Die Lausitz und das böhmisch-habsburgische Erbe

Screenshot dieschweizerschloesser.ch

Im Jahre 1810 wurde Schirgiswalde von napoleonischen Truppen und seinen Verbündeten besetzt. Der Grund: Schirgiswalde gehörte als Exklave – Umgeben von Sächsischen Königreich – zum damaligen Feind, den Kaiserreich Österreich an. Nach dem Ende der Feindseligkeiten mit Napoléon Bonaparte, blieben die Hoheitsrechte noch viele Jahrzehnte ungeklärt. Erst im Jahr 1845 wurde die „Staatskrise“ um Schirgiswaldes abschließend geklärt. Dieses geschichtliche Ereignis hat ein fast vergessenen Hintergrund: Viele Jahrhunderte gehörte die Lausitz zur böhmischen Krone und stand somit: Unter der Herrschaft des Kaiserreichs Österreich.

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„Mit wenigen Unterbrechungen gehörte die Lausitz über insgesamt 460 Jahre zu den Ländern der Böhmischen Krone. Przemysl Ottokar II. umritt Zittau und legte damit den Verlauf der zu errichtenden Mauern fest. Kaiser und König Karl VI. (1346 bis 1378) erwarb Schlesien, die Lausitz und die Mark Brandenburg zur Stärkung der Hausmacht der Luxemburger. Nach der Schlacht bei Mohacz 1526 und dem Tode des Jagellonen Ludwig II. erbten die Habsburger das Jagellonenreich: Ungarn, Böhmen mit allen Nebenländern einschließlich der Lausitz. Nach der Schlacht am Weißen Berge 1620 verpfändeten die Habsburger die Lausitz an den Kurfürsten von Sachsen, waren aber nicht in der Lage, das Pfand wieder auszulösen, wodurch die gesamte Lausitz im Prager Frieden von 1635 endgültig an Sachsen kam. Durch den Wiener Kongreß 1815 verlor Sachsen, der als letzter treuester bundesgenosse Napoleons eine besondere Strafe erfahren sollte, die Niederlaiusitz und die nördliche Oberlausitz an Preußen. Am Ende des 2. Weltkrieges fanden an Oder und Neiße heftige Abwehrkämpfe statt. Nach der bedingungslosen Kapitulation (9. Mai 1945) wurden die Länder östlich der Oder und der Lausitzer Neiße durch Beschluß der Siegerkonferenz von Potsdam (im August 1945) unter die Verwaltung der Polen gestellt.“

 

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Die Tschechen und die Sorben, manchmal auch Wenden genannt, haben sich aus alten slawischen Stämmen entwickelt. … Ihre Sprachen waren anfangs sehr ähnlich, erst seit dem 14. Jahrhundert entstanden daraus schrittweise das Tschechische, Sorbische und Polnische. Im Mittelalter war das Siedlungsgebiet der Sorben, die Lausitz, sogar Bestandteil des böhmischen Königsreichs. Johann von Luxemburg nahm 1320 Bautzen ein. Sein Sohn Kaiser Karl IV. ordnete den deutschen Kurfürsten an, die slawische Sprache zu lernen und auch ihre Kinder in diesem Sinne zu erziehen. Dazu Petr Kaleta vom tschechischen Freundeskreis Lausitz:

„Diese Periode zeichnete sich durch einen engen kulturellen Austausch zwischen beiden Völkern aus. Viele Studenten aus der Lausitz gingen vor allem nach Prag, aber auch in andere böhmische Städte und erwarben dort ihre Ausbildung. Dies war nicht ungewöhnlich, weil Prag damals als Hauptstadt Mitteleuropas galt. Es kamen vor allem Priester, die nach dem Studium in ihre Heimat zurückkehrten und in der Lausitz dann die slawische Sprache verbreiteten.“

So oder so ähnlich blieb es fast bis Mitte des 17. Jahrhunderts. 1635 traten aber die Habsburger die Lausitz an das protestantische Sachsen ab. Bedingung war aber, dass das Gebiet westlich von Bautzen katholisch blieb und dass die dortigen Gemeinden dem wendischen Kloster Marienstern zufallen. Diese Katholiken blieben dem Prager Erzbischof untergeordnet. Für die Priester entstand jedoch ein Problem. Sowohl in Sachsen, als auch in Prag gab es keine theologische Schule, an der Sorbisch gelehrt wurde. Petr Kaleta:

