„Ziel es war die organisierte Arbeiterschaft zu beseitigen“

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Die systematische Zerstörung der organisierten Arbeiterschaft zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte. Schon kurz nach Aufkommen der Industrialisierung, begannen Arbeiter sich zu organisieren und deren systematische Niederschlagung, besteht bis in die Gegenwart fort.

>>Geld, Gesellschaft und Gewalt von Eugen Drewermann (Buch) <<

„Gewiß, in der Juli-Revolution von 1830 in Paris wird der Bourbone Karl X. abgesetzt, und im Februar 1848 wird auch sein Nachfolger, der »Bürgerkönig« Louis Philippe , zur Flucht gezwungen; beide Male greifen die Unruhen auch auf andere europäische Länder wie Deutschland über, doch enden sie bis auf die Unabhängigkeit Belgiens (1830) nur mit verschärfter Unterdrückung; es ist vor allem das Bürgertum, das nach mehr verlangt, ohne dabei die Interessen der ausgebeuteten arbeitenden Bevölkerung zu integrieren. Die Arbeiteraufstände im Juni 1848 in Paris werden vom Militär um den Preis von 10.000 Toten blutig niederkartätscht. Zu der ersten Machtergreifung der Arbeiter im Zeitalter der Industrialisierung kommt es erst im März 1871 in Reaktion auf den verlorenen Krieg gegen Deutschland, als Arbeiter und Bürger in der »Commune de Paris« 72 Tage lang sich den Truppen der Zentralregierung, geführt von dem konservativen Regierungschef Adolphe Thiers, widersetzen. Am 14. März, als General Vinoy den Montmartre mit Truppen umstellt und die Geschütze in seinen Besitz bringt, sind es die Frauen, die beim Abtransport der Kanonen sich den Gewehrläufen der Soldaten entgegenwerfen; und, selten genug: »angesichts der wehrlosen Frauen verweigern die Soldaten den Feuerbefehl, sie verbrüdern sich mit den gefangenen Gardisten und dem Volk von Montmartre – und nehmen ihre eigenen Kommandeure fest.“

 

>>Westfälische Wilhelms-Universität<<

„Rockefeller und seine Partner gehörten zu den sogenannten „Robber Barons“ und bauten mit zweifelhaften Methoden (Aktionäre wurden übervorteilt, Aktienkurse nach Belieben manipuliert, Politiker wurden in großem Stile bestochen, Konkurrenten mit zweifelhaften Mitteln ausgeschaltet) den ersten Riesenkonzern der USA auf. John D. Rockefeller bestach Legislativen, erzwang für sich konkurrenzlos niedrige Frachtraten, warf Konkurrenten aus dem Markt und beherrschte 1875 schon 50% des Ölgeschäfts von der Förderung bis zum Verkauf der Endprodukte; auf 90% hatte er es schließlich gebracht und auf ein Vermögen von 530 Millionen Dollar. Ins Kreuzfeuer landesweiter Kritik geriet Rockefeller 1914, als sich ein Streik bei der Rockefeller-Minengesellschaft Colorado Fuel & Iron Co. zu bewaffneten Kämpfen ausweiteten. 1914 sind die Bergarbeiter von Colorado in Streik getreten, um das Recht von ihren Arbeitgebern zu gewinnen, in die ,United Mine Workers of America‘-Gewerkschaft eintreten zu dürfen. Als die Kohlengesellschaften die Bergarbeiter und ihre Familien von den Werkshäusern vertrieben, errichteten die Streikenden eine Zeltsiedlung auf öffentlichem Land. Um 10.00 Uhr am 20. April 1914 wurde die Zeltsiedlung von Kohlengesellschaftswächtern und einer Gruppe von den Kohlengesellschaften geheuerten Milizionären und Streikbrechern umzingelt. Mit einem auf einem Panzerwagen befestigten Maschinengewehr wurde auf die Zelte geschossen, bevor das Zeltlager in Brand gesteckt und angegriffen wurde. 20 Personen, einschließlich einem Dutzend Frauen und Kindern, starben. In den nächsten 10 Tage dauerten die Kämpfe an, bis US-Präsident Wilson die US-Armee nach Colorado beorderte. Insgesamt starben bei den Kämpfen 33 Menschen. Während die Streikführer verhaftet und aus der Kohlenindustrie ausgeschlossen wurden, mußte kein Mitwirkender des Massakers je vor Gericht stehen.“

 

