Neue Fünfjahrespläne: Wie eine Volkswirtschaft nach Plan heruntergewirtschaftet wird

Screenshot stummezone.wordpress.com

In der damaligen Sowjetunion ging es viel um die Erfüllung der sogenannten Fünfjahrespläne. Regelmäßig wurde verkündet dass diese erfüllt oder sogar übererfüllt wurden. Mit der Realität hatte das freilich wenig zu tun. Im großen Stil wurden realitätsferne Pläne geschmiedet: Für die Erfüllung ganze funktionsfähige Wirtschaftszweige geopfert und selbst vor Hungersnöten schreckte die Machthaber keineswegs zurück. Eine ähnliche verhängnisvolle Entwicklung findet gegenwärtig auch hierzulande statt.

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„Mit der Entmachtung Bucharins und der Rechtsopposition waren der letzte Rest marktwirtschaftlichen Denkens und der letzte Freiraum offener Meinungsäußerung getilgt. Was nun begann, war ein Zeitalter zentraler Planung und totalitärer Ordnung. Kontrolle, Druck und Gewalt bestimmten das öffentliche Leben. Alle ökonomischen Projektionen gingen von Maximalerwartungen aus: Die Produktivitätsraten mussten ständig steigen, die Herstellungskosten kontinuierlich sinken, die Rüstungsausgaben immer weiter zurückgehen, der Handel mit dem kapitalistischen Ausland sprunghaft zunehmen. Nichts davon trat ein. „Die Wirklichkeit wurde nur noch am Rande zur Kenntnis genommen.“ Als den Planern die im ersten Fünfjahresplan von 1928 bis 1933 zu erreichenden Wachstumsraten vorgegeben wurden, stockte ihnen der Atem. Allein bei der Schlüsselkennziffer der gesamtwirtschaftlichen Investitionen sollte während dieses Zeitraums eine Steigerung von bis 440 Prozent erreicht werden, woraufhin die in der staatlichen Planungskommission Gosplan arbeitenden Fachleute eine dramatische Inflation, soziale Unruhen, bürgerkriegsähnliche Zustände und eine vernichtende Hungerkatastrophe voraussagten. Alles davon trat ein. Kein einziges Ziel des ersten Fünfjahresplans wurde wirklich erreicht, im Gegenteil, in etlichen Sektoren war im Vergleich zu 1928 sogar ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen. Gigantische Vorzeigeprojekte wie das riesige Stahlwerk Magnitogorsk im Südural sollten den Misserfolg übertünchen.“

 

