ganz anders abgelaufen?

Screenshot flickr.com Screenshot flickr.com

Zitat: „Bei der Aufarbeitung der deutschen Nachkriegsgeschichte fehlen Chancengleichheit und Symmetrie. Erst wenn die westdeutschen Akten offen sind, können wir auf gleicher Ebene diskutieren. Das aber wollen die heute Herrschenden nicht.“ Zu Egon Krenz kann natürlich jeder seine eigene Meinung bilden, aber er liegt mit seiner Kritik in dieser Sache richtig.

„Erst wenn die westdeutschen Akten offen sind, können wir auf gleicher Ebene diskutieren“

Zwar sind viele Stasi-Akten offen zugänglich und man kann sich über deren Arbeitsweise ein gutes Bild machen. Doch die Stasi war – vereinfacht – nur der Inlandsgeheimdienst der DDR gewesen. Natürlich hat die DDR auch einen Auslandsgeheimdienst unterhalten, aber hier hört die Transparenz weitestgehend auf. Vergleichbares trifft auf die westdeutschen Geheimdienste zu. Bei vielen wichtigen Punkten zur Wiedervereinigung ist selbst heute noch eher Schweigen und Mauern angesagt. Doch einige Dinge lassen sich auch ohne Akteneinsicht nachvollziehen: Nämlich die Art und Weise wie die Wiedervereinigung vollzogen wurde.

„In schmerzhaften Transformationsprozessen brach nicht nur ein wirtschaftliches System zusammen“

>>Der Tagesspiegel<<

„In schmerzhaften Transformationsprozessen brach nicht nur ein wirtschaftliches System zusammen und mit ihm ungezählte Unternehmen und Arbeitswelten, sondern es wurden auch vertraute Wertvorstellungen und Lebensentwürfe in Frage gestellt. Viele ehemalige DDR-Bürger hatten den Eindruck, der Beitritt zur Bundesrepublik gehe damit einher, dass alles, was nach DDR aussah, in den Mülleimer der Geschichte geworfen wurde.“

„Was nach DDR aussah“ – „In den Mülleimer der Geschichte geworfen“ 

Etwas Vergleichbares ist ansonsten nur nach einem verlorenen Krieg – und einer bedingungslosen Kapitulation – zu erwarten. in diesem „Transformationsprozess“ wurden riesige Betriebe abgewickelt und richtige Volksvermögenswerte haben für lächerliche Summen den Besitzer gewechselt. Teilweise waren ganz Biographien über Nacht wertlos geworden. Soll etwa so eine Wiedervereinigung aussehen? – Streng Juristisch genommen: Es hat nie eine Wiedervereinigung gegeben.

Beitritt statt Wiedervereinigung: „Die deutsche Einheit durch den Beitritt zum Grundgesetz herbeizuführen“

>>Deutscher Bundestag<<

„Im August 1990 votierte die Volkskammer dafür, die deutsche Einheit durch den Beitritt zum Grundgesetz herbeizuführen.“

DDR-Volkskammerwahl 1990: Die westdeutsche Einmischung in DDR-Wahlen

Eine richtige Wiedervereinigung hat es nie gegeben: Ost- und Westdeutschland durften über diese Frage niemals abstimmen. Diese Versäumnisse sind noch in der Gegenwart zu spüren. Doch wie kam diese Entscheidung der Volkskammer überhaupt zustande? Im Jahre 1990 hat es in der DDR eine recht erstaunliche Wahl gegeben. Heutzutage ist vielfach die Rede dass es „die erste und letzte freie Wahl in der DDR“ gewesen war. Jedoch so richtig „frei“ war diese Wahl mitnichten gewesen.

„Die westdeutschen Altparteien nahmen in der ganzen DDR zunehmend massiven Einfluss auf die Meinungsbildung“

>>Bürgerbewegung Leipzig<<

„Ab Januar 1990 war der Wahlkampf in vollem Gange. Die Leipziger Demonstrationen verloren ihre Strahlkraft nicht nur durch die national-konservative Entwicklung. Die westdeutschen Altparteien nahmen in der ganzen DDR zunehmend massiven Einfluss auf die Meinungsbildung. Inhaltlich unterschied sich Leipzig daher nur wenig von anderen Demonstrationen. … Mit Unterstützung der CDU-West einigten sich am 5. Februar die CDU der DDR, der Demokratische Aufbruch und die DSU (Deutsche Soziale Union) auf ein gemeinsames Wahlbündnis – „Allianz für Deutschland“.