>>Postkapitalismus: Grundrisse einer kommenden Ökonomievon Paul Mason (Buch) <<

„Da die gegenwärtige Generation nur die Ergebnisse des Neoliberalismus sieht, entgeht ihr leicht, dass die Zerstörung der Verhandlungsmacht der Arbeiter das zentrale Vorhaben des ganzen Projekts war: Es war das Mittel, mit dem alle anderen Ziele erreicht werden sollten. Das Leitprinzip des Neoliberalismus ist weder der freie Markt noch die Haushaltsdisziplin, die Geldwertstabilität oder die Verlagerung der Produktion in Billiglohnländer. Es geht ihm nicht einmal um die Globalisierung. All das waren Nebenprodukte seines Feldzugs, dessen Ziel es war, die organisierte Arbeiterschaft zu beseitigen; oder es waren Waffen, die er in diesem Feldzug einsetzte. Nicht alle Industrieländer schlugen denselben Weg ein, und nicht alle bewegten sich mit derselben Geschwindigkeit. Japan hatte in den siebziger Jahren das Tor zur Flexibilisierung der Arbeit aufgestoßen, indem es die Arbeit in den Fertigungslinien auf kleine Teams verteilt und individuelle Lohn- und Gehaltsverhandlungen sowie Propagandaversammlungen in den Werkshallen eingeführt hatte. Japan war das einzige Land mit einer hochentwickelten Volkswirtschaft, dem es nach 1973 gelang, die industriellen Geschäftsmodelle zu rationalisieren. Natürlich gab es Widerstand, der jedoch brutal unterdrückt wurde: Die Rädelsführer von Arbeiterprotesten wurden jeden Tag verprügelt, so lange, bis sie klein beigaben. »Es ist, als wäre die ›Welt des Unternehmens‹ immun gegen das Gesetz«, schrieb der japanische Linke Muto Ichiyo, der Zeuge solcher Misshandlungen wurde. »Und in dieser Unternehmenswelt ist es natürlich, dass die verängstigten Arbeiter, die nicht frei denken dürfen, den Mund halten. Deutschland widersetzte sich bis zur Jahrtausendwende allen Arbeitsmarktreformen und zog es vor, außerhalb der paternalistischen Welt der Werkshalle eine Randgruppe von osteuropäischen Gastarbeitern zu schaffen, die einfache Tätigkeiten im Dienstleistungs- und Baugewerbe übernahmen. Deshalb wurde es vom Economist, der noch im Jahr 1999 das »aufgeblähte Sozialsystem und die exzessiven Arbeitskosten« Deutschlands beklagte, zum »kranken Mann der Eurozone« gekürt. Diese Mängel wurden ab 2002/03 mit den sogenannten Hartz-Reformen beseitigt, die Deutschland zu einem von ausgeprägter Ungleichheit gekennzeichneten Land gemacht haben, in dem viele Gemeinden unter wachsender Armut leiden. Viele entwickelte Länder nutzten die Rezession Anfang der achtziger Jahre, um Massenarbeitslosigkeit durchzusetzen. Das Ziel ihrer Politik war offenkundig, die Rezession zu vertiefen: Sie erhöhten die Zinsen und trieben damit alte Industrieunternehmen in den Ruin. Sie privatisierten oder schlossen staatliche Kohlegruben, Stahlwerke, Automobilwerke und Schwerindustriebetriebe. Sie verboten die wilden Streiks und Solidaritätsaktionen, die den Unternehmen in den Jahren des Aufschwungs zu schaffen gemacht hatten. Aber sie versuchten noch nicht, die Sozialsysteme aufzulösen, denn diese wurden gebraucht, um die soziale Stabilität von Gemeinschaften zu wahren, denen das Herz herausgerissen wurde. Während dieses Feldzugs gegen die organisierte Arbeiterschaft wurden einige auch symbolisch besonders bedeutende Schlachten geschlagen. Im Jahr 1981 wurden die streikenden amerikanischen Fluglotsen samt und sonders entlassen. Die Führer ihrer Gewerkschaft wurden verhaftet und in Handschellen vorgeführt. In Großbritannien setzte Premierministerin Thatcher in den Jahren 1984/85 paramilitärische Polizeieinheiten ein, um den Streik der Bergarbeiter zu beenden. Ihren größten Triumph im Krieg gegen die Arbeiterklasse feierten die Neoliberalen jedoch auf moralischer und kultureller Ebene. Ab dem Jahr 1980 ging die Zahl der Streiks in der entwickelten Welt zurück, und den Gewerkschaften liefen die Mitglieder davon. In den USA schrumpfte die Zahl der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter zwischen 1980 und 2003 von ohnehin niedrigen 20 Prozent der Erwerbsbevölkerung auf nur noch 12 Prozent; die verbliebene Gewerkschaftsbewegung war weitgehend auf den öffentlichen Sektor beschränkt. In Japan schrumpfte der Anteil der Gewerkschaftsmitglieder von 31 auf 20 Prozent, in Großbritannien von 50 auf 30 Prozent. Sobald die Gewerkschaften kaltgestellt waren, konnte die eigentliche Umgestaltung der Arbeitswelt beginnen. Man wollte eine atomisierte Arbeiterschaft schaffen, der nichts anderes übrigbleiben würde, als sich mit unsicheren Beschäftigungsverhältnissen abzufinden.“

 

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