„Wer zur Elite gehörte, lebte länger“ – „Die Wehrpflicht war auf grausame Weise ungerecht“

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Die Wehrpflicht war auf grausame Weise ungerecht, ungleich und unfair und hat mitgeholfen, unser Land tief zu spalten.“ – Das hat der Vietnamkriegsveteran und ehemalige US-Präsidentschaftskandidat John Kerry gesagt. Aus genau jenen Gründen wurde die Wehrpflicht in der USA abgeschafft. Und auch in Deutschland dürften die echten Gründe wohl nicht viel anders liegen. Doch woher ist die Wehrpflicht eigentlich hergekommen?

„Die Wehrpflicht war auf grausame Weise ungerecht, ungleich und unfair und hat mitgeholfen, unser Land tief zu spalten“

>>Napoleon von Günter Müchler (Buch) <<

„Das Dekret vom 23. August 1793 legt den Grund zur Wehrpflichtarmee, die endgültig 1797 eingeführt wird. Zunächst war an eine allgemeine Volksbewaffnung unter Einbeziehung auch der Frauen gedacht. Der radikaldemokratische Ansatz wurde von den Abgeordneten dann aber der Lebenswirklichkeit angepasst. Wehrpflichtig sind ledige Männer im Alter von 18 bis 25 Jahren. Nach Fournier wächst der Umfang der Streitkräfte zwischen Ende 1792 und Mitte 1794 von 112 000 auf 800 000 Mann; Roberts behauptet eine Verdoppelung auf 1,5 Millionen.“

Frankreich: „Dekret vom 23. August 1793 legt den Grund zur Wehrpflichtarmee, die endgültig 1797 eingeführt wird“

Die heutige Form der Wehrpflicht lässt sich – abgesehen von einigen Vorläufern – auf Napoléon zurückführen. Das allgemeine „Unbehagen“ der Bevölkerung und auch die Debatte über die Einbeziehung von Frauen hat sich bis zur Gegenwart unverändert gehalten. Trotzdem: Kriege hat es weitaus länger gegeben. Weshalb wurde also überhaupt eine Wehrpflichtarmee geschaffen?

Wehrpflichtarmee: „Aufkommen der zentralisierten Staaten und der modernen Massenvernichtungswaffen“

>>Wir schaffen das – alleine! von Andreas Marquart & Philipp Bagus (Buch) <<

„Waren noch im 19. Jahrhundert die Waffensysteme, verglichen mit heute, eher einfach und die Kriegsgewalt von Staaten auf die Soldaten des Gegners begrenzt, hat sich das im letzten Jahrhundert grundlegend geändert. Der Ökonom Murray N. Rothbard (1926–1995) schreibt in Für eine neue Freiheit:

[M]it dem Aufkommen der zentralisierten Staaten und der modernen Massenvernichtungswaffen wurde die Abschlachtung von Zivilisten genauso wie die Wehrpflichtarmee zum festen Bestandteil zwischenstaatlicher Kriegsführung.

Vor allem das Kapitel zum Geldwesen sollte deutlich gemacht haben, dass es die im letzten Jahrhundert begonnene, sukzessive Loslösung des Geldes von jeglicher Sachwertbindung für Regierungen wesentlich einfacher gemacht hat, Krieg und vor allem lang andauernde Kriege zu führen. Denn die Finanzierung durch die Notenpresse und über höhere Staatsschulden verschleiern die wahren Kriegskosten. So hoben im August 1914 alle kriegführenden Staaten die Golddeckung ihrer Währungen auf.“

„Finanzierung durch die Notenpresse und über höhere Staatsschulden verschleiern die wahren Kriegskosten“

Viele moderne Kriege können schlicht als große Materialschlachten von Menschenleben, Geld, Waffen, Munition und allerlei Gütern des täglichen Bedarfs angesehen werden. Im Endeffekt wird jeder Lebensbereich den notwendigen Erfordernissen des Krieges untergeordnet. Selbst der heute noch kaum beachtete Vietnamkrieg lässt sich darunter einordnen.

