„Erdrutschartigen Kultur- und Zivilisationseinbruch“ – Lässt sich die Spätantike mit der Gegenwart vergleichen?

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In regelmäßigen Abständen wird das Strafrecht verschärft. Immer härtere Strafen selbst für immer kleinere Vergehen. Damit sollen Recht und Ordnung durchgesetzt werden. Auf der anderen Seite kommt aber unterschwellig ein ganz anderer Verdacht auf: Versucht sich der Staat durch das Eintreiben von Bußgeldern selbst zu bereichern? Immerhin können die kaputten Brücken und leeren öffentlichen Kassen schlecht geleugnet werden.

Ein vermeintliches Hochtechnologieland kann nicht mal mehr eine simple Brücke reparieren

Kann also die sichtbar zerbröselnde Infrastruktur exemplarisch für ein Ende einer Epoche oder sogar für einen Beginn eines Zivilisationsbruch stehen? – Alles viel zu hoch gegriffen? Oder vielleicht doch nicht? Ein vermeintliches Hochtechnologieland kann nicht mal mehr eine simple Brücke reparieren. Unwillkürlich drängen sich da Vergleich mit der Vergangenheit – besonders mit dem Untergang des Römischen Reich – auf. Aber während der Römerzeit soll ja Folter und Todesstrafe geherrscht haben, weshalb solche Vergleich unzulässig seien. Allerdings viele heutigen angehenden Richter und Staatsanwälte würden am Liebsten ganz andere Strafen verhängen.

„Die Todesstrafe befürworten“ – Was angehende Richter & Staatsanwälte wirklich denken

>>Albert-Ludwigs-Universität Freiburg<<

„Jeder dritte Jurastudierende soll laut einer neuen Studie aus Erlangen die Todesstrafe befürworten. Sind Jurastudierende die neuen Scharfrichter? … Jeder zweite ist sogar dafür in bestimmten Fällen Folter anzuwenden, entgegen des verfassungsrechtlichen Verbots.“

„Bestimmten Fällen Folter anzuwenden“ – Was angehende Richter & Staatsanwälte wirklich denken

Also angehende Richter und Staatsanwälte würden also Folter und Todesstrafen befürworten? Normalerweise wäre diese Meldung wohl kaum berichtenswert, aber diese fügt sich nahtlos in ein größeres Bild ein. Jedes Jahr kommen immer neue Verbote hinzu und selbst für geringe Vergehen muss der Bürger immer tiefer in die Tasche greifen. Fragen nach der Verhältnismäßigkeit will schon längst kein Beamter mehr hören. Mehr noch: Die Quote für das Verhängen von Bußgeldern haben offensichtlich rechtsstaatliche Prinzipien ersetzt.

„Neue „Abzockquote“ – Polizisten beklagen Bußgeld-Vorgabe“

>>Der Tagesspiegel<<

„Neue „Abzockquote“ – Polizisten beklagen Bußgeld-Vorgabe – eine Quote für Ordnungswidrigkeiten im Straßenverkehr eingeführt worden – und die muss von den Beamten erfüllt werden. So sieht es ein internes Papier der Polizei vor, das dem Tagesspiegel vorliegt. … Selbst Polizisten sprechen von „Abzocke“ und berichten von einem Wettbewerb, wer die meisten Anzeigen schreibt. Sogar bei der Beurteilung sollen Beamte, die die meisten Anzeigen aufnehmen, bevorzugt werden.“

„Eine Quote für Ordnungswidrigkeiten im Straßenverkehr“

Auch in anderen Behörden wurden schon längst Zielvereinbarungen abgeschlossen. Für besonderen Übereifer gibt es sogar noch eine finanzielle Belohnung obendrauf.

