„Auswahl der Artikel im Warenkorb wird außerdem laufend aktualisiert“ – Inflationsberechnung als kreative Buchführung?

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Schon kurz nach der Euroeinführung hatte die Währung ihren Spitznamen bekommen: „Teuro“ – Eine Anspielung auf die hohe Inflation und diese ist seit diesem Zeitpunkt – nach subjektiven Empfindungen – nie mehr wirklich weggegangen. Aber nach offiziellen Verlautbarungen soll es keine besorgniserregende Inflation geben. Mehr noch: Die durchaus sichtbaren Preissteigerungen sollen nur ein subjektives Gefühl sein.

„Teuro“ –  „Kurz nach seiner Einführung bekam der Euro einen Spitznamen“

>>Abschied von der Küchenpsychologie von Hans-Peter Nolting (Buch) <<

„Kurz nach seiner Einführung bekam der Euro einen Spitznamen: Teuro. Selektive Erfahrungen, in diesem Fall beispielsweise mit gestiegenen Restaurant- und Gemüsepreisen, führten bei vielen Menschen zu dem «Teuro-Eindruck», und wer «überzeugt» war, dass der Eindruck stimmte, ließ sich auch nicht so leicht von den Statistiken der Wirtschaftsexperten erschüttern, die das Gegenteil bewiesen. Skepsis zeigt sich vor allem darin, dass man fragt, worauf sich eine Behauptung gründet: «Woher weißt du das?» bzw. «Woher weiß ich das?» Auf den Teuro angewandt heißt das: «Woher weißt du, dass die Preise gestiegen sind?» Dann kommen vermutlich persönliche Beispiele.“

„Woher weißt du, dass die Preise gestiegen sind?“ – Oder ein X für ein U vormachen

Solche oder vergleichbare Diskussionen sind sicherlich keine Einzelfällen und im Endeffekt geht es auf die einfache Formel zurück: Küchenpsychologie am persönlichen Geldbeutel versus amtlich-wissenschaftliche Inflationsberechnung. Auch der staatliche Rundfunk hat sich diesem Thema gewidmet und erklärt mal eben der breiten Bevölkerung: „Warum sich die Teuerung schlimmer anfühlt“

„Warum sich die Teuerung schlimmer anfühlt“ – Alles nur Einbildung?

>>Staatsfunk „Tagesschau“ <<

„Warum sich die Teuerung schlimmer anfühlt – „Dass viele Menschen die Teuerung viel stärker wahrnehmen, hat viele Gründe. Es stellt sich ein stärkeres subjektives Empfinden ein, wenn Preise anziehen, als wenn sie fallen. Hier spielen auch die Warengruppen eine wichtige Rolle. Werden Güter des täglichen Bedarfs teurer – etwa Lebensmittel – wird das stärker empfunden.“ Zudem sei das Kaufverhalten individuell und damit sehr unterschiedlich.“

„Werden Güter des täglichen Bedarfs teurer – etwa Lebensmittel – wird das stärker empfunden“

Im langen Beitrag wird ein wesentliche Punkt weggelassen: Der Staat hat selbst ein Interesse an niedrigen Inflationsberechnung und einer tatsächlichen hohen Inflation, weil somit durch die kalte Progression mehr Steuern in die Staatskasse kommen, die Staatsverschuldung substanziell abnimmt und alle Sozialleistungen nur geringfügig erhöht werden müssen. Im Endeffekt lässt es auf eine beinahe schon alberne Gleichung zusammenfassen: Im täglichen Leben galoppieren die Preise davon und offiziell wird nur von einer „gefühlten Inflation“ gesprochen. Diese regelrechten Parallelwelten wollen nicht wirklich zusammenpassen. Nichtsdestoweniger war dieses Lücke zwischen offiziellen Planzahlen und realer Planwirtschaft schon in der Sowjetunion bekannt.