„Unterstützung der CDU-West einigten sich am 5. Februar die CDU der DDR“

Eine vergleichbare Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines Staates – noch dazu bei einer Wahl – würde heutzutage in der Bundesrepublik hysterische Aufregung auslösen. Selbst zu viel Kritik am herrschenden System ruft in der Gegenwart – nach eignen Aussagen – dem Verfassungsschutz hervor. Aber bei der DDR-Volkskammerwahl im Jahre 1990 hat eine ganz andere Qualität von Beeinflussung – vorwiegend aus Westdeutschland – stattgefunden. Diese Ereignisse werden aus heutiger Sicht gerne auf die Ereignisse rund um die Montagsmahnwachen und die späteren großen Kundgebungen geschoben: Dieses Bild mag zwar insoweit sicherlich der Richtigkeit entsprechen, aber es kommen noch andere – sehr wichtigeAspekte hinzu.

„Bürgschaft der Bundesregierung für 5-Milliarden-Kredit an die Sowjetunion“

>>Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam<<

„Bürgschaft der Bundesregierung für 5-Milliarden-Kredit an die Sowjetunion – Der Sprecher der Bundesregierung, Bundesminister Hans Klein, teilte am 22. Juni 1990 mit: Auf Grund einer Absprache von Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl mit dem sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow wird die Bundesregierung einen Bankkredit von fünf Milliarden DM an die Sowjetunion verbürgen. … daß die westlichen Partnerländer der Sowjetunion an diese Aufgabe gemeinsam herangehen und ihrerseits – möglichst in einem abgestimmten Rahmen – entsprechende Hilfen leisten.“

„Bundesregierung einen Bankkredit von fünf Milliarden DM an die Sowjetunion verbürgen“

Speziell diesem Aspekt hat Egon Krenz in seinem Buch beklagt. Diese fünf Milliarden hatten damals noch einen ganz anderen Wert gehabt. Zumal dieser Kredit hinterm Rücken der DDR-Staatsführung eingefädelt wurde. Im Zuge der späteren Ereignisse drängt sich natürlich die Frage auf: Ob dieser „5-Milliarden-Kredit an die Sowjetunion“ wirklich alles war?

Ob dieser „5-Milliarden-Kredit an die Sowjetunion“ wirklich alles war?

Immerhin hat zum damaligen Zeitpunkt die Bundesrepublik eng an der Seite der USA gestanden und ihr Präsident hat die Sowjetunion sogar infantil als „Reich des Bösenbezeichnet: Im Kontext dieses Zitates ist das damalige Verhältnis der Bundesrepublik zur Sowjetunion recht gut umschrieben. Selbstverständlich müssen die Kreditabsprachen bereits lange vor dem 22. Juni 1990 stattgefunden haben. Warum sollte also die Bundesrepublik den sogenannten „Reich des Bösen“ finanziell helfen? Böse Zungen könnten hier die Vermutung aufstellen: Die DDR wurde einfach von der Sowjetunion abgekauft und mancher westdeutscher Politiker ließ es so zwischen den Zeilen durchklingen. Auf der anderen Seite des Verhandlungstisches hat die Sowjetunion jedenfalls mit dem Rücken zur Wand gestanden.

„Der Zerfallsprozess der Sowjetunion begann Mitte der 1980er Jahre“

>>Dekoder.org<<

„Der Zerfallsprozess der Sowjetunion begann Mitte der 1980er Jahre und dauerte mehrere Jahre an. … Die Krise des Staates wurde noch verstärkt durch das unablässige Wettrüsten mit den USA, das die Ressourcen der UdSSR verschlang. Die Wirtschaft des Landes konnte mit den Ansprüchen der Bevölkerung nicht mehr mithalten.“

UdSSR: „Wirtschaft des Landes konnte mit den Ansprüchen der Bevölkerung nicht mehr mithalten“

Das westdeutsche Geld in Form eines Kredites wurde also offenkundig dringend benötigt. Noch dazu konnte die UdSSR – insbesondere über ihren Geheimdienst KGB – erheblichen Einfluss innerhalb DDR ausüben. Alles in Allem: Die gesteckte Aufgabe war also durchaus Machbar gewesen. Eine unzufriedene Bevölkerung und eine schwache DDR-Staatsführung mussten nur der Wiedervereinigung zustimmen. Der Rest würde als Selbstläufer geschehen und so kam es ja auch.

Wankende Supermacht in der Gegenwart: Wenn die USA den „deutschen Partner“ fallen lassen würden?

Aber solche geschichtlichen Ereignisse halten für gewöhnlich auch eine große Packung an Ironie bereit. Heutzutage zeichnen sich heutzutage große wirtschaftliche – und vor allem fiskalische – Verwerfungen zwischen der USA und China ab. Die USA haben sichtbar an Wirtschaftskraft eingebüßt und nur mit neuen gedruckten US-Dollars wird sich die Krise wohl kaum bewältigen lassen. Es wäre also ein durchaus denkbares Szenario, dass die USA im Gegenzug einer großzügigen Kompensation den „deutschen Partner“ einfach fallen lassen. Überspitzt: Vielleicht hätten sie lieber auf die Wort von Egon Krenz besser hören sollen.

 

–W E R Β U Ν G–

Loading...
WP Tumblr Auto Publish Powered By : XYZScripts.com
Scroll Up