“Ja, diese Lebenslüge ist natürlich überall da” – Armutsdebatte: “Kommt beim Jobcenter zum Kadavergehorsam noch eine ideologische Komponente hinzu”

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Armutsdebatte – Wie ist Hartz IV und das Wesen des Kadavergehorsams miteinander in Verbindung zu bringen? Der legendäre Hauptmann von Köpenick dürfte das Paradebeispiel für Kadavergehorsam, Obrigkeitshörigkeit und Untertanenmentalität sein.

“Kadavergehorsam” – “Alle Manneswürde und anderer Mannesmut in ein Mauseloch kriechen”

>>Welt<<

“Die betont bürgerliche „Börsen-Zeitung“ amüsierte sich über den „genialen Streich“. Die betont katholische und daher dem preußischen Militär gegenüber kritische Zeitung „Germania“ witzelte über den „Kadavergehorsam“, das linksliberale „Berliner Tageblatt“ machte sogar auf mit dem Thema und schrieb „Fetisch Uniform“ darüber: „Der Absolutismus in Preußen muss überwunden werden nicht durch Gesetze allein, sondern durch das Freiheitsgefühl des Volkes, das ist die Lehre von Köpenick. Heute ist die Uniform der Fetisch, vor dem alle Manneswürde und anderer Mannesmut in ein Mauseloch kriechen.“

“Kadavergehorsam” – “Heute ist die Uniform der Fetisch”

Am Beispiel des berühmten Hauptmanns von Köpenick wird deutlich, wie tief verwurzelt diese Mentalität in unserer Gesellschaft ist. Kadavergehorsam beschreibt das bedingungslose Folgen einer Autoritätsperson oder eines Systems ohne jegliche kritische Hinterfragung.Es läuft am Ende auf eine Lebenslüge hinaus.

“Ja, diese Lebenslüge ist natürlich überall da” – “Eichmann hat übrigens auch von »Kadavergehorsam« gesprochen”

>>Hannah Arendt – Ihr Denken veränderte die Welt von Wiebel Martin (Buch) <<

“Ja, diese Lebenslüge ist natürlich überall da. Aber wissen Sie, er ist ja nicht der Einzige gewesen, der sich auf all das berufen hat, nicht? Auf »Befehl«, »Eid«, »Gott« und »Gehorchen-Müssen« und: »Gehorsam ist eine Tugend«. Eichmann hat übrigens auch von »Kadavergehorsam« gesprochen. In Jerusalem geriet er ganz durcheinander und hat plötzlich gesagt, das sei ja bloßer Kadavergehorsam gewesen, gar nichts Gutes und so weiter, nicht wahr? Also das strudelt ja in den Köpfen dauernd durcheinander. Nun, die Berufung auf »Eid« und dass einem die Verantwortung abgenommen sei et cetera – die ist nicht nur bei Eichmann, die habe ich [auch] in den Nürnberger Prozessakten [gefunden] – die hat wieder etwas empörend Dummes. Sehen Sie, Eichmann hat Wutanfälle – die anderen auch – produziert und hat gesagt: »Man hat uns doch versprochen, dass wir nicht zur Verantwortung gezogen werden. Und nun bleibt alles an uns hängen, nicht? Und die Großen, nicht? Die natürlich – wie immer – haben sich der Verantwortung entzogen.«  Nun wissen Sie, wie sie sich der Verantwortung entzogen haben: entweder, indem sie sich das Leben genommen haben, oder indem man sie aufgehängt hat.”

“Man hat uns doch versprochen, dass wir nicht zur Verantwortung gezogen werden”

Der Kadavergehorsam zieht sich also über Jahrzehnte oder Jahrhunderte hindurch. Zwar bekleiden diese Leute hohe Ämter, aber können im Zweifel nicht mal Verantwortung für ihr eigenes Leben übernehmen. Es geht einher mit einem stark ausgeprägten Unterwürfigkeits– und Gehorsamsverhalten gegenüber Vorgesetzten oder Institutionen.

“Kommt beim Jobcenter zum Kadavergehorsam noch eine ideologische Komponente hinzu”

>>Proleten, Pöbel, Parasiten von Christian Baron (Buch) <<

“Im Gegensatz zum Einwohnermeldeamt, der Bundesstelle für Seeunfalluntersuchungen oder der Aktenhauptverwertungsstelle Nord kommt beim Jobcenter zum Kadavergehorsam noch eine ideologische Komponente hinzu: Wenn ein Sachbearbeiter das Mittel der Sanktion nutzt, die Sozialleistungen also um 30 Prozent kürzt oder sogar komplett streicht, dann tut er das meist in der tiefen Überzeugung, im Sinne der Gerechtigkeit zu handeln. Denn seit der Einführung von Hartz IV hat sich das soziale Klima in eine Richtung entwickelt, die jeden Transferleistungsempfang von vornherein kriminalisiert und hinter jedem Antrag auf Arbeitslosengeld II automatisch die Absicht vermutet, dass sich da jemand auf Kosten der braven Steuerzahler in die soziale Hängematte legen will.”

“Kadavergehorsam” – “Dann tut er das meist in der tiefen Überzeugung, im Sinne der Gerechtigkeit zu handeln”

Diese Form der Obrigkeitshörigkeit kann zu blindem Vertrauen führen, selbst wenn es offensichtliche Ungerechtigkeiten gibt. Besonders die Geschichte des Hauptmanns von Köpenick verdeutlicht dies auf eindringliche Weise. Der einfache Schuster Wilhelm Voigt gab sich als preußischer Offizier aus und konnte damit eine ganze Gemeinde täuschen und manipulieren. Ohne auch nur im Geringsten seine Befehlsgewalt hinterfragen zu wollen, folgten ihm die Menschen bereitwillig bei seinen absurden Anordnungen. Dieses Verhaltensmuster trat auch später in der Geschichte hervor.

“Die zwölf Jahre Nationalsozialismus haben bei uns Deutschen zu Recht eine starke Abneigung gegen falsche Vorbilder bewirkt”

>>Was ich noch sagen wollte von Helmut Schmidt (Buch) <<

“Die zwölf Jahre Nationalsozialismus haben bei uns Deutschen zu Recht eine starke Abneigung gegen falsche Vorbilder bewirkt. Ich erinnere an die «Ahnengalerie» der Nazis, die Hitler in eine Reihe stellten mit Friedrich II. von Preußen, mit Hindenburg und Bismarck. Von Hitler sind die Deutschen zweifellos kuriert. … Der preußische Gehorsam war bis weit in das 18. Jahrhundert hinein Kadavergehorsam. Alle hatten zu parieren, insbesondere das Offzierkorps.”

“Alle hatten zu parieren” – “Preußische Gehorsam war bis weit in das 18. Jahrhundert hinein Kadavergehorsam”

Die Obrigkeitshörigkeit macht nicht nur den Machtmissbrauch durch autoritäre Figuren möglich, sondern offenbart auch die tiefsitzende Untertanenmentalität vieler Menschen in Bezug auf staatliche Strukturen sowie deren Bereitschaft zur unkritischen Durchführung angeblicher Autoritätsbefehle.