„Abseits von Folklore“ – „Wahrnehmung der sorbischen Kultur“

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Sorben von der SED erfunden worden“ – Dies ist keine neuzeitliche urbane Märchengeschichte, sondern diese Meinung wurde teil in anderen Teile der DDR – außerhalb der Lausitzvertreten. Grund: Die Folklore der Sorben wurden derart häufig als Aushängeschild genutzt, dass im Laufe der Zeit viele DDR-Bürger die Minderheit als reine Erfindung gehalten haben. Dieses Beispiel zeigt wohin die Förderung von einseitiger Folklore führen kann und dieser Effekt wirkt sich bis hinein in die Sorbische Bevölkerung aus.

„Sorben“ – „Manche glauben, daß die Sorben von der SED erfunden worden“

>>Spiegel<<

„Die kostspieligen Festivals, mit denen vor allem das Regime sich schmückte, lösten Mißgunst bei den Deutschstämmigen aus; die Domowina schließlich galt als Organ der Einheitspartei. Noch immer, sagt Jan Malink, »sind die Sorben für die Deutschen eine Art Aushängeschild der SED, und manche glauben, daß die Sorben von der SED erfunden worden sind«.

„Domowina schließlich galt als Organ der Einheitspartei“

Vereinfacht: Die Sorbische Kultur – insbesondere die Folklore – wurde bisweilen als Aushängeschild für die eigene Politik genutzt. Es ging dabei weniger um die Sorben selbst, sondern es hat nur die eigene politische Reputation der DDR-Führung im Vordergrund gestanden.

„Was als sorbische Kulturpolitik ausgegeben wurde, verkam zum Folklore-Rummel“

>>Spiegel<<

“ Was als sorbische Kulturpolitik ausgegeben wurde, verkam zum Folklore-Rummel – vorzüglich geeignet, die internationale Brüderlichkeit im Arbeiterund-Bauern-Staat hervorzukehren. Alle vier Jahre – und oft mit dem Ehrengast Hans Modrow von der Dresdner SED-Bezirksleitung – wurde ein staatlich finanziertes Sorben-Festival aufgezogen, dessen soziale Botschaft nicht eindringlicher war als die des Kölner Karnevals. … »Wir müssen«, beklagte der Musikdramaturg des »Staatlichen Ensembles für sorbische Volkskultur«, Detlev Kobela, die Zustände, »herunter vom Image der immerfort Trachten tragenden, Ostereier malenden Minderheit.«

„Vom Image der immerfort Trachten tragenden, Ostereier malenden Minderheit“

Dieser Beitrag ist alt: Er wurde noch während der Existenz der DDR geschrieben. Dennoch hat er fast nichts an der Aktualität verloren, obwohl der DDR-Staat zwischenzeitlich ein Teil der Geschichte geworden ist. Noch heute sind Sorben in der Außendarstellung: “ …. bemalte Eier, Folklore, alte Damen in Trachten.“

„Kommt der Bundespräsident in die Lausitz, erinnert man sich plötzlich an die Sorben“

>>taz<<

Sorben sind oft: bemalte Eier, Folklore, alte Damen in Trachten. Gibt es eine sorbische Moderne?

Dass diese Frage gestellt wird ist schon ein Problem, weil sie zeigt, wie wenig in der deutschen Mehrheitsgesellschaft über Sorben bekannt ist. Man greift auf uns immer als Klischee zurück. Sorben sind gut, um mit Brot und Salz und in Trachten zu begrüßen. Kommt der Bundespräsident in die Lausitz, erinnert man sich plötzlich an die Sorben. Dabei gibt es bei uns Rockmusik, es gibt Literatur aller Genres, moderne Thea­ter­stücke. Es gibt alles, was unsere deutschen Nachbarn auch haben.

„Sorben sind oft: bemalte Eier, Folklore, alte Damen in Trachten“

Tatsächlich lässt sich die einseitige Folklorisierung der Sorbischen Kultur auch an nackten Zahlen festmachen. Der Schwerpunkt der staatlichen Fördermaßnahmen fließt genau in diese Richtung hin.

