Hartz-IV-Empfänger & Geringverdiener: Ist Mangelernährung die neue Form der Hungersnot?

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Eine Hungersnot wird heutzutage gerne als sehr abstraktes Ereignis wahrgenommen. Entweder sind Hungersnöte weit in der Vergangenheit oder in fernen Ländern zu verorten. Zu allen Überfluss wird eine Hungersnot meist mit irgendeinen Naturereignis in Verbindung gebracht. Dabei wurden die allermeisten Hungersnöte von Menschen selbst verursacht und die ersten Anzeichen sind auch in der Gegenwart wahrzunehmen.Während des Dreißigjährigen Krieges sind die allermeisten Menschen nicht infolge von Kampfhandlungen, sondern an Folgen von Unter- und Mangelernährung gestorben. Das traf sogar auf Gebiete zu: Die durch glückliche Fügung von jeglichen Kampfhandlungen verschont blieben.

Hohe Steuern plus Hungersnot: „Ein offener Bauernaufstand aus, der blutig niedergeschlagen wurde“

>>Verbrannte Kindheit: 1677-1679 – Die vergessenen Kinder der Hexenprozesse um den Zauberer Jackl von Wolfgang Fürweger (Buch) <<

„Im Laufe des Krieges musste das Erzstift mehrere Millionen Gulden für den Unterhalt der kaiserlichen Truppen und die Befestigung des eigenen Gebiets ausgeben. Die Steuerlast war erdrückend. Dazu kamen reihenweise Missernten, die auch mit der Kleinen Eiszeit zusammenhingen, die von Anfang des 15. bis in das 19. Jahrhundert das Klima prägte. Gerade im 17. Jahrhundert waren die Winter besonders kalt und lang und die Sommer kühl und sehr nass. 1645 brach wegen der hohen Steuern, die trotz einer Hungersnot eingehoben werden sollten, im Zillertal, das Teil des Erzstifts war, ein offener Bauernaufstand aus, der blutig niedergeschlagen wurde.“

„Kleinen Eiszeit“ – „Die von Anfang des 15. bis in das 19. Jahrhundert das Klima prägte“

Die Kleine Eiszeit war sicherlich für die damalige Landwirtschaft verheerend: Aber für Hungersnöte müssen trotzdem noch andere Faktoren hinzukommen. Denn Missernten hat es auch vor der Kleinen Eiszeit gegeben, doch durch Vorratshaltung ließen sich diese Zeiten überbrücken. Vielmehr waren für die Hungersnot die zahllosen plündernde Soldaten und die erdrückende Steuerlast verantwortlich. Eine Vorratshaltung wurde so unmöglich gemacht und die breite Bevölkerung musste sprichwörtlich von der Hand in den Mund leben. Kurzum: Durch zusätzliche Faktoren wurden bestehende Strukturen zerstört und es trat eine Hungernot ein. Dieses Muster ließ sich auch am Ende des Zweiten Weltkrieges in der damaligen Sowjetischen Besatzungszone – kurz SBZ – beobachten

„In den ersten Nachkriegsjahren trat zur großen Wohnungsnot der Menschen noch Hungersnot hinzu“

>>DDR Kochbuch „Das Original“(Buch) <<

„In den ersten Nachkriegsjahren trat zur großen Wohnungsnot der Menschen noch Hungersnot hinzu. Die Landwirtschaft konnte mangels Betriebsmitteln kaum mehr produzieren, die Bodenreform, mit der seit September 1945 alle landwirtschaftlichen Betriebe mit einer Fläche von mehr als 1000 Hektar in der SBZ enteignet wurden, zerstörte vorhandene Betriebsstrukturen – und das, was das Land noch hergab und was nicht selbst verzehrt wurde, kam nicht mehr zum Verbraucher, weil es die alten Vertriebswege nicht mehr gab. In den Jahren 1945-48 wurden große Teile der Industrie in so genannte Volkseigene Betriebe (VEB) umgewandelt – dies traf die Ernährungsindustrie gleichermaßen.“

Hungersnot: „Die Landwirtschaft konnte mangels Betriebsmitteln kaum mehr produzieren“

Anders als es heute vielfach wahrgenommen wird: Die landwirtschaftlichen Betrieben sind – wie gewöhnliche Unternehmen – in ein Netz aus Lieferanten, Kunden und Mitarbeitern eingebettet. Jegliche externen Eingriffe in dieses Netz können zu fatalen Folgen führen: Die weit über das eigentliche Unternehmen hinaus reichen können. Selbst die Bundesregierung hat dies anerkannt.

