Wer hat das europäische Porzellan erfunden?

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Johann Friedrich Böttger soll das europäische-weiße Gold – respektive Porzellan – wiederentdeckt haben? Leider ist es so nicht ganz korrekt. Zwar hat Johann Friedrich Böttger einen beträchtlichen Anteil daran, aber der eigentliche Entdecker ist jemand ganz anderes.

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Von Christof von Tschirnhaus

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Sehr geehrte Redaktion,

in dem o.g. Absatz bezeichnen Sie Johann Friedrich Böttger als Erfinder des europäischen Porzellans, was geschichtlich nicht korrekt ist.

Die europäische Porzellanerfindung war kein Zufallsprodukt -statt Gold Porzellan-,
sondern kam durch jahrelanges Forschen zustande -und zwar durch den in der Oberlausitz geborenen Ehrenfried Walther von Tschirnhaus (1651-1708).

Tschirnhaus gilt schon lange als Erfinder des europäischen Porzellans. Die Schulbücher Sachsens sind schon vor Jahren korrigiert worden. Im Schulbuch „GEOS“ (Sachsen, 5. Klasse) heißt es:

„Ehrenfried Walther von Tschirnhaus (1651-1708) gelang die Herstellung

des europäischen Hartporzellans, die Johann Friedrich Böttger weiterentwickelte.“

Böttger hat sicher dabei eine bedeutende Rolle gespielt.

1719 schreibt der Generalsekretär der Meißner Manufaktur -Caspar Bussius- in seinem Bericht, „daß die Porzellanerfindung nicht von Böttger, sondern von dem seeligen Herrn von Tschirnhausen herkommt und dessen schriftliche Wissenschaft  ihm durch den Inspektor Steinbrück zugebracht worden sey.“  (H.St.A.Dresden,Hempel 1823, S.292)

Und in der Tat hat Steinbrück 1718 in einer Abfassung mit eigenen Worten zugegeben, den handschriftlichen Nachlass von Tschirnhaus benutzt, bzw. sich von den Manuskripten Abschriften gemacht zu haben. Ferner berichtet er, dass er über die Art, wie Böttger das Porzellan erfunden habe, nicht ganz im klaren sei.

(„Nachrichten über die im Chursächssischen Ertz-Gebirge befindlichen Edelen guthen und raren Gesteine“ -Kgl.Bibliothek Dresden Ms.J. 275, 1718-)

In Dresden und Meißen erinnert auch heute noch viel an Böttger und wenig an von Tschirnhaus. In beiden Städten stehen Gedenksteine allein für den Porzellanerfinder Böttger, der “Gold machen sollte und dabei zufällig das Porzellan erfand”, wie heute noch zu lesen steht.

Der Naturforscher, Mathematiker und Physiker Ehrenfried Walther von Tschirnhaus (1651-1708), Schöpfer der ersten großen Brennspiegel und Brennlinsen, ist Gründer der ersten sächsischen Glashütte und Initiator zur Schaffung einer deutschen Porzellanindustrie.

Im Februar 1694 berichtete von Tschirnhaus in Briefen an Leibniz über seine Experimente und erwähnte dabei, dass diese ihn auf den Gedanken gebracht hätten, Porzellan zu bereiten.

Die Chinesen hatten dieses Geheimnis schon im 7. Jahrhundert entschlüsselt. Von 1697–1699 machte von Tschirnhaus weitere systematische Versuche zum chemischen Verhalten von Erden und Silicaten bei hohen Temperaturen. Schon 1704 wies er dem Sekretär Leibnizens Stücke seiner Porzellanerzeugnisse vor, wobei dieser erläuternd sagte: ”die Chinesen könnten ohnmöglich den Porcelan anders als auf seine Manier machen.” Von Tschirnhaus hatte daraufhin dem Landesherren, König August II. dem Starken, einen Entwurf zur Errichtung einer Porzellanfabrik vorgelegt, der aber in eine politisch ungünstige Zeit fiel (Großer Nordischer Krieg, 1700–1721) und deshalb ohne Folgen blieb. 1706 verzichtete August der Starke auf die polnische Krone und kehrte nach Sachsen zurück.

Kurz danach kam nun der aus Berlin geflüchtete Apothekergehilfe und Alchemist Johann Friedrich Böttger (1682–1719) nach Dresden, der in Berlin insgeheim alchemistische Versuche betrieben und seinem Chef 1701 eine angeblich völlig ”geglückte Probe” seiner Goldmacherkunst vorgelegt hatte.

