Viele zeitgenössische Berichte kommen heutzutage ohne Verweise auf Tibet-Konflikt oder China-Taiwan-Konflikt aus. Diese beide Themen – hier hauptsächlich Tibet – hängen unmittelbar miteinander zusammen und schließen sogar die deutsche Kolonialgeschichte in China mit ein. Ja, auch Deutschland hatte einst zu Kaiserzeit eine Kolonie in China gehabt.

„Die chinesische Bevölkerung begegnete der deutschen Herrschaft mit Skepsis und mit Widerstand“

>>Deutsche Kolonialgeschichte von Sebastian Conrad (Buch) <<

„Die chinesische Bevölkerung begegnete der deutschen Herrschaft mit Skepsis und mit Widerstand. Vor allem in den ersten Jahren waren Auseinandersetzungen und repressive Maßnahmen an der Tagesordnung. Durch die ständigen Konflikte zwischen katholischer Mission und einheimischen Behörden wurden die Spannungen noch verstärkt. Unrühmlicher Höhepunkt war der sogenannte «Boxeraufstand» von 1900. Zwar wurden die Kampfhandlungen in der Provinz Shantung von dem Gouverneur Yuan Shikai mit eiserner Faust unterdrückt, aber das brutale Eingreifen der deutschen Entsatztruppen unter «Weltmarschall» Waldersee hinterließ eine Spur der Verwüstung und zahlreiche Opfer, die noch lange Gegenstand der kollektiven Erinnerung in China blieben.“

„Unrühmlicher Höhepunkt war der sogenannte «Boxeraufstand» von 1900“

Die damalige Truppenentsendung des Deutschen Kaiserreichs wurde als regelrechter „Staatsaktzelebriert. Der Kaiser höchst selbst hat dafür eigens eine Rede gehalten, die als „Hunnenrede“ in die Geschichte einging. Aus heutiger Perspektive will kein richtige „Kolonialbegeisterung“ mehr aufkommen, was so mancher Antrag im Bundestag zeigt.

„Kulturpolitische Aufarbei­tung des kolonialen Erbes“

>>Deutscher Bundestag<<

„Kulturpolitische Aufarbei­tung des kolonialen Erbes – Kulturpolitische Aufarbei­tung des kolonialen Erbes – Die Aufarbeitung müsse systematisch angegangen werden und bedürfe der „Einbeziehung unterschiedlicher politischer und gesellschaftlicher Ebenen, so heißt es im Antrag. “Dies bedeutet nicht nur eine Überprüfung der bisherigen Restitutionspraxis und Ausstattung der Provenienzforschung in Bund und Ländern. Dringend notwendig sind vielmehr eine grundlegende Erweiterung der deutschen Erinnerungskultur und ihrer Narrative sowie die Einbettung in den europäischen bzw. globalen Kontext der Kolonialisierung und des Imperialismus.“

„Einbettung in den europäischen bzw. globalen Kontext der Kolonialisierung und des Imperialismus“

Die Kolonialgeschichte wird heutzutage häufig als abgeschlossenes historische Kapitel eingeordnet. Dabei zeichnet sich eher ein ganz anderes Bild ab. Die Entwicklung hat Anfang des 19. Jahrhunderts – vielleicht auch viel früher – ihren Anfang genommen. Das damalige Kaiserreich China hat regen Handel mit Europa betrieben.

„Zwei Kriege wurden Mitte des 19. Jahrhunderts um den Opiumhandel geführt“

>>Universität Bielefeld<<

„Letztlich ging es um die Handelsbilanz: Im 19. Jahrhundert importierte Großbritannien Tee, Seide und Porzellan aus China, umgekehrt aber wurden in China kaum britische Waren nachgefragt. Um dem einseitigen Abfluss von Devisen beizukommen, ließen die Briten in Indien Opium anbauen und verkauften es in China. Das war verboten, lohnte sich aber trotzdem – bis der chinesische Kaiser intervenierte. Zwei Kriege wurden Mitte des 19. Jahrhunderts um den Opiumhandel geführt. Im Selbstverständnis beider Nationen wirken sie bis heute nach.“

Opiumkriege: „Im Selbstverständnis beider Nationen wirken sie bis heute nach“

Diese beiden Kriege gingen als Opiumkriege in die Geschichte ein. Die „Drogenthematik“ ist ebenfalls kein neuzeitliches Phänomen, sondern war schon Mitte des 19. Jahrhunderts aktuell. Die negative Wirkung von Opiaten war schon damals bekannt und man wollte deswegen Import – respektive Schmuggel – nach China unterbinden. Die Briten widerum setzten sich für den „freien Handel“ ein, was am Ende zu zwei Kriegen führte. Neben den schon von der Universität Bielefeld erwähnten finanziellen Aspekten, kann der massenweise Drogenkonsum auch ganze Staaten destabilisieren.

