Zeitungssterben: „Statistik sagt uns voraus 2034 ist dann Schluss“

Screenshot twitter.com

Die Auflagen von vielen Zeitungen sinken kontinuierlich. Viele Leser sterben einfach weg, denn der durchschnittliche Zeitungsleser ist in der Regel alt. Das Internet kann die Verluste kaum kompensieren. Aber die Lage ist in Wahrheit noch viel dramatischer: Denn auch die verkündeten Zahlen sind wohl manipuliert.

>>Cicero<<

„Seit die „Frankfurter Rundschau“ Insolvenz angemeldet hat, ist die Aufregung nicht nur in der Medienbranche groß. Von Zeitungssterben hatte man schon was gehört, irgendwo in den USA – aber hier in Deutschland? Dabei werden momentan sehr schnell sehr leicht sehr viele Schuldige ausgemacht. Allen voran: das Internet. Doch das ist zu einfach. Das Netz hat mit dem Niedergang der Tageszeitungen nur wenig zu tun. Bedrohlicher ist die Ignoranz in vielen Verlags-Chefetagen, deren Credo häufig immer noch ist: Weiter so! … Das Internet ist schnell, die Zeitung ist langsam. Das Internet ist modern und hip, der Tageszeitung haftet irgendwas Tantiges an. Junge Menschen lesen nur noch auf stylischen Smartphones und Tablets, die Zeitung hat raschelndes Papier zu bieten. Und, womöglich das wichtigste: Das Internet ist kostenlos, die Zeitung kostet etwas, inzwischen sogar richtig viel. Doch so einfach ist es nicht. Geht man mit den Zahlen noch sehr viel weiter zurück, stellt man schnell fest, dass der erste Leserschwund bereits Mitte der 80er Jahre begann. Natürlich gab es Anfang der 90er Jahre nochmal einen kurzen und heftigen Anstieg in der Kurve, doch der ist leicht erklärt und obendrein kein Verdienst der Tageszeitungen: 17 Millionen Neubürger sorgten logischerweise auch für einen entsprechenden Auflagensprung. Lässt man also mal diese Sonderkonjunktur außen vor, verlieren Tageszeitungen seit mehr als 20 Jahren an Auflage und an Bedeutung. Wie also kommt man dann auf die Idee, dass es den Blättern noch so richtig gut ginge, wenn es das böse Netz nicht gäbe?“

 

>>Zeit<<

„Die jahrelange Medienkrise könnte sich zu einem großen Zeitungssterben auswachsen. Wen trifft es als Nächstes? Welche Zeitung hat die besten Überlebenschancen? Liegt schon bald gar keine Tageszeitung mehr auf dem Frühstückstisch? Schlecht ist die Stimmung in den Chefetagen der Verlage seit Jahren. Die Auflagen sinken, auch renommierte Blätter schreiben rote Zahlen. … In Frankreich verdient keine einzige Zeitung mehr Geld. Viele Blätter haben aufgegeben oder sind ins Netz abgewandert, zuletzt die Wirtschaftszeitung La Tribune . Bei der spanischen El País muss ein Drittel der Belegschaft gehen. … Auf lange Sicht müssen sich Journalisten und Verlagsmanager aber eine viel grundsätzlichere Frage stellen: Ist die Tageszeitung überhaupt noch zeitgemäß? Wer sich über aktuelle Ereignisse informieren möchte, bekommt im Netz die gleiche Nachrichtenqualität, nur schneller. Viele Nachrichtenseiten bieten darüber hinaus Analysen und Hintergrundberichte schon am Tag des Geschehens, während sie in den Tageszeitungen erst am Folgetag zu lesen sind. … Das Sterben der meisten Tageszeitungen wird sich am Ende wohl nicht aufhalten lassen. Das mag für die Beschäftigten in den Redaktionen bitter sein, aber es muss den Journalismus nicht in die Krise stürzen – wenn es den Verlagen gelingt, auch im Netz Geschäftsmodelle zu entwickeln, die guten Journalismus möglich machen.“

 

>>taz<<

„Das Verlagsgebäude des Neuen Deutschland war einmal das modernste Medienhaus Europas. Kurz nachdem Axel Springer 1965 wenige Kilometer entfernt im Westen Berlins sein Verlagshochhaus hochzog, setzte die SED ihres wie ein Bollwerk dagegen. Heute erinnert wenig an den Glanz der alten Zeit: Die Auflage des Neuen Deutschland (ND) sinkt kontinuierlich, von einer Million vor der Wende auf knapp 25.000 Exemplare heute. Die Leserschaft ist überaltert, die Anzeigenumsätze sinken und online nimmt das Blatt kaum Geld ein. Dafür ist das Grundstück, auf dem das Verlagshaus steht, von großem Wert: Der Franz-Mehring-Platz 1 in Berlin-Friedrichshain liegt lukrativ am Ostbahnhof, hat mehrere Tausend Quadratmeter und soll Schätzungen zufolge mehrere Millionen Euro wert sein.“

Makaberes Schauspiel: Während der Patient noch lebt, wird bereits um sein Erbe gefeilt. Einige Zeitungen sind bereits verschwunden. Aber bei der Masse wurden nur die Redaktionen zusammengelegt. Auf diese Weise fällt der Kahlschlag den Leser kaum auf.

>>Prof. Dr. Klaus Meier<<

„Für Vorträge in diesen Tagen habe ich die Auflagenzahlen der gedruckten Tageszeitungen in Deutschland der vergangenen 20 Jahre in eine einfache Trendberechnung geschickt. Das Ergebnis ist frappierend: Fast alle Werte liegen tatsächlich sehr genau auf einer Kurve, die sich langsam, aber immer stärker senkt. Im Jahr 1992 waren es noch 26 Millionen verkaufte Tageszeitungen, 2002 23,2 Millionen (minus 11%) und 2011 nur noch 18,8 Millionen (minus 19%). Die Statistik sagt uns voraus: 2022 werden noch ca. 11 Millionen Exemplare verkauft – und 2034 ist dann Schluss.“

Ob wirklich E-Zeitung die Verlage retten werden, daran sind Zweifel angebracht. Schon heute werden Auflagen künstlich geschönt, um wenigstens die Werbeeinnahmen zu retten. Das mag kurzfristig den Verlagen helfen, langfristig riskieren sie teure Klagen und den Vertrauensverlust der werbenden Unternehmen. In den sozialen Medien können Freunde und Likes gekauft werden. Das Geschäft mit den Klickbetrug boomt ebenfalls: Rückschlüsse auf reale Reichweiten sind so immer schwieriger. Die Technologie wird auch immer besser: Bestimmte Bots können das Nutzungsverhalten eines realen Menschen im Internet imitieren.

 

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