„An der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert gründeten die wendischen Brüder Šimanec eine Stiftung, um zwölf jungen Männern das Studium der katholischen Theologie zu ermöglichen. 1726 wurde der Grundstein für das Gebäude des Lausitzer Seminars in Prag gelegt. Diese Schule diente jedoch nicht nur zum Unterricht, sondern auch als Treffpunkt für die bedeutenden nationalen Erwecker von damals. Stammgast war dort zum Beispiel Václav Hanka, ein gelehrter tschechischer Philologe und Sorabist, der in die Geschichte leider vor allem als Fälscher von Handschriften eingegangen ist. Dorthin kamen auch der tschechische Dichter Karel Jaromír Erben und der slowakische Philologe Martin Hatala. All diese Leute haben das sorbische Selbstbewusstsein sehr beeinflusst. Die bedeutende Mehrheit – vielleicht 80 bis 90 Prozent der sorbischen nationalen Erwecker – haben am Lausitzer Seminar in Prag studiert, zum Beispiel der Schriftsteller Jan Pietr Jordan, Jakub Barth Čišinski, Michal Hórnik, Jan Skala und viele andere.“

Das Seminar bestand bis 1923. Dann wurde das Bistum Meißen neu gegründet und der dortige Bischof Christian Schreiber sagte, er wolle mit den „slawischen Winkelzügen“ Schluss machen. Schreiber verkaufte das Gebäude des Seminars an die Stadt Prag. Er war nicht gerade ein Freund der Sorben, sagt Jurij Luščansky, Referent für kulturelle Angelegenheiten im sorbischen Verband Domowina:

„Bischof Schreiber wurde dafür bekannt, dass er nach seiner Anstellung zum Bischof der Lausitz bei seinem Antrittsbesuch in Crostwitz, also in einer der größten sorbischen katholischen Gemeinden, auf die Kanzel gestiegen ist und dort gesagt hat: ´Ich komme zu Ihnen als Deutscher.´ Das war er und das ist er geblieben. Da es Proteste gegeben hätte von den Sorben, hat er dies nicht weiter publik gemacht. Dies wurde erst bekannt, als das Seminar bereits verkauft worden war.“

Die Freundschaft zwischen Sorben und Tschechen wurde dadurch jedoch nicht berührt. Im Gegenteil: Die tschechoslowakische Regierung verpflichtete sich, jährlich einigen sorbischen Studenten das Studium an der Prager Universität zu finanzieren. Sie hielt diese Zusage bis 1938. Nach der Machtergreifung der Nazis in Deutschland im Januar 1933 flohen zudem mehrere Sorben in die demokratische Tschechoslowakei. Große Verdienste um die tschechisch-sorbische Kontakte hatte auch der erste tschechoslowakische Präsident Tomáš Garrigue Masaryk. Am Ende des Ersten Weltkriegs hatte er sogar die Idee, die Lausitz entweder der Tschechoslowakei anzuschließen oder sie als neuen selbständigen Staat zu schaffen. Nichts davon hat sich zwar erfüllt, aber Masaryk lagen die Sorben weiterhin sehr am Herz. Dass die Tschechen den Sorben wirklich am nächsten stehen, das zeigte sich auch nach dem Zweiten Weltkrieg. Damals kamen viele Sorben in die Tschechoslowakei, vor allem nach Nordböhmen. 1945 gründete die Regierung für die Kinder dieser Zuwanderer das wendische Gymnasium. In den nächsten fünf Jahren eröffnete das Gymnasium Klassen in Česká Lípa / Böhmisch Leipa, Varnsdorf / Warnsdorf und Liberec / Reichenberg. Die Mehrheit der Schüler kehrte später in die Lausitz zurück und wurde Kern einer neuen Generation der sorbischen Intelligenz. Auch das Gebäude des ehemaligen Seminars in Prag wurde teilweise seinem ursprünglichen Zweck wieder zugeführt, sagt Petr Kaleta vom „Freundeskreis Lausitz“.

„Das Haus wurde 1945 Sitz des ´Freundeskreises Lausitz´ und diente bis 1956 als Studentenwohnheim für die in Prag studierenden Sorben. Die kommunistischen Politiker entschieden aber dann, das Studium der Sorabistik von Prag nach Leipzig zu verlagern. Die einzigartige sorbische Bibliothek blieb allerdings im ehemaligen Seminargebäude. Dort fanden zudem Vorträge, Ausstellungen und andere Veranstaltungen zu sorbischen Themen statt. So konnte der 1907 gegründete „Freundeskreis Lausitz“, einer der ersten slawischen Verbände, seine Tätigkeit fortsetzen.“

Screenshot heraldik-wiki.de

 

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