Als auch August der Starke davon hörte, verlangte er die Einziehung des ”Kerls”. Böttger floh, wurde aber auf der Flucht in Gewahrsam genommen und nach Dresden zurückgebracht, wo er jahrelang unter strenger Aufsicht Gold herstellen sollte, was ihm natürlich nicht gelingen konnte. 1704 wurde nun auch von Tschirnhaus zur Beaufsichtigung des ”Goldmachers” herangezogen. Wahrscheinlich hatte es Böttger dem Gelehrten zu verdanken,

dass er nicht das harte Schicksal früherer alchemistischer Glücksritter teilen musste, indem ihn von Tschirnhaus zu seinen Experimenten heranzog.

Böttger wollte davon aber nichts wissen und sträubte sich noch bis September 1707 gegen eine Mitarbeit. Er wolle sich nicht ”in die Porcellain-Arbeit melieren, die Tschirnhausens Angelegenheit sei.” Erst auf höheren Befehl begann Böttger die Mitarbeit.

Im Dezember 1707 kam der König in das neue, für von Tschirnhaus eingerichtete Forschungslaboratorium in den Kasematten der Venusbastei (heute Brühlsche Terrasse) und ließ sich die Erfindung vorführen. Unter von Tschirnhaus’ Oberleitung wurden die planmäßigen Versuche mit verschiedenen Erden fortgesetzt, wobei mehrere Freiberger Berg- und Hüttenleute mitwirkten. Das Jahr 1708 brachte einen wesentlichen Fortschritt der Arbeit, da sich zwei Mineraliensendungen als besonders geeignet erwiesen: Eine gelieferte Probe Kaolin bei Schneeberg und ein Alabaster als Flussmittel. August der Starke ernannte von Tschirnhaus zum Geheimen Rat und Direktor der zu gründenden Manufaktur und verfügte, ”daß wir dem Herrn von Tschirnhausen 2561 Thaler haben auszahlen lassen… .” Von Tschirnhaus allerdings bat, diesen Titel erst nach Anlaufen der Fertigung führen zu dürfen.

Das Schicksal wollte es jedoch, dass der Leiter des Ganzen plötzlich starb. Am 11.10.1708 wurde Ehrenfried Walther von Tschirnhaus von der roten Ruhr dahin gerafft.

Im Forschungslaboratorium herrschte große Betrübnis, denn keiner wusste, wie es mit den Porzellanarbeiten weitergehen sollte.

Drei Tage nach von Tschirnhaus’ Tod berichtete Böttger in einer Meldung an den Statthalter Egon Fürst von Fürstenberg von einem Einbruch in dessen Haus, bei welcher Gelegenheit ein von Tschirnhaus gefertigter kleiner Porzellanbecher abhanden gekommen sei. Dieser Bericht ist ein besonders wichtiges Zeugnis, denn hier bestätigt Böttger selbst, dass es sich um ein echtes Porzellanerzeugnis von Tschirnhaus handelt.

Bis zum 20.3.1709 ruhten die Porzellanarbeiten, dann traf Melchior Steinbrück in Dresden ein. Steinbrück war der Hauslehrer der Familie von Tschirnhaus und hatte nun die Aufgabe, den Nachlass zu sichten. Am 20.3.1709 unterzeichnete Steinbrück vor einem Notar die Aufstellung des Nachlasses von Tschirnhaus und traf in diesen Tagen mit Böttger zusammen, der dann plötzlich am 28.3.1709 – also nur acht Tage später – dem König die Erfindung des Porzellans meldete.

Böttger wurde Leiter der ersten Porzellan-Manufaktur Europas. Er ernannte Steinbrück zum Inspektor, dieser heiratete dann Böttgers Schwester.

 

Urkundliche Quellen und Zeugenaussagen

 

*Ende September 1707 wird Böttger erst in der Porzellan-Forschung tätig.

(Hauptstaatsarchiv Dresden (H.St.A. genannt Loc.1341).

 

*Noch im Sept 1707 sträubte sich Böttger zur Mitarbeit an der Porzellenherstellung.

Er wolle sich nicht „in die Porcelain-Arbeit melieren, die Tschirnhausens Angelegenheit sei.“

(H.St.A.Dresden, Artikel Böttger der Encykloädie der Wissenschaften und Künste, 11.Teil,1823)

 

*Brief Böttgers vom 14.10.1708, geschrieben drei Tage nach dem Tode von Tschirnhaus, in dem er die Herstellung eines Porzellanbechers durch E.W.v.Tschirnhaus bestätigt, (H.St.A.Dresden Loc.976).

