Dritte Welt – Deutschland: „Züge von Ausbeutung als billige Arbeitskraft“

Screenshot twitter.com

Armut hat viele Gesichter und ist beileibe kein Alleinstellungsmerkmal der sogenannten „Dritten Welt“ , sondern ist schon längst hier angekommen: Nur versuchen viele Betroffene ihr Schicksal nach Kräften zu verbergen. Dabei sind die Ursachen politisch gewollt und die Verantwortlichen laufen jeden Tag an den Folgen ihrer Taten vorbei: Denn schon die Angestellten des Bundestages arbeiten zumindest teilweise, unter prekären Beschäftigungsverhältnissen.

>>Focus<<

„Nach gutem Abi und erfolgreichem Studium hat Sonja am eigenen Leib erlebt, dass es Armut in Deutschland gibt. Denn sie arbeitete jahrelang für Hungerlöhne. FOCUS Online erzählt die Akademikerin von ihren harten ersten Berufsjahren. „Ich bin 1981 geboren, komme aus einer gutbürgerlichen Familie und habe ein sehr gutes Abitur gemacht. Danach studierte ich mit Erfolg Germanistik. Ich war ehrgeizig, hatte während meines Studiums immer gejobbt und zudem einige Praktika absolviert. Man sollte also meinen, ein gut bezahlter Job wäre mir sicher. Doch da hatte ich mich getäuscht. Nach meinem Studium in Süddeutschland bewarb ich mich bei PR-Agenturen in meiner Traumstadt Hamburg. Ich wollte PR-Beraterin werden. Schreiben, Geschichten in den Medien platzieren, in der Zeitung, online, im TV, das fand ich super. Nach zwei – natürlich unbezahlten – Praktika ergatterte ich im Herbst 2008 mit mittlerweile 27 Jahren endlich eines der begehrten Volontariate. Gehalt: 1050 Euro brutto. Damit hatte ich noch Glück, denn das war richtig gutes Geld. In vielen Agenturen gab es deutlich weniger. Von 1050 Euro bleiben Ihnen netto 826 Euro und ein paar Cent. Davon musste ich ein WG-Zimmer für 450 Euro und eine Fahrkarte für die öffentlichen Verkehrsmittel bezahlen – nochmal rund 100 Euro. Blieben 276 Euro zum Leben. Eigentlich klingt das ganz in Ordnung in einer Ausbildung, was ein Volontariat ja ist. Aber ich war eigentlich kein Azubi – hatte in der Agentur volle Verantwortung für Projekte. Und arbeite 60 Wochenstunden. Ohne Ausgleich. 18 Monate lang. Trotzdem gab ich alles. Ich ignorierte Migräneattacken und Rückenschmerzen. Die Agentur war sehr zufrieden mit mir und winkte mit einer Übernahme. Leider wurde ich nicht übernommen. Stattdessen hatte sich meine Chefin eine neue Volontärin geholt. Die ist nämlich viel billiger! Mir bot sie an, als Texterin zu bleiben. Stundenlohn: 7,50 Euro – aber nicht angestellt, sondern frei. Das heißt: Bitte selbst versichern. Der Mindestsatz lag damals bei gut 300 Euro für die Kranken- und Rentenversicherung, eine freiwillige Arbeitslosenversicherung buchte ich für damals 80 Euro dazu (heute ist sie viel teurer). Damit blieben von etwa 1200 Euro, die ich auf der Rechnung ausweisen konnte, nur noch gut 800 Euro. Steuern fielen darauf auch noch an, wenn auch nicht viel. Trotzdem: Einkaufen bei Edeka zum Beispiel war nicht drin! Ich akzeptierte zunächst den fröhlichen Sozialversicherungsbetrug – froh, erstmal nicht arbeitslos zu sein und keine gefährliche Lücke in meinem noch jungen Lebenslauf zu haben. Ich dachte, das wird schon, ich bewerbe mich einfach nebenbei für Festanstellungen. Da meine netto nicht mal 800 Euro knapp für die Miete meiner 24-Quadratmeter-Einzimmer-Wohnung und etwas zu essen reichten, arbeitete ich auch noch für andere Kunden. Meine Arbeitswoche bekam dadurch sechs bis sieben Tage. Das bedeutete dann jedoch wenigstens ab und an auch mal ein neues Buch, ein Paar Schuhe vom Flohmarkt oder Nudeln von meinem Lieblings-Asia-Imbiss. Das war mein Luxus.“

 

>>Hans-Böckler-Stiftung<<

„Der Berufseinstieg von Hochschulabsolventinnen und –absolventen hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Ein höherer Anteil an Hochschulabsolventen insgesamt, ein allgemeiner Trend zu mehr befristeten Beschäftigungsverhältnissen und eine höhere Instabilität in vielen Arbeitsverhältnissen prägen auch ihre Situation. Praktika nach Studienabschluss sind eine Facette dieses Phänomens: Weil der von vielen Absolventen angestrebte Übergang in eine dauerhafte, finanziell abgesicherte Beschäftigung zunächst nicht gelingt, treten sie nach erfolgreichem Abschluss des Studiums erst einmal ein Praktikum an. Die Praktikanten mit Hochschulabschluss erhoffen sich berufliche Orientierung und womöglich eine Übernahme. … Bei 75 Prozent war die Arbeit fest im Betrieb eingeplant … Die Hälfte davon trägt Züge von Ausbeutung als „billige Arbeitskraft“: Die Arbeit der Praktikanten ist vom Betrieb voll eingeplant, ohne dass eine Gegenleistung geboten wird – weder finanziell noch in Form von Lerngewinnen.“

 

>>Zeit<<

„Der Deutsche Bundestag hat offenbar für mehr als 100 Mitarbeiter keine Sozialbeiträge gezahlt. Einem Bericht der Süddeutschen Zeitung (SZ) zufolge wurden für Angestellte in der Öffentlichkeitsarbeit und dem Besucherdienst keine Beiträge zur Kranken-, Renten-, Pflege- oder Arbeitslosenversicherung geleistet. Die betroffenen Mitarbeiter seien demnach als Scheinselbstständige einzustufen. Der Bericht stützt sich auf einen Beschluss des Landessozialgerichts Berlin-Brandenburg.“

Die Fälle von prekärer Beschäftigung, Scheinselbstständigkeit und unterbezahlten Praktika ziehen sich bis in den Bundestag hinauf. Wenig verwunderlich: Gut bezahlte Arbeitsplätze sind rar und am anderen Ende wartet ein Sozialsystem – was den Namen kaum verdient.

 

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