„Chefs von Berliner Jobcentern kassieren bis zu 4000 Euro Prämie“

>>Berliner Zeitung<<

„Chefs von Berliner Jobcentern kassieren bis zu 4000 Euro Prämie, wenn sie streng mit Hartz-IV-Empfängern sind. – Alle Jobcenter-Chefs schließen mit der Bundesagentur für Arbeit oder dem jeweiligen Bezirksamt Zielvereinbarungen ab. Interne Kennzahlen zeigen Ende des Jahres an, ob die Ziele erfüllt sind.“

„Jobcenter-Chefs schließen mit der Bundesagentur für Arbeit oder dem jeweiligen Bezirksamt Zielvereinbarungen ab“

Natürlich hat es wenig mit rechtsstaatlichen Grundsätzen zu tun. Quoten und Zielvereinbarungen sind für die Untergrabung des Rechtsstaates maßgeblich mitverantwortlich, weil es die Neutralität untergräbt. Das Ganze spiegelt sich im schwindenden rechtsstaatlichen Vertrauen wider: Nur noch eine Minderheit hält stoisch am Glauben des Rechtsstaates fest.

Wie Quoten und Zielvereinbarungen viele rechtsstaatliche Prinzipien ersetzen

Natürlich drängt sich hier die Frage auf: Ob eine vergleichbare Entwicklung in der Geschichte schon einmal stattgefunden hat? – Die Frage lässt offensichtlich eindeutig mit – Ja – beantworten: Zumindest deuten einige Funde aus Zeiten des Römischen Reiches darauf hin.

„Archäologen finden Beweise für spätrömische Gräueltaten und Mordjustiz“

>>NORDISCH.info<<

„England: Archäologen finden Beweise für spätrömische Gräueltaten und Mordjustiz – Bei etwa einem Drittel der untersuchten Skelette fanden sich solch glasklare Beweise einer Hinrichtung. Mehrere Sklaven sollen kniend und von hinten mit einem Schwert enthauptet worden sein. Zudem dürfte eine ältere Frau, womöglich noch vor ihrem gewaltsamen Tod, schwer misshandelt und verstümmelt worden sein.“

„Mehrere Sklaven sollen kniend und von hinten mit einem Schwert enthauptet worden sein“

Im diesem Zusammenhang sind weniger die blutigen Gräueltaten, sondern eher der dazugehörige Kontext interessant. In England – wie anderen Teilen des Römischen Reiches – hat sich das Imperium im Niedergang befunden. Je wackliger der Römischer Staat auf dem Beinen stand, desto brutaler wurde das Herrschaftssystem durchgesetzt.

„Ein deutliches Indiz für die Verrohung der römischen Strafjustiz“

>>NORDISCH.info<<

„Da die Quote solcher Gräueltaten in etwas älteren Grabstätten bei durchschnittlich unter 6 Prozent liegt, sehen die Forscher aus Cambridge im vorliegenden Fall ein deutliches Indiz für die Verrohung der römischen Strafjustiz – und zwar just in einer Periode, in der sich das gesamte Herrschaftssystem der Besatzer zu destabilisieren begann. Eine der beteiligten Archäologinnen dazu: „Die Zahl der geahndeten Kapitalverbrechen hat sich im dritten Jahrhundert verdoppelt und im vierten Jahrhundert vervierfacht.“ Also in einem Zeitraum, in dem die äußeren und inneren Angriffe auf die Besatzer so stark geworden waren, dass man sich von römischer Seite ganz offensichtlich nur mit Mordjustiz zu helfen wusste.“

„Zahl der geahndeten Kapitalverbrechen hat sich im dritten Jahrhundert verdoppelt und im vierten Jahrhundert vervierfacht“

Heutzutage wird besonders der Niedergang des Weströmischen Reiches häufig auf die Völkerwanderung geschoben: Aber diese Erklärung greift – mit Blick auf die gesamte Römische Geschichte – ein bisschen kurz. Lange zuvor hat nämlich das Römische Reich vor existentielleren Krisen gestanden. Im Zuge der Punischen Kriege hat der karthagischer Feldherr Hannibal mehrere Schlachten gewonnen und konnte nahezu ungestört die Gegend vor der Stadt Rom unsicher machen. Das Karthagische Reich war lange Zeit dem Römischen Reich – im Gegensatz zu diversen germanischen Stämmen – durchaus überlegen gewesen. Trotzdem konnte das Blatt nochmal gewendet werden. Mehr noch: Der späterer Kaiser Trajan konnte seine Legionen bis zum heutigen Persischen Golf – ungefähr im heutigen Kuwait – führen.