„Vietnam-Krieg hatte drastisch vorgeführt“ – „USA von einigen jungen Bürgern die Bereitschaft zum Sterben verlangten“

>>Der Tagesspiegel<<

„Der Vietnam-Krieg hatte drastisch vorgeführt, dass die USA von einigen jungen Bürgern die Bereitschaft zum Sterben verlangten, während andere nach Kanada zogen oder ihre Musterungspässe verbrannten. John Kerry, der in Vietnam kämpfte … , sagt dazu im Rückblick: „Die Wehrpflicht war auf grausame Weise ungerecht, ungleich und unfair und hat mitgeholfen, unser Land tief zu spalten.“ Wenn man sich Kerrys Heimat, Boston, anschaut, versteht man das Problem. In dem Viertel South Boston leben irisch-katholische Einwanderer aus der Arbeiterklasse. Zehn Kilometer weiter nördlich liegt, an derselben U-Bahn-Linie, der Campus von Harvard. Pro 1000 Wehrpflichtige fielen in den 60ern aus dem Malocher-Kiez South Boston 13 in Vietnam, in Harvard war es einer. Das war überall so: Wer zur Elite gehörte, lebte länger. Diese Ungerechtigkeit gab den Ausschlag, die US-Wehrpflicht abzuschaffen.“

„Wer zur Elite gehörte, lebte länger“ – „Diese Ungerechtigkeit gab den Ausschlag, die US-Wehrpflicht abzuschaffen“

Mit einigen Jahrzehnten an Zeitverzögerung ist faktisch die selbe Debatte in Deutschland angekommen. Die Bundeswehr als Wehrpflichtarmee konnte ebenfalls nicht gehalten werden.

Bundeswehr & Wehrpflicht: „Kostengünstige Umwandlung der Wehrpflichtarmee in eine Berufsarmee zu betreiben“

>>Entrüstet euch! von Margot Käßmann & Konstantin Wecker (Buch) <<

„Es melden sich immer weniger »Freiwillige« zum »Bund«. Deshalb sah schon Baron von und zu Guttenberg in seiner Zeit als Kriegsminister keinen anderen Ausweg, als die, wie er in Aussicht stellte, kostengünstige Umwandlung der Wehrpflichtarmee in eine Berufsarmee zu betreiben. Seitdem sind Soldaten wieder das, was ihr Name besagt: Söldner des Todes, Auftragskiller, Profis im Vernichten von Menschen, deren Tätigkeiten zunehmend denn auch von den Privatarmeen sogenannter Sicherheitsdienste übernommen werden, – ein Drittel der US-amerikanischen Soldateska im Irak bestand aus solchen Dienstleistern im Security Service. Doch daraus entsteht ein Motivations- und Rekrutierungsdebakel: nicht genügend Jugendliche finden, mit Horaz gesprochen, es »süß und ehrenvoll, fürs Vaterland zu sterben«; nicht mal die Freistellung von Mädchen für die Abenteuer des Soldaten- und des Landsknechtslebens löst die Rekrutierungsklemme.“

„Tätigkeiten zunehmend denn auch von den Privatarmeen sogenannter Sicherheitsdienste übernommen werden“

Hierbei wird ein interessanter Punkt angesprochen. Im Gegensatz zur Wehrpflichtarmee muss eine Berufsarmee für ihren Nachwuchs aktiv werben und diese tut sich meist sichtlich schwer darin. Allerdings steht sie dabei weniger den regulären Arbeitsmarkt als Konkurrent, sondern vielmehr der Sicherheitsbrancherespektive Military Contractor – gegenüber. Im Grunde bieten diese Firmen genau dasselbe an und die Bezahlung ist meist besser. In der praktischen Wirklichkeit von Kriegen bleibt meist wenig von viel-zitiertenHurra-Patriotismus“ übrig.

Ukraine: „Für Männer besteht weiterhin die Pflicht zum Wehrdienst“

>>Merkur<<

„Am Samstag (22. Oktober) unterzeichnete der ukrainische Präsident Wolodymyr Selensky ein Gesetz über die freiwillige Registrierung von Frauen für militärische Dienste. Für Männer besteht weiterhin die Pflicht zum Wehrdienst. Alle Wehrpflichtigen unter 60 müssten laut dem Militärkommissar bald mit einer Vorladung rechnen. Verweigerern droht eine Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahre.“

„Verweigerern droht eine Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahre“

Faktisch alle größeren Kriege werden auf beiden Seiten mit Wehrpflichtarmeen geführt und allen Verweigerern werden drakonische Strafen angedroht. Auch darin hat sich seit der Zeit von Napoléon Bonaparte wenig geändert.