Kaiserreich China: „Die teuflische Droge, die China in den Ruin trieb“

>>Welt<<

„Die teuflische Droge, die China in den Ruin trieb – Das wichtigste Importgut Chinas im 19. Jahrhundert war Opium. 45 Millionen Menschen konsumierten die Droge, die Gesellschaft und Wirtschaft kollabieren ließ. Widerstand gegen den lukrativen Handel brachen die Großmächte mit Gewalt.“

„Droge, die Gesellschaft und Wirtschaft kollabieren ließ“

Unter dieser Ausgangslage waren nun ganz andere Dinge möglich. Das damalige britische Weltreich hat den indischen Subkontinent unter seine Kontrolle gebracht. Die britische Kolonie Indien und China hatten also eine gemeinsame Grenze gehabt. Der Weg nach Chinarespektive Tibet – war daher kurz.

„Im Jahr 1903 veranlasste Großbritannien eine Militärexpedition nach Tibet“

>>Bundeszentrale für politische Bildung<<

„Im Jahr 1903 veranlasste Großbritannien eine Militärexpedition nach Tibet, um den diplomatischen Einfluss Russlands zurückzudrängen. Im Verlauf der so genannten „Younghusband-Expedition“ (Britischer Tibetfeldzug) besetzten die Briten zeitweise Teile Tibets und schlossen ein Abkommen mit der tibetischen Regierung.“

„Im Verlauf der so genannten „Younghusband-Expedition“ (Britischer Tibetfeldzug) besetzten die Briten zeitweise Teile Tibets“

Bei der „Younghusband-Expedition“ dürfte hauptsächlich ganze andere Ziele gehabt haben. In dieser Zeit hat es faktisch zwei „Dalai Lamas“ gleichzeitig gegeben.

„9. Panchen Lama (1883–1937) zum Regenten über Tibet erklärte“

>>Das neue China: Von den Opiumkriegen bis heute von Helwig Schmidt-Glintzer (Buch) <<

„1903/1904 fand die sog. Younghusband-Expedition gegen Lhasa statt, mit dem erklärten Ziel, Tibet zur Anerkennung der Abmachungen zwischen England und China von 1893 zu zwingen, was auch gelang, allerdings ohne Beteiligung des Dalai Lama, der in die Äußere Mongolei geflüchtet war. Diese Gelegenheit suchte die Qing-Regierung in Peking zu nutzen, indem sie den 9. Panchen Lama (1883–1937) zum Regenten über Tibet erklärte, der zunächst ablehnte, dann aber doch während der Exilzeit des Dalai Lama faktisch die Regentschaft innehatte, seinerseits dann aber im Jahr 1923 vom Dalai Lama ins Exil geschickt wurde.“

„1903/1904 fand die sog. Younghusband-Expedition gegen Lhasa stat“

Ein ganz ähnliches Muster wurde schon vorher im damaligen britischen Kolonie Indien angewandt, wo widerspenstige Regenten ebenfalls einfach als abgesetzt erklärt wurden. Vermutlich wollte man Tibet – als langfristiges Ziel – ins britische Weltreich eingliedern. Der Erste Weltkrieg hat diese Pläne letztlich obsolet gemacht. Allerdings blieben die Opiumkriege, Niederschlagung des Boxeraufstandes und die Younghusband-Expedition – um nur einige Ereignisse zu nennen – keineswegs folgenlos.

„Ende der Qing-Herrschaft im Jahr 1911 begannen für das chinesische Volk vier Jahrzehnte voller Unruhen“

>>Der imperiale Traum – Die Globalgeschichte großer Reiche 1400–2000 von John Darwin (Buch) <<

„In den Provinzen blockierten die Regierungsvertreter jeden Versuch, mit Hilfe der Eisenbahnkonzessionen den ausländischen Einfluss auszuweiten. »Eisenbahnen machen in China keine Fortschritte«, teilte der Times-Korrespondent dem Chefredakteur mit. Für britische Finanziers wie Charles Addis von der Hongkong- und Shanghai-Bank bedeutete die chinesische Forderung nach einer »Wiederbeschaffung der Rechte«, dass Ausländer zwar in den Bau von Eisenbahnen investieren konnten, aber nicht erwarten durften, sie auch zu kontrollieren. Als die Regierung in Peking in einem verzweifelten Versuch, die schwindende Autorität wiederherzustellen und die eigenen Finanzen aufzubessern, den Vorschlag machte, die neuen Eisenbahnen den Provinzbehörden zu entziehen (ein kaiserliches Edikt im Mai 1911 »verstaatlichte« sämtliche Hauptlinien), löste dies einen Aufstand aus, der die Dynastie stürzte. Mit dem Ende der Qing-Herrschaft im Jahr 1911 begannen für das chinesische Volk vier Jahrzehnte voller Unruhen. Zugleich signalisierte es das Ende der Ära, in der die Unterwerfung Chinas unter ein eurozentrisches Weltsystem noch möglich erschienen war.“

„Ende der Ära“ – „Unterwerfung Chinas unter ein eurozentrisches Weltsystem noch möglich erschienen“

Der Bau von Eisenbahnen dürfte sicherlich nur der sprichwörtlich: „Der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt“ gewesen sein. Spätestens im Jahr 1912 hat das Kaiserreich China aufgehört zu existieren und es ging nahtlos in einem langen, blutigen Bürgerkrieg über. Dieser hat erst 1949 sein Ende gefunden. – Allerdings eher teilweise. Der Konflikt um die Insel Taiwan rührt aus dieser Zeit her. Auch die Herauslösung von Tibet ist – unter leicht veränderten Vorzeichen – noch nicht aufgegeben worden.