„In Deutschland stellt die Staatsgläubigkeit und Obrigkeitshörigkeit eine bruchlose politische Tradition dar“

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Wie sieht eine Gesellschaft eigentlich von außen betrachtet aus? Nun das Ausland gibt zu jenen Thema eine einhellige Meinung ab. Dort stellt die Obrigkeitshörigkeit eine feste Größe im allgemeinen Bewusstsein dar.

„Einen »fast unnatürlichen Respekt vor der Obrigkeit« konstatiert Christoph Blocher beim Blick auf das Ausland“

>>Die Besserkönner – Was die Schweiz so besonders macht von Wolfgang Koydl (Buch) <<

„Einen »fast unnatürlichen Respekt vor der Obrigkeit« konstatiert Christoph Blocher beim Blick auf das Ausland: »Dort heißt es immer: Der Herr Bürgermeister hat dies gesagt, der Herr Minister hat das gesagt.« Die Kehrseite der Obrigkeitshörigkeit ist übrigens die Verachtung, die der Obrigkeit entgegenschlägt: Über niemanden wird bissiger und hemmungsloser gelästert und geschimpft als über Minister, Kanzler, Abgeordnete, Präsidenten und Premierminister.“

„Kehrseite der Obrigkeitshörigkeit ist übrigens die Verachtung, die der Obrigkeit entgegenschlägt“

Eine interessante Sichtweise: Zumal die Schweiz nicht nur geographisch, sondern auch sprachlich und kulturell recht nah am Nachbarland liegt. Die Obrigkeitshörigkeit ist wohl auf Heinrich Manns Roman „Der Untertan“ zurückzuführen. Noch heute wird dem Werk eine erstaunliche Aktualität nachgesagt.

„Heinrich Mann: „Der Untertan“ – „Der Untertan“, bereits 1914 vollendet“

>>Buddenbrookhaus<<

„Heinrich Mann: „Der Untertan“ – „Der Untertan“, bereits 1914 vollendet, durfte aus Zensurgründen erst nach dem Ersten Weltkrieg 1918 erscheinen und ist bis heute erstaunlich aktuell. In Hamburg und Niedersachsen steht „Der Untertan“ auf der Lektüreliste für das Deutsch-Abitur.“

„Der Untertan“ – „Durfte aus Zensurgründen erst nach dem Ersten Weltkrieg 1918 erscheinen und ist bis heute erstaunlich aktuell“

Nicht nur das Buch, sondern auch der dazugehörige Film wurde in späterer Zeit in der Bundesrepublik zensiert. Hintergrund: Es handelt sich dabei um eine fiktive Geschichte mit ausgedachten Charakteren. Scheinbar muss der Stoff viel Sprengstoff bergen, da bis heute sich niemand an eine Neuverfilmung – trotz Unsummen an Filmförderung – herangetraut hat. Die bis heute einzige Verfilmung hat noch die junge DDR durchgeführt. Irgendwie muss Heinrich Mann viele Generationen peinlich berührt haben.

„Seiner kritiklosen Anbetung der Macht in der Schleimspur der Mächtigen des Reiches bequem gemacht“

>>Kaiserdämmerung von Rainer F. Schmidt (Buch) <<

„Wenn man all dem folgt, dann war das karikatureske Zerrbild, das Heinrich Mann 1914 vom »Untertan« im Kaiserreich entworfen hatte, keine satirische Übertreibung. Es war die Wirklichkeit im »Deutschland Wilhelms II.«, wie der Untertitel des Buches lautete. Sein Autor deckte die Wahrheit auf, die hinter der trügerisch glänzenden Fassade lauerte. Der Protagonist des Romans, Diederich Heßling, war der archetypische Sozialcharakter, der diesen autoritären Machtstaat bevölkerte. In ihm verdichteten sich in idealtypischer Manier dessen Struktur- und Mentalitätsdefekte. Heßling hatte es sich mit seiner kritiklosen Anbetung der Macht in der Schleimspur der Mächtigen des Reiches bequem gemacht. Er war die Verkörperung jenes »lackierten Plebejers«, von dem Max Weber einst gesprochen hatte: mit seiner sklavischen Obrigkeitshörigkeit und Kaiserverehrung, mit seiner Tyrannei gegen Schwächere und seinem Katzbuckeln nach oben, mit seinem infantil-überschießenden Nationalstolz, seiner rassistischen Attitüde und seiner hohlen Begeisterung über die Weltmachtaspirationen der Wilhelminer.“

„Sklavischen Obrigkeitshörigkeit und Kaiserverehrung, mit seiner Tyrannei gegen Schwächere und seinem Katzbuckeln nach oben“

Das Deutsche Kaiserreich mag vielleicht untergegangen sein, aber der passende Untertanengeist ist sehr lebendiger geblieben. Zwar lehnt die offizielle Bundesregierung fast schon hysterisch jeden Vergleich zu Kaiserzeit ab, aber gleichzeitig fordert sie bei jeder passenden Gelegenheit genau jene Obrigkeitshörigkeit ein. Immerhin konnte der erster Bundespräsident konnte dieses Thema noch offen ansprechen.

„Man kann sagen, dass sich im Grunde seit »Weimar« nichts bewegt hat“

>>Das deutsche Narrenschiff von Christoph Braunschweig (Buch) <<

„Theodor Heuss hatte vom kleinmütigen und unreflektierten Antiliberalismus vieler Menschen in Deutschland gesprochen. Die romantische Gesinnung der Deutschen hat die Aufklärung schon sehr frühzeitig in Deutschland »coupiert« (Johannes Gross). … Er ist auch nicht wie andere Nationen zur Selbstironie oder zu einem gewissen Zynismus gegenüber der Gesellschaft aufgelegt. Deshalb gibt es dieses typische deutsche Unvermögen, sich gegenüber den Enttäuschungen der Politik anders als entrüstet und empört zu zeigen. Man kann sagen, dass sich im Grunde seit »Weimar« nichts bewegt hat. In Deutschland stellt die Staatsgläubigkeit und Obrigkeitshörigkeit eine bruchlose politische Tradition dar. Die Deutschen leben immer noch mit einem scheinbar unausrottbaren Staatsmystizismus. Dieser nährt sich nicht zuletzt aus einem gewissen Selbsthass.“

„In Deutschland stellt die Staatsgläubigkeit und Obrigkeitshörigkeit eine bruchlose politische Tradition dar“

Natürlich sind auch Phasen einer Gegenbewegung in der Geschichte aufgetreten. Am Ende des Ersten und Zweiten Weltkrieges wurde das Versagen der Staatsgläubigkeit sehr augenfällig, weshalb das Buch „Der Untertan“ überhaupt erscheinen konnte.