„Romantisierend-folklorisierende Weise eine ungebrochene Fortführung der Vergangenheit bis zur Gegenwart“ 

>>Albert-Ludwigs-Universität Freiburg (PDF-Datei) <<

„Domowina-Mitgliedern durch einen älteren Mann gespielt wird. Im zweiten Teil der NIF erfolgt dann eine piktorale Folklorisierung des Inhalts, indem auf den Text „So können weiterhin Theaterprojekte, Konzerte, sorbische Sprachfeste und Workshops finanziert werden. Auch Archive und Heimatstuben werden gefördert“ Bilder von Schnapsflaschen tragenden Trachtenpaaren während des Zapusts und ein musealer Breitdrescher als Signum einer ehemals bäuerlichen Lebenswelt ausgestrahlt werden. Diese Bilder und der atmosphärische Ton der Blasmusik versinnbildlichen dabei auf romantisierend-folklorisierende Weise eine ungebrochene Fortführung der Vergangenheit bis zur Gegenwart, womit sie indirekt auf das Kollektiv-Symbol `Tradition und Moderne´ verweisen. Darüber hinaus scheint die Wahl dieser Bilder bei gleichzeitigem Aussparen bestimmter Informationen die Wahrscheinlichkeit einer verfälschten Rezipientenwahrnehmung des Nachrichteninhalts zu erhöhen, … Die Kombination aus einem fröhlich-heiteren Anlass – der auch dafür verantwortlich zeichnet, dass die Beteiligten Schnapsflaschen in Richtung Kamera halten – und der Visualisierung des Sorbischen durch das Tragen der niedersorbischen Tracht, erweckt in suggestiver Weise den Eindruck, dass mit dem „Millionenbetrag, über dessen konkrete Höhe Stillschweigen vereinbart wurde“ (was – dies sei noch angemerkt – in suggestiver Weise und unter Bezug auf die `Zahlenmagie´ unterstellt, hier würden sehr hohe Summen in vetternwirtschaftlicher Form den Besitzer wechseln) vornehmlich folkloristisch geprägte, gesellige Veranstaltungen finanziert würden.“

„Zahlenmagie“ – „Hier würden sehr hohe Summen in vetternwirtschaftlicher Form den Besitzer wechseln“

Die Folklorisierung der Sorbischen Kultur kann problemlos beim Besuch der Webseite des Sorbisches National-Ensembles nachvollzogen werden: Der dazugehörige Spielplan lässt wenig Interpretationsspielraum zu. Aber damit nicht genug: Dieses klischeehafte Bild der Sorbischen Kultur hat mittlerweile sogar ein Eigenleben entwickelt. Die ARD-WebserieStraight Outta Crostwitz“ baut auf genau diesen Klischeebild auf, was zuvor mit Millionen an staatlichen Steuergeldern erschaffen worden ist. Dennoch ist eine Gegenbewegung erkennbar. Beispielsweise ist die Sorbische Musik wesentlich breiter aufgestellt.

„Alles auf Sorbisch“ – „Es gebe viele Formen vom Rap über Pop, Rock, Liedermacher-Songs, Folk, Blues“

>>Süddeutsche Zeitung<<

„Sorbische Musik ist nach Expertenansicht längst mehr als Folklore. Es gebe viele Formen vom Rap über Pop, Rock, Liedermacher-Songs, Folk, Blues: „Alles auf Sorbisch“,… . Ihr Zweck ist die Pflege und Förderung sorbischer Sprache und Kultur, mit einem kleinen Budget werden zum Beispiel auch Musikproduktionen ganz unterschiedlicher Art unterstützt.“

„Pflege und Förderung sorbischer Sprache und Kultur, mit einem kleinen Budge“

Auch die klassische Sorbische Tracht weist wesentlich mehr Facetten auf. Gestaltungselemente aus Sorbischen Sagen und Alltagstracht werden in eine moderne Modesprache überführt.

Mode: „Abseits von Folklore“ – „Wahrnehmung der sorbischen Kultur“

>>SerbskiKonsum<<

„Unsere Ideen beruhen auf der Verbindung klassischer sorbischer Gestaltungselemente mit modernem Grafikdesign. Dabei orientieren wir uns an sorbisch-wendischen Sagen, Bräuchen sowie der Alltagstracht, welche gegenwärtig still und heimlich aus unserem Alltag verschwindet. Unser Ziel ist die Wahrnehmung der sorbischen Kultur als lebendigen und selbstbewussten Teil Sachsens und Brandenburgs – abseits von Folklore.“

Mode: „Orientieren wir uns an sorbisch-wendischen Sagen, Bräuchen sowie der Alltagstracht“

Natürlich ließen sich auch andere Beispiele wie Sorbische Comics aufführen. Kurz: Die Sorbische Kultur ist wesentlich breiter aufgestellt und selbstverständlich hat darin auch die Folklore ihre Berechtigung, nur wird diese in vielen Fällen zu stark überbetont.