Warum die italienischen Mafia so erfolgreich ist

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Um dem Erfolg der italienischen Mafia zu verstehen, ist es unerlässlich zu wissen, das Süditalien ein wirtschaftlich schwach strukturierter Landstrich ist. Entwicklungsgelder fließen häufig direkt in die Taschen jener berüchtigten Organisationen. Für die örtliche Bevölkerung bedeutet es: Man ordnet sich den real existierenden Gegebenheiten entweder stillschweigend unter (Omertà) oder man lebt sehr gefährlich.

“Im Schuljahr 2005/2006 unterrichtete ein junger Sizilianer an dieser Gesamtschule Italienisch als Fremdsprachenassistent. Als er nach Schwerte kam, hatte er bereits an der Universität Palermo seine Studienabschlussarbeit in neueren Sprachen geschrieben. Mit dem Titel »Die Goten als Gegenstand der Ethnographie«. Sein Name war Francesco Paolo Provenzano, genannt Paolo. Unter dreihundert Kandidaten war Paolo Provenzano vom italienischen Erziehungsministerium ausgewählt worden, um die italienische Kultur im Ausland zu repräsentieren. Als einer von sechsunddreißig jungen Italienern, die an deutschen Gymnasien und Gesamtschulen den Italienischunterricht beleben und mit den deutschen Schülern über Italien reden sollten. Über das Risorgimento und die Einigung Italiens vielleicht. Oder über den Faschismus und die Resistenza. Oder über Dante, Boccaccio und Petrarca. Über die Mafia nicht unbedingt. Kein abiturrelevantes Thema. Obwohl Paolo Provenzano über die Mafia sicher einiges zu sagen gehabt hätte. Er ist nicht irgendein junger Italiener, sondern der jüngste Sohn von Bernardo Provenzano, jenem legendären sizilianischen Boss, dem es gelang, dreiundvierzig Jahre lang sowohl seine Verfolger als auch seine Rivalen abzuschütteln. Ein Gottvater, der bereits zu Lebzeiten zum Mythos wurde, verklärt von der Mafia. Bernardo Provenzano hat es verstanden, die Cosa Nostra nach den Attentaten auf die beiden Staatsanwälte Giovanni Falcone und Paolo Borsellino aus einer der schwersten Krisen ihrer Existenz in eine verheißungsvolle Zukunft zu lenken.”

 

>>Frankfurter Allgemeine Zeitung<<

“Sieben Wochen nach dem Mord an einer regierungskritischen Journalistin auf Malta sind acht Verdächtige festgenommen worden. Die acht Malteser seien am Montagmorgen in einem gemeinsamen Einsatz an verschiedenen Orten gefasst worden, sagte Maltas Premierminister Joseph Muscat. Sie werden verdächtigt, den Anschlag mit einer Autobombe durchgeführt zu haben. Ob sie auch die Auftraggeber waren, ist unklar. Die Bloggerin Daphne Caruana Galizia war am 16. Oktober in der Nähe ihres Hauses auf der Mittelmeerinsel getötet worden. Der Anschlag hatte das kleine EU-Land geschockt und auch international für Entsetzen gesorgt. Auf Malta kam es zu Protesten gegen Korruption und gegen eine Unterwanderung des politischen Systems durch Kriminelle. Galizia hatte unter anderem zu Vorwürfen in den „Panama Papers“ recherchiert, die sich gegen den sozialdemokratischen maltesischen Regierungschef Muscat und dessen Frau richteten.”

 

>>Süddeutsche Zeitung<<

“Malta ist das kleinste Land der Union, wahrscheinlich ging es auch deshalb unter dem Radar durch. Die Bombe von Bidnija könnte das ändern. Es war die sechste Autobombe in zwei Jahren. Montiert und gezündet im Stil der Mafia. … Das römische Nachrichtenmagazin L’ Espresso hat in vertraulichen Akten, den sogenannten Malta Files, die Namen vieler italienischer Unternehmer, Ex-Fußballer und Politiker gefunden, die in Malta keine oder fast keine Steuern bezahlen. Ist nicht weit weg, nur hundert Kilometer von Sizilien entfernt, und so viel billiger. … Zunächst analysieren sie nun aber die Spuren der Bombe. Sie soll aus Semtex gefertigt gewesen sein, einem Plastiksprengstoff. Siziliens Mafia setzte früher Semtex ein.”

 

>>Europol<<

“The three main Italian mafia-style groups — the Cosa Nostra, Camorra and Ndrangheta — operate worldwide but keep a very low profile outside of Italy, making it difficult for law enforcement agencies to detect these organised crime groups. The power the Italian mafias have resides in their control and exploitation of territory and community. The concepts of family, power, respect and territory are fundamental to understanding the dynamics of the mafias. They are capable of manipulating elections and installing their people in administrative positions even in places far from the territories they control.”