Denn am 25. Juni 1708 sandte Christoph Martin Dörfler aus Schneeberg u.a. eine Probe Kaolin in das Forschungslaboratorium (H.St.A.Dresden Loc 1340). Damit ist auch der Beweis geliefert, dass die beste Porzellanerde Sachsens, die berühmte „Auer Erde“ bereits im Juli 1708 in Tschirnhausnes Laboratorium eingeliefert worden ist.

Tschirnhaus hatte somit die neue Porzellanerde noch in den Händen gehabt und einen weiteren Becher gebrannt, bevor er im Okt 1708 starb.

 

*v.Tschirnhaus wird vom König zum Geheimen Rat und Direktor der zu gründenden Manufaktur ernannt (H.St.A.Dresden, Königliche Resolution über die Böttgerschen Rechnungen, 1708)

– und August verfügte, „…daß wir dem Herrn von Tschirnhausen 2561 Thaler haben auszahlen lassen…“  (H.St.A.Dresden Loc 2097, Nr.49).

 

*Außerdem versprach ihm der König den Reisewitzischen Garten bei Dresden, ferner ein „apertes Lehngut von mediocren Wert“, seinen „Kindern aber nach seinem Tode jedem eine gewisse Summe Geld nebst ihres Vaters Pension auf etliche Jahre.“

(H.St.A.Dresden Loc.1357, ao.1709-1715, Orginal des Dekrets)

 

*Ganz plötzlich wurde E.W.v.Tschirnhaus am 11.10.1708 von der roten Ruhr dahin gerafft.

Im Forschungslaboratorium herrschte große Betrübnis, denn keiner wußte, -auch Böttger nicht- wie es mit den Arbeiten weitergehen sollte.

Bis zum 20.3.1709 ruhten die Porzellanarbeiten, dann traf Melchior Steinbrück in Dresden ein. Er war der Hauslehrer der Familie v.Tschirnhaus und hatte nun die Aufgabe, den Nachlaß zu sichten.

(H.St.A.Dresden Loc 379/381)

 

„Das Meissener Porcellain ist nach dem berühmten Zschernhausen anfänglich ausgefunden nachgehendts von Böttger zur besseren Perfection gebracht.“

(H.St.A.Dresden Loc 1341)

 

*Fontenelle, Mitglied der Pariser Akademie, nennt 1709 v.Tschirnhaus als Erfinder.

(„Eloge de M. de Tschirnhaus“ 1709 von Fontenelle, Bernard)

 

*1727 hält in Paris der französische Technologe und Biologe Réaumur (Erfinder des Thermometers) einen Vortrag über die Herstellung des europ. Porzellans und bezeichnet v.Tschirnhaus als den Erfinder.  (H.St.A.Dresden Loc.1341) :“Die Academie hat einen ihrer Glieder, Herrn Tschirnhausen, gehabt, welcher das Arcanum eines Porcellaines, welches dem ansehen nach eben dasselbe ist, so in Sachsen gemacht wird, erfunden…“

 

*Ein weiterer Zeitzeuge ist Herr Peter Mohrenthal aus Dresden. Er schreibt 1732:

„Ganß Sachsen wird so leicht den Herrn von Tschirnhausen nicht vergessen, und sein Ruhm wird ewig bestehen, so lange nehmlich, als die Porcellain-Fabriqve in Meißen welche nächst der Chinesischen, ihres gleichen in der Welt nicht hat,… Denn eben der Herr von Tschirnhausen ist derjenige, so die Massam zu Porcellain am ersten glücklich gefunden, und hat sie nach ihm der bekannte Bötticher völlig ausgearbeitet… Der Tod nehmlich unterbrach alle schönen Bemühungen des Herrn von Tschirnhausen, welche die Welt nicht mit Golde bezahlen kann.“

(P.G.Mohrenthal: Lebens-Beschreibung des Welt-berühmten E.W.von Tschirnhaus in gleichen Nachrichten von seinen Schriften und seltenen Erfindungen. In: Curiosa Saxonica, Drittes repoitorium Probe 38 und 39.Dresden 1731)

Vielleicht sind diese Informationen für Sie von Interesse.
Es wäre schön, wenn Sie an den Oberlausitzer Ehrenfried Walther von Tschirnhaus erinnern würden, der zu Unrecht über viele Jahre vergessen wurde.

Alles Gute und herzliche Grüße

Christof von Tschirnhaus

 

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