Oktoberfestattentat 1982: Was die Geheimdienste verschweigen

Screenshot youtube.com

Oktoberfestattentat 1982 – Ein Terroranschlag mit 13 Toten und ungefähr 200 Verletzen. Der schwerste Terroranschlag auf Deutschen Boden ist bis heute unaufgeklärt. Ein Grund: Die dubiosen Rollen verschiedener Geheimdienste und noch immer unter Verschluss gehaltener Akten. Der Aufklärungswille amtlicher Stellen ist hierzu, kaum ausgeprägt. Zudem bringt eine Aussage: Den Bundesnachrichtendienst in arge Erklärungsnot.

„Der Geheimdienst hinter dem Bombenanschlag auf das Münchner Oktoberfest steckt“

>>Abendzeitung München<<

Der Duisburger Historiker Andreas Kramer (49) sorgte mit einer spektakulären Aussage in einem Prozess in Luxemburg für Aufsehen. Das Oktoberfest-Attentat im September 1980, bei dem 13 Menschen ums Leben kamen und mehr als 200 verletzt wurden, sei von seinem Vater geplant worden. Er habe zusammen mit Gundolf Köhler (21) auch die Bombe gebaut. Der AZ gab er ein exklusives Interview.

AZ: Herr Kramer, Sie haben vor Gericht unter Eid ausgesagt, dass der Geheimdienst hinter dem Bombenanschlag auf das Münchner Oktoberfest steckt. Sind Sie sich da ganz sicher?

ANDREAS KRAMER: Natürlich bin ich mir sicher, sonst würde ich so einen schweren Vorwurf nicht erheben. Es war mein Vater, der maßgeblich daran beteiligt war. Er hat es mir selbst erzählt. Den offiziellen Ermittlungen zufolge war es aber der Geologie-Student Gundolf Köhler, der die Bombe zündete. Und er soll aus eigenem Antrieb und alleine gehandelt haben. Die offizielle Darstellung, an der es ohnehin genügend Zweifel gibt, ist ein Märchen. Der Terrorakt war eine gezielte und lange vorbereitete Aktion des Bundesnachrichtendienstes, für den mein Vater gearbeitet hat und in dessen Auftrag er auch gehandelt hat.

Ihr Vater war doch Offizier der Bundeswehr.

Das Eine schließt das Andere ja nicht aus. Seine Beschäftigung bei der Bundeswehr war eine perfekte Tarnung. Ab Mitte der 60er Jahre war er aber in erster Linie Agent des BND.

Welche Gründe kann es denn geben, dass der BND einen Terrorakt – und dazu noch diesen Ausmaßes – verübt? Das ergibt doch keinen Sinn.

Das ergibt schon einen Sinn, wenn man sich mit den politischen Hintergründen dieser Zeit beschäftigt. Das Schlüsselwort dafür lautet „Gladio“. Durch Untersuchungen in anderen Ländern, vor allem in Italien, weiß man inzwischen, dass unter Federführung der CIA und unter Einbindung europäischer Geheimdienste nach dem Krieg ein geheimes paramilitärisches Netzwerk in verschiedenen Ländern Europas errichtet wurde.

Dubiose Schattenstrukturen: „Geheimes paramilitärisches Netzwerk in verschiedenen Ländern Europas“

>>Bild<<

„Am 26. September 1980 starben auf dem Münchner Oktoberfest 13 Menschen durch eine Bombe, mehr als 200 wurden schwer verletzt. 34 Jahre lang galt offiziell der 21-jährige rechtsradikale Student Gundolf Köhler als alleiniger Täter. Die Rolle eines V-Manns des Bundesnachrichtendienstes, dessen „Wehrsportgruppe“ offenbar Kontakt zum Täter hatte, wurde lange verschwiegen. Seit zwei Jahren durchforstet nun die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe Akten der bundesdeutschen Geheimdienste – für Öffentlichkeit und Medien freigegeben sind diese Akten aber noch immer nicht.“

Ungeklärt: „Die Rolle eines V-Manns des Bundesnachrichtendienstes“

Das Wort „Verschwiegen“ ist eine ziemlich höfliche Beschreibung. Jahrzehntelang galt die These – Kurzfassung: Verrückter Einzeltäter sprengt sich selbst in die Luft – Fall abgeschlossen. Die Bild-Zeitung ist allgemeinhin für ihre guten Geheimdienstkontakte bekannt und sie spricht vielsagend: Von der „Rolle eines V-Manns des Bundesnachrichtendienstes“ . Es ist natürlich reine Spekulation, ob dieser ominöse BND-Agent der besagte Johannes Kramer war. Die Bundesregierung selbst, spricht hingegen nur von einer Geheimakte im BND-Archiv – ohne auf deren Inhalt einzugehen.

