Geheimoperation „Sommerregen“ – Wenn Soldaten unbezahlten Urlaub machen

Screenshot twitter.com

Die Versorgung von kriegsversehrten Veteranen lässt bei der Bundeswehr allgemein zu wünschen übrig. Hinzu kommt: Die Abgrenzung zwischen militärischen und geheimdienstlichen Missionen verschwimmen dabei zusehends: Die ausgedienten Spione und Soldaten werden in der Regel alleine gelassen und dürfen später nicht mal über das Erlebte sprechen.

>>Zeit<<

„In Deutschland hat man das Problem jahrelang nicht wahrgenommen. Oder wahrnehmen wollen. Erstmals schickte der Bundestag 1993 Kampftruppen ins Ausland, nach Somalia. Dann folgten die robusten Einsätze auf dem Balkan. Schon damals erlitten zahlreiche Soldaten Traumata, doch nur wenige in der Truppe erkannten dies. Einer von ihnen war der Oberstarzt Reinhard Erös. Er hatte während der sowjetischen Invasion in Afghanistan jahrelangen unbezahlten Urlaub genommen, um unter dem Schutz der Mudschahedin die Menschen medizinisch zu versorgen. Er erlitt selber ein Trauma und weiß, was das für Soldaten bedeutet. Gemeinsam mit anderen Ärzten, Psychologen, Psychiatern und Seelsorgern versuchte er damals, die Bundeswehr dazu zu bringen, Traumatologen ausbilden zu lassen. Doch vor 20 Jahren wollten die Verantwortlichen davon nichts wissen. „Die Bundeswehr ist heute Schlusslicht bei der PTBS-Betreuung“, schimpft Erös. Tatsächlich sind die deutschen Streitkräfte, deren Umbau zur Einsatzarmee voranschreitet, auf die Folgen der Auslandsmissionen noch nicht wirklich eingestellt. Es dauerte fast 18 Jahre, bis die Bundeswehr nach dem ersten robusten Auslandseinsatz ein Traumazentrum aufbaute – obwohl bekannt war, dass bei der US-Armee bis zu 30 Prozent der Soldaten im Auslandseinsatz an PTBS erkranken. Dort sind die Veteranen organisiert und machten nach dem Vietnamkrieg Druck auf die Politik.“

Eine nette Umschreibung: Unbezahlten Urlaub machen „Um unter dem Schutz der Mudschahedin die Menschen medizinisch zu versorgen“ – Heute sind die „Mudschahedin“ besser als Taliban bekannt. Die haben weder ihre Religion noch Ideologie geändert, und bestehen zum Teil aus den selben Leute. Wie dem auch sei: Ohne strafrechtliche Konsequenzen, kann kein Deutscher Staatsbürger als „Hobby“ auf Seiten irgendwelcher Terroristen oder „Freiheitskämpfer“ in den Krieg ziehen. Ausnahme: Mit Erlaubnis des Bundesnachrichtendienstes.

>>Welt<<

„Operation „Sommerregen“ – Der deutsche Geheimdienst BND in quasimilitärischer Mission … Der deutsche Auslandsgeheimdienst, so zeigen Recherchen der „Welt am Sonntag“ und des ZDF, spielte in der letzten Schlacht des Kalten Krieges eine wesentlich größere Rolle, als bislang bekannt ist. Afghanistan unter Sowjet-Besatzung war für den BND eine schier unerschöpfliche Waffenkammer, die es abzuschöpfen galt. Der Einmarsch der Roten Armee in Afghanistan war der Beginn der deutschen Geheimdienst-Operation „Sommerregen“. Sie dauerte mehrere Jahre und gilt als einer der erfolgreichsten Einsätze in der 57-jährigen Geschichte des BND. Und einer der geheimsten: In Pullach und Berlin wurde bislang dazu geschwiegen. Auf Nachfrage dieser Zeitung wollte sich der Geheimdienst nicht zum Thema äußern. … Sie berichten von riskanten Einsätzen an der Front, von der Zusammenarbeit mit den afghanischen Mudschaheddin und von der Kooperation mit dem pakistanischen Geheimdienst ISI. Doch warum wurde Afghanistan zum Einsatzgebiet deutscher Agenten?“

 

>>Wer den Wind sät: Was westliche Politik im Orient anrichtet von Michael Lüders (Buch) <<

„Brzezinski: Ja. Die offizielle Version lautet, dass die CIA-Hilfe für die Mudschahedin im Laufe des Jahres 1980 einsetzte, also nach dem sowjetischen Einmarsch am 24. Dezember 1979. Die Wirklichkeit aber, das wurde bisher geheim gehalten, sah anders aus. Am 3. Juli 1979 hat Präsident Carter die erste Direktive unterschrieben, um den Gegnern des pro-sowjetischen Regimes in Kabul still und leise Hilfe zu leisten. Am selben Tag noch habe ich dem Präsidenten geschrieben. Ich habe ihm erklärt, dass diese Hilfe meiner Meinung nach eine sowjetische Militärintervention herbeiführen würde.“

 

>>Welt<<

„Die Sowjets fürchteten, Afghanistan als kommunistischen Vasallenstaat zu verlieren. Das wäre in der Hochzeit des Kalten Krieges ein Fiasko gewesen. Denn das rohstoffreiche Land am Hindukusch sicherte der Sowjetunion den Zugang zum Indischen Ozean.“

Streng genommen ist Afghanistan heute ebenso ein Vasallenstaat, wie damals zu Zeiten der Sowjetunion: Nur mit einer anderen Führung.  Die reale Macht des Afghanischen Präsidenten reicht kaum über die Vororte der Hauptstadt hinaus. Schmerzhaft wird deshalb, das formale Staatsoberhaupt als „Bürgermeister von Kabul“ verspottet. Der gesamte Staat Afghanistan, existiert ohnehin mehr auf den Papier, als in der Realität. Würden die westlichen Truppen abziehen, dann würde das Land in den Einflussbereich der Nachbarstaaten – vor allen China und Iran – geraten. Denn jenseits der amtlichen Verlautbarungen, sind es geopolitische Machtspiele: Die Bundeswehr und Bundesnachrichtendienst spielen dabei bestenfalls als Juniorpartner eine Rolle, die aber keinen nennenswerten Einfluss haben dürften. Besonders bei Missionen wie in Afghanistan, verschwimmen zunehmend die Grenzen zwischen Geheimdienst und Militär. Nicht wenige Agenten haben vorher eine militärische Laufbahn absolviert, oder sind beim Militär aktiv und befinden sich lediglich im „Urlaub“ .  Daneben operieren Spezialeinheiten, die zwar formal zum Militär gehören, aber in der Realität wie ein“robust“ auftretender Geheimdienst agieren. In diesen rechtlichen Graubereich, als versehrter Veteran irgendwelche Ansprüche geltend zu machen, bei Behörden die kaum noch für etwas Verantwortung übernehmen wollen: Das ist in vielen Fällen – wie der Krieg in Afghanistan – ein aussichtsloses Unterfangen.

 

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