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„Ähnlich wie in England gilt auch in Ostdeutschland die Textilindustrie als der Hauptkeim für eine beginnende Industrialisierung. Gleich mehrere weitere Industriezweige haben sich aus der Textilbranche heraus entwickelt und machen diesen Zweig der deutschen Industrie zum ältesten im kompletten Industrialisierungsprozess. Warum die erste früh aufkommende Textilindustrie sich gerade in die Regionen des Vogtlandes, Erzgebirges und der Oberlausitz ansiedelt, dafür gibt es verschiedenste Gründe. Nach Ende des Bergbaues um 1650 ist ein Produktionswechsel in den vielen Dorfgemeinden von Nöten. Es kommt so zu einem starken Wachstum der Hausarbeit im Bereich der Textilienherstellung. Erste Webstühle und kleinere Handmaschinen begünstigen einen Entwicklungsprozess, der gerade die Wirkerei und Weberei stark beeinflusst. Durch die Zunftordnungen im Handwerk entstehen damit regelrechte Produktionsgebiete, welche sich auf die Herstellung von bestimmten Textilartikeln spezialisieren und ihre Waren über Verleger in den Handelsstädten wie Leipzig vertreiben. Mit der Einführung der ersten mechanischen Maschinen aus England entwickelt sich ein niedriges Lohnniveau und die starken Gebirgsflüsse, Kraftindikator der anfänglichen Energieerzeugung, werden zum Antrieb für erste Ansiedlungen von Fabriken in den Tälern des Erzgebirges. Besonders das Spinnereiwesen bildet den ersten Grundstein für die wachsende Entwicklung. Es ist damit die Garnherstellung, welche den industriellen Anfang macht, ehe ab 1850 die Garnverarbeitung die selbige Richtung in die Fabrikproduktion einschlägt. In dieser Zeit ist die Dampfmaschine bereits schon auf ihrem Vormarsch und die Fabriken werden vom Standort unabhängiger, so wachsen sie aus den Dörfern der Gebirge in die naheliegenden Großstädte hinein. Gleichzeitig gewinnt auch die Textilindustrie in der Lausitz an Bedeutung, durch die Nutzung der ansässigen Braunkohle in Kombination mit der Dampfmaschine können auch hier erste Maschinen aufgestellt werden und das Handgewerbe abgelöst werden. Die Fabriken werden immer größer, die Maschinen immer besser und die Arbeitskräfte immer knapper. Ein entscheidender Faktor für die Gründung der ersten textilorientieren Fachschulen in den größeren Städten wie Chemnitz, Reichenbach oder Thalheim/E. Mit dem enormen Wachstum der Industrie kommt es zudem parallel zur Bildung mächtiger Familiendynastien, gerade die Region zwischen Chemnitz und Zwickau bringt fast monarchische Ordnungen unter den Textilfabrikanten hervor. Die Vernetzung der Industriegebiete durch die Eisenbahn in der letzten Hälfte des 19. Jahrhunderts gibt der gesamten Entwicklung nochmals den letzten entscheidenen Schub nach vorne. Der Nährboden für die Textilproduktion ist damit ideal, der Rohstoff kommt per Eisenbahn aus Amerika, die Maschinen aus Chemnitz, die Fachkräfte aus der Region und die Handelsstädte Leipzig und Chemnitz bilden das Drehkreuz für die fertigen Waren in die Welt hinaus. So sehr diese Leichtindunstrie auch immer von anderen belächelt wird, so zeigt sie besonders in Sachsen und der Lausitz, welche Macht und wirtschaftlichen Einfluss in ihr liegt. Doch es sind zwei Weltkriege im Laufe der Zeit, welche viele Unternehmen an die Grenzen ihrer Existenz bringen. Während der Kriegsjahre im ersten und zweiten Weltkrieg werden Textilien nicht so sehr gefragt und nur die wenigstens haben das Privileg für das Militär zu produzieren. Ein Großteil der Unternehmen wird leer geräumt und zur Waffenproduktion umstrukturiert. Doch noch wesentlich schlimmer als zwei Weltkriege und die Weltwirtschaftskrise 1929 trifft die unzähligen Textilunternehmen die Nachkriegszeit nach 1945. In der Sowjetischen Besatzungszone bildet sich ein neues politisches System heraus und setzt eine komplett neue Wirtschaftsordnung durch. Die Fabrikanten werden nun in der neuen Gesellschaft als Verbrecher der Vergangenheit eingestuft und bekommen dies durch neue Gesetzeseinführungen direkt zu spüren. Dabei reicht die neue Hand der politischen Macht von Enteignungen, Arbeitslagern, bis hin zu willkürlichen Hinrichtungen. Von Angst getrieben kehren so sehr viele traditionsreiche Textilunternehmen ihrer alten Heimat den Rücken zu und beginnen im westlichen Deutschland mit dem Aufbau einer neuen Ära. Zurück bleiben unzählige Textilfabriken mit leeren Musterschränken und Archiven, welche nun verstaatlicht und in Volkseigentum überführt werden. Die neue Planwirtschaft setzt ab 1949 so langsam ihre Wurzeln an und fertigungsgleiche Unternehmen werden zu größeren Betrieben zusammengelegt. Die alten klanghaften Namen der Fabriken verschwinden damit endgültig von den Fabrikfronten, um dem neuen VEB-Logo Platz zu machen. 1972 werden die letzten privaten Textilfabriken von der DDR-Regierung enteignet und als Betriebsteile an größere Betriebe angegliedert. Die Bildung der Kombinate ist Mitte der 70er Jahre der letzte große Schritt zur Vereinheitlichung der kompletten ostdeutschen Textilindustrie. Die Textilindustrie in der DDR gilt dabei zwar als die Größte ihrer Art auf dem Gebiet der Ostblock-Staaten, dennoch ist sie geprägt durch uneffiziente Fertigungsabläufe und veraltete Maschinentechnik. Modetechnisch versuchen die Kombinate immer auf Höhe der Zeit der westlichen Welt zu bleiben, doch schnell gelangen sie, gerade auch aufgrund der Zentralisierung in den Verwaltungsebenen, an ihre Grenzen. Nötige Textilmaschinen auf Weltniveau werden zwar direkt vor der Haustür produziert, dennoch gelangt erst viel zu spät moderne Technik in die Textilfabriken. Der Export und das Devisengeschäft wiegt den Verantwortlichen schwerer als die Versorgung der heimischen Industrie. Sehr oft sind es noch Maschinen aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, welche bis in das Jahr 1990 in den Fabriken ihren Dienst vollrichten. Während in ostdeutschen Geschäften diverse Textilien aus der eigenen Fertigung eher Mangelwaren sind, gelangt ein Großteil der Produktion der vielen Betriebe von Plauen bis Forst über die innerdeutsche Grenze in die westlichen Modekataloge. Die Qualität war trotz der Technik auf hohem Niveau und das Billiglohnland DDR wird zu einem wichtigen Versorger für Ost und West.“