 

>>Spiegel<<

“Tief unter Neapel liegt eine zweite Stadt, mit gigantischen Räumen und mehr als 80 Kilometern Straßen und Gassen. Die Griechen haben dort, lange vor Christi Geburt, Wasserspeicher angelegt. Die Römer haben weitergebaut. Die Neapolitaner haben in den Katakomben Waffen oder auch sich selbst versteckt, vor der Obrigkeit oder im Krieg vor den Bomben. Später haben sie vor allem ihren Müll in der Unterstadt entsorgt. Inzwischen wird unten kräftig aufgeräumt. Etliche Kooperativen sind dabei, dort Meter um Meter sauber und sicher zu machen und für die Menschen von oben zu öffnen. Ein paar Dutzend junge Helfer haben dabei das gefunden, was in Neapel das Kostbarste ist: einen bezahlten Arbeitsplatz. Sie entrümpeln, installieren Licht, restaurieren Mosaiken und Statuen. Das Geld kommt von Stiftungen und Spenden. Einige von ihnen führen Touristen durch den labyrinthischen Zauber der Unterwelt. Und alle, die dort arbeiten, glauben, dass sie Vorreiter für eine ähnliche Säuberung in der von der Mafia verseuchten Oberstadt sind. Denn die ist zwar wunderschön, aber vermutlich die gewalttätigste Stadt Italiens. Doch “Bellezza”, Schönheit, so Vincenzo Porzio, einer der Sprecher der Unterwelt-Kooperativen, “kann das Böse heilen”. Bislang ist “das Böse” oben allerdings wenig beeindruckt. Die Camorra, wie die Mafia in Neapel heißt, sei “ein Krebsgeschwür”, klagte gerade erst der lokale Erzbischof, Kardinal Crescenzio Sepe. Eine Zeit lang habe man gedacht “es erfolgreich zu bekämpfen, indem man die Bosse, die Unter- und die Oberbosse verhaftet”. Aber: “Das Geschwür wuchert weiter.” Schlimmer noch: Es befällt vor allem Jugendliche und sogar immer mehr Kinder.”

 

>>Sempre Italia<<

“Die Mafia orientierte sich nach dem Vorbild der amerikanischen Mafia um und verlagerte ihre Aktivitäten in die Städte. Hier nutzte sie den einsetzenden Bauboom für ihre Geschäfte und spezialisierte sich unter anderem auf die Abzweigung von Entwicklungsgeldern der Regierung in Rom und der EU. 1950 führte die italienische Regierung die sogenannte Südkasse zum Aufbau des „Mezzogiorno“ ein, die die Wirtschaft subventionieren und öffentliche Dienstleistungen finanzieren sollte. Bis 1984 flossen ca. 120 Mrd. Euro in diese Kasse, die zum Reservoir für die Symbiose von Mafia und Politik wurde. Die Mafia entschied, wer die lukrativen Aufträge erhielt und kassierte eifrig mit. Wer mit der Mafia zusammenarbeitete, wurde reich, wer das nicht tat, hatte verloren. So wurde auf Sizilien Land urbar gemacht, Wälder wurden aufgeforstet, 18.000 Kilometer Straßen gebaut und weitere 22.000 Kilometer modernisiert, Wasser- und Stromleitungen wurden gelegt, Schulen, Kindergärten und Krankenhäuser errichtet. Leider hatte die Kasse im Jahre 1984 12 Mrd. Euro Schulden, denn alle Projekte waren auf rätselhafte Art und Weise mindestens 70 % teuer als geplant ausgefallen. Der Zugang zu öffentlichen Geldern hatte die Gewalt als Machtmittel der Mafia abgelöst. Seit den 80er Jahren hat die Mafia ein undurchschaubares Kartell von Baufirmen aufgebaut, das die Bauausschreibungen auf Sizilien komplett kontrolliert. Das größte Projekt der Gegenwart ist die 5 Mrd. Euro teure Brücke, die Sizilien mit dem Festland verbinden soll und zu großen Teilen durch EU-Mittel für Infrastrukturverbesserung finanziert wird.”

Der italienische Zentralstaat und die Europäische Union fördern willentlich oder zumindest unwillentlich die Mafia. Im weitesten Sinne ist es die einzigste Organisation in Süditalien die in der Lage ist – weil sie über die notwendigen Ressourcen verfügt – die verfügbaren staatlichen Subventionen abzugreifen. Bereits die Schaffung des Staates Italien im Jahre 1861 verschärfte die Situation. Die spätere Mitgliedschaft in der Europäischen Union mitsamt der üppigen – aber zugleich kompliziert zu beantragenden – Fördergelder inklusive der neu geschaffenen Möglichkeiten, über weitreichende internationale Firmengeflechte Gelder zu verschieben, haben das begrenzte örtlich-lokale Problem zu einen internationalen gut vernetzten Konglomerat anwachsen lassen.

 

 

 

 

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