Verschlusssache: Die geheimen BND-Akten zum Oktoberfestattentat

>>Deutscher Bundestag (PDF-Datei) <<

„Die Bundesregierung weist darauf hin, dass die Komplexe „Oktoberfestattentat“ und „Wehrsportgruppe Hoffmann“ wegen des Inlandsbezugs nicht in denoriginären Aufgabenbereich des Bundesnachrichtendienstes (BND) als Auslandsnachrichtendienst fielen und fallen. Im Übrigen wurde der überwiegende Teil der im BND zum Oktoberfestattentat gebildeten Unterlagen an das Bundesarchiv abgegeben. Die Antworten auf die den BND betreffenden Fragen beruhen auf den im BND-Archiv noch vorhandenen, erschlossenen Altunterlagen. … . Im BND-Archiv befindet sich noch der aus Verschlusssachen bestehende nicht offengelegte Teil.“

Auslandsnachrichtendienst: Wieso hat der BND überhaupt Akten über das Oktoberfestattentat?

Die Bundesregierung hat insofern Recht: Das Aufgabenbereich des Bundesnachrichtendienstes ist das Ausland. Alleine schon deshalb drängt sich regelrecht die logische Frage auf: Wieso hat der BND überhaupt Akten über das Oktoberfestattentat?

>>Amerikas Schattenkrieger von Eva C. Schweitzer (Buch) <<

„Als im Herbst 2013 erneut über das Münchner Oktoberfestattentat von 1980 debattiert wurde – insbesondere darüber, ob es Mithelfer aus Kreisen der Geheimdienste gegeben habe –, fragte die Linke im Bundestag, was die Regierung über »Gladio« wisse. In der Antwort hieß es, der BND habe an sechs »Stay-Behind«-Operationen teilgenommen. Man dürfe aber keine Auskünfte erteilen, da dies »Einzelheiten zu ehemaligen Kooperationen mit ausländischen Stellen« betreffe.“

„Man dürfe aber keine Auskünfte erteilen“

Rein formal wurde „Gladio“ kurz nach der Wiedervereinigung aufgelöst und schenkt man offiziellen Veröffentlichungen glauben: Dann hatte die Geheimdienstorganisation reinen defensiven Charakter. Verkürzt dargestellt: Im Kriegsfall hatte die Organisation – ausschließlich – den Auftrag, den Partisanenkrieg hinten den feindlichen Linien zu organisieren. Dem steht aber die Tatsachen entgegen: Das mindestens ein BND-Agent mit den Anschlag etwas zu tun hatte, eine gesperrte Geheimdienstakte existiert und die Aussage eines Andreas Kramer. Hinzu kommt: Der Aufklärungswille von staatlichen Stellen zum Fall ist eher mäßig ausgeprägt. Nach und nach kommen Informationen ans Licht und bringen so amtliche Stellen in Zugzwang. Auch bei den „Stay-Behind-Organisatioen“ oder „Galdio“ liegt noch vieles im dunklen.

Streng Geheim: Nicht mal der Name des Deutschen Zweigs von „Stay-Behind“ ist bekannt

Streng genommen gab es kein „Gladio“ – zumindest in Deutschland: „Gladio“ war nur der italienische Zweig. Der Begriff „Stay-Behind“ war wohl nur der Nato-Oberbegriff für die zahlreichen Organisationen in den einzelnen Ländern. Es ist zwar naheliegend, dass ebenso der Deutsche Ableger einen eigenständigen Namen hatte: Aber der ist bis heute wohl noch immer als „geheim“ eingestuft. Im Ergebnis: Ein Terroranschlag mit 13 Toten, ungefähr 200 Verletzen und null Aufklärungswille der Bundesregierung. Oder mit den Worten der Bundesregierung: „Der Informationsanspruch des Parlaments findet eine Grenze bei geheimhaltungsbedürftigen Informationen, deren Bekanntwerden das Wohl des Bundes oder eines Landes gefährden kann.“ Offenkundig wiegt wohl das „Wohl des Bundes oder eines Landes“ schwerer als 13 Menschenleben.

 

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