„Mit der „Bodenreform“ wurden jedoch auch einfache Landwirte und Bauernfamilien enteignet“

>>Presse- und Informationsamt der Bundesregierung<<

„Zwischen 1945 und 1949 wurden im Osten Deutschland alle Großgrundbesitzer enteignet – entschädigungslos. Unter dem Motto „Junkerland in Bauernhand“ sollte es zunächst die Grundbesitze mit über 100 Hektar Land treffen. Mit der „Bodenreform“ wurden jedoch auch einfache Landwirte und Bauernfamilien enteignet. Oft mussten sie ihr Zuhause binnen 24 Stunden räumen und durften nur das Nötigste mitnehmen. Insgesamt wurden mehr als drei Millionen Hektar land- und forstwirtschaftliche Nutzfläche konfisziert.

Doch auch nach der Gründung der DDR gingen die Enteignungen weiter. Nur eines von vielen Beispielen: Zwischen 1933 und 1945 hatte die Nazi-Diktatur ein jüdisches Unternehmen zwangsarisiert. 1949 ging das ursprünglich jüdische Eigentum aber nicht an die rechtmäßigen Besitzer zurück, sondern wurde entschädigungslos enteignet. Ähnliches galt für Grundstückseigentümer, die die DDR ohne „polizeiliche Abmeldung“ verließen oder für Unternehmen, die überwiegend Ausländern gehörten.“

„Doch auch nach der Gründung der DDR gingen die Enteignungen weiter“

Die Enteignungen innerhalb der damaligen Sowjetischen Besatzungszone und der späteren DDR liefen in mehreren Wellen ab. Ein interessantes Detail wird aber auf der Webseite der Bundesregierung ausgeklammert: Wie hat diese Enteignungen eigentlich das bundesdeutsche Rechtsprechung – nach der Wiedervereinigung – bewertet?

„Enteigneten mussten für ihre Entschädigung oder Eigentumsrückgabe oft viel Geduld aufbringen“

>>Einspruch!: Warum unser Geld Privatsphäre verdient von Andreas Lusser (Buch) <<

„Die mit der kommunistischen Machtübernahme Enteigneten mussten für ihre Entschädigung oder Eigentumsrückgabe oft viel Geduld aufbringen. Im Falle der Enteignungen durch die Bodenreform 1945 in der DDR dauerte es mehr als 40 Jahre. Nach der Wiedervereinigung wurde 1992 das Abwicklungsgesetz erlassen, das einem Teil der alten Besitzer, respektive deren Erben, ihre Grundstücke zurückerstattete. Wer nicht in der Land- oder Forstwirtschaft tätig war, sollte seine Grundstücke jedoch nicht zurückerhalten. Diese Regelung wurde durch das Verfassungsgericht in Karlsruhe gestützt, durch den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte 2004 jedoch in einem einstimmigen Entscheid als unrechtmäßig beurteilt. Selbst die Enteignungen in Uganda unter der Gräuelherrschaft Idi Amins während der Siebzigerjahre wurden später unter einer demokratisch gewählten Nachfolgeregierung größtenteils wieder korrigiert.“

Hat das Verfassungsgericht in Karlsruhe die Bodenreform für rechtskonform erklärt?

Nach reiner bundesdeutscher Rechtsprechung würden viele – wenn nicht sogar die meisten – Opfer also leer ausgehen. – Oder im Umkehrschluss: Die Bodenreform hätte nur ein bisschen „angepasst“ werden müssen und sie wäre sogar mit bundesdeutschen Recht problemlos vereinbar. Denn auch das Grundgesetz sieht Enteignungen vor. Artikel 14: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ – Gerade eine allgemeinen Versorgungskrise könnte eine regelrechte Steilvorlage für alle nur denkbaren Enteignungsphantasien liefern. Zumal eine Form von „Hungersnot“ schon längst stattfindet.

Mangelernährung – „Gesunde Ernährung mit Hartz 4 nicht möglich“

>>Frankfurter Rundschau<<

„Expertin: Gesunde Ernährung mit Hartz 4 nicht möglich – Für viele einkommensschwache Menschen in Deutschland, unter anderem Empfänger:innen von Hartz 4, sind die Preise für frische und gesunde Lebensmittel – ganz zu schweigen von Bio-Produkten – mit ihrem monatlichen Budget kaum zu zahlen.“

Hartz-IV-Empfänger & Geringverdiener: Ist Mangelernährung die neue Form der Hungersnot?

Es geht ja nicht nur darum irgendwie „Satt“ zu werden, sondern eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung sicher zu stellen. Andernfalls ist mit Mangelernährung zu rechnen und davon sind nicht Hartz-IV-Empänger, sondern alle einkommensschwachen Gruppen – respektive Geringverdiener – betroffen. Diese Form von „Hungersnot“ weist die selben Grundmuster wie ihre historischen Vorläufer auf: Es sind nur bestimmte Gruppen von Menschen betroffen und irgendwelche Naturereignisse spielen bestenfalls nur eine untergeordnete Rolle.

 

Originally posted 2021-11-30 14:11:56.