Römischer Kaiser Trajan: „Gelangte er über Ktesiphon bis an den Persischen Golf“

>>Jürgen Franssen<<

„Im Partherkrieg 114-117 konnte Trajan Armenien und Mesopotamien erobern und dem Reich eingliedern. 116 gelangte er über Ktesiphon bis an den Persischen Golf.“

„Konnte Trajan Armenien und Mesopotamien erobern und dem Reich eingliedern“ 

Aber der Kaiser Trajan war gleichzeitig auch der erste und letzte Imperator der soweit im Osten stand. Danach war der Niedergang des Römischen Reiches immer schwerer zu übersehen. Die Erweiterung des Römischen Reiches ist weitestgehend zum Erliegen gekommen. Immer häufiger mussten die siegreichen Schlachten im Kolosseum künstlich inszeniert werden. Doch selbst dafür hat irgendwann das Geld nicht mehr gereicht. Nicht nur das Konzept Brot und Spiele hat sich totgelaufen, sondern überall setzte der Niedergang ein.

„Ab dem 5. Jahrhundert ist ein schleichender Verfall der Theater, Singspiel- und Wettkampfstätten“

>>Karl der Große von Rolf Bergmeier (Buch) <<

„Ab dem 5. Jahrhundert ist ein schleichender Verfall der Theater, Singspiel- und Wettkampfstätten, einschließlich der Olympiade, und ein Niedergang der öffentlichen Kultur (Schulen, Bibliotheken, Skulpturen) und der Städtelandschaft nachweisbar.“

„Niedergang der öffentlichen Kultur (Schulen, Bibliotheken, Skulpturen) und der Städtelandschaft nachweisbar“ Teilweise wird der kulturelle Niedergang am Ende der Spätantike bestritten: Aber die nackten Zahlen dürften mitnichten zu leugnen sein. Praktisch alle Bereiche des öffentlichen Lebens waren davon betroffen. Sogar das Lesen und Schreiben wurde regelrecht verlernt.
„Im Frankenreich 95 Prozent der frühmittelalterlichen Bevölkerung Analphabeten“

>>Karl der Große von Rolf Bergmeier (Buch) <<„Um 350 gibt es in Rom 28 öffentliche Bibliotheken, 16 jeweils mit mehr als 100.000 Bänden; mit Eintritt in das Mittelalter gibt es dagegen im ehemals Weströmischen Reich kaum mehr öffentliche Bibliotheken. Römische Städte verfügen über öffentliche Schulen, Theater und Thermen, während das Mittelalter nichts dergleichen kennt. Im Imperium Romanum können schätzungsweise etwa 50 Prozent der Bevölkerung lesen und schreiben, während im Frankenreich 95 Prozent der frühmittelalterlichen Bevölkerung Analphabeten sind. Alle Zahlen und Vergleiche, ob Schulen, Theater, öffentliche Bibliotheken, Stadtkultur oder Landleben, rufen dem Historiker zu: Der Übergang von der Spätantike in das frühe Mittelalter wird von einem erdrutschartigen Kultur- und Zivilisationseinbruch begleitet.“

„Übergang von der Spätantike in das frühe Mittelalter wird von einem erdrutschartigen Kultur- und Zivilisationseinbruch“

Der Niedergang des Römischen Reiches hat sich letztlich über mehrere Jahrhunderte erstreckt. Am Ende der Antike ist fast jedes kulturelle Leben zum Erliegen gekommen. Inwieweit sich diese Entwicklung auf die heutige Zeit übertragen lässt: Diese Frage muss jeder Einzelne für sich selbst beantworten.

 

Originally posted 2021-08-11 16:02:23.