Nach den damaligen Sprachgebrauch wurde die Textilindustrie unmittelbar nach der Wiedervereinigung zum großen Teil einfach „abgewickelt“ und man versprach stattdessen sogenannte „blühende Landschaften“ . Eine Neuauflage der damaligen Geschehnisse findet offensichtlich gegenwärtig statt: Die Braunkohleabbau und die dazugehörigen Kraftwerke im Energiesektor haben die Wiedervereinigung zum großen Teil heil überstanden, jetzt soll auch dieser Bereich „abgewickelt“ werden.

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„Um diesen Wandel erfolgreich zu gestalten, ist es essentiell, vorausschauend in die Entwicklung nachhaltiger Wirtschaftszweige zu investieren, um neue Zukunftsperspektiven zu schaffen, und dabei die Menschen der Region aktiv in den Prozess mit einzubinden. … Welche Wachstumszentren bestehen in der Lausitz, unabhängig von der Braunkohleindustrie, die sich zu nachhaltigen Wachstumskernen entwickeln können? Welche Anknüpfungspunkte lassen sich zu den von Ihnen entwickelten und vermarkteten Technologien und Geschäftsmodellen herstellen? Welche konkreten Projektansätze können durch interdisziplinäre Vernetzung und Bündelung von Synergien aus Wissenschaft, Industrie, Politik und der Finanzbranche entstehen? Welche politischen Maßnahmen gibt es, um die Belebung der Lausitz als ländliche Region zu fördern und für Investoren attraktiver zu machen? Wie können innovative Infrastrukturlösungen, die die Sektoren Energie und Mobilität mit einander verbinden, dazu beitragen, den ländlichen Raum für qualifizierte Arbeitskräfte wieder attraktiver werden zu lassen?“

Immerhin keine falschen Versprechungen: Denn es werden keine Aussagen getätigt, die meisten Sätze enden mit einen Fragezeichen. Selbst aus den Fragen, ist praktisch nichts konkretes herauszulesen. Das ganze Vorhaben erinnert eher an die Fünfjahrespläne der Sowjetunion, wo nach „Plan“ eine ganze Volkswirtschaft herunter gewirtschaftet wurde.

 

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