„Sowjetische Wirtschaft mehr von Versorgungs- und Verteilungs-Seilschaften, frisierten Planzahlen und gefälschten Ergebnissen“

>>Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen<<

„Die staatliche Planungsbehörde der Sowjetunion Gosplan hatte von den 1920er Jahren bis zur Auflösung 1991 die Aufgabe, die gesamte Wirtschaft des riesigen Reiches zu steuern, Fünfjahrespläne für die Republiken, Regionen und jedes einzelne Werk zu erstellen, Ressourcen zu verteilen, die Fünfjahrespläne auf Jahrespläne herunterzubrechen, diese zu kontrollieren, nachzujustieren und Zahlen zu sammeln, um den nächsten Plan zu erstellen. Soweit die Theorie. Von der Praxis haben wir bis heute nur eine sehr vage Vorstellung. Fast scheint es, als sei die sowjetische Wirtschaft mehr von Versorgungs- und Verteilungs-Seilschaften, frisierten Planzahlen und gefälschten Ergebnissen, verschobenen Ressourcen und Waren, Unterschlagungen, Schwarzmarkt und nicht zuletzt „Gegenplänen“ bestimmt gewesen, mit denen im Hauruck-Verfahren die nicht mehr zu erfüllenden Planzahlen doch noch erreicht werden sollten. Den in den Medien stolz verkündeten Erfolgen standen die langen Schlangen vor Geschäften, die große Zahl von Defizitprodukten und die offiziellen Wartelisten für PKWs und Mietwohnungen gegenüber.“

„Medien stolz verkündeten Erfolgen“ versus „Sanden die langen Schlangen vor Geschäften“

Die realen Defizite hat vermutlich jeder Sowjetbürger am eignen Leib zu spüren bekommen, aber weder die offiziellen Zahlen, noch in der medialen Berichterstattung ist dieses Phänomen wirklich durchgedrungen. Die staatliche Planungsbehörde der Sowjetunion konnte selbst kaum ein Scheitern – öffentlich – selbst eingestehen und dieser grundsätzliche Interessenkonflikt ist ebenso an zeitgenössischen Wirtschaftszahlen zu beobachten.

Inflationsberechnung: „An Warenkorb und Wägungsschema kann man herummanipulieren“

>>Börsenstrategien für Dummies von Judith Engst & Janne Jörg Kipp (Buch) <<

„Der Kaufkraftverlust wird in Deutschland monatlich berechnet und in Form des sogenannten Verbraucherpreisindex veröffentlicht. Das ist sozusagen die offizielle Inflationsrate. … Das Problem ist: An Warenkorb und Wägungsschema kann man herummanipulieren. Wird die Butter teurer, dann legt man eben Margarine hinein. Werden Handys immer teurer, dann nimmt man die Teuerung nicht auf, weil die neuesten Handys ja technisch wesentlich mehr zu bieten haben als bisherige Modelle, die schließlich zu Recht billiger verkauft wurden. … Aus den USA wissen wir, dass dort die offizielle Inflationsberechnung schon mehrfach »angepasst« wurde. Und zwar so, dass sich der amtierende Präsident und Notenbankchef immer mit einer moderaten Inflationsrate schmücken konnte.“

USA: „Offizielle Inflationsberechnung schon mehrfach »angepasst« wurde“

Über die Methoden der Inflationsberechnung lässt sich vortrefflich streiten. Unstrittig aber ist: Die Details über die offizielle Inflationsberechnung wird mit wenig Transparenz verfahren. Immerhin wird stolz verkündet: „Die Auswahl der Artikel im Warenkorb wird außerdem laufend aktualisiert

Inflationsberechnung: „Aktualisiert“ – „Haushaltsbefragung mit rund 60.000 Teilnehmenden auf den neuesten Stand gebracht“

>>Staatsfunk „Mitteldeutsche Rundfunk“ <<

„Die Auswahl der Artikel im Warenkorb wird außerdem laufend aktualisiert – wird ein Produkt nicht mehr nachgefragt oder angeboten, wird es ersetzt. Die Gewichtung der einzelnen Güter im Warenkorb wird alle fünf Jahre auf Basis einer Haushaltsbefragung mit rund 60.000 Teilnehmenden auf den neuesten Stand gebracht.“

„Die Auswahl der Artikel im Warenkorb wird außerdem laufend aktualisiert“

Also die Inflationsberechnung wird alle fünf Jahre „aktualisiert“ . – Inwieweit sich die alte und die „aktualisierte“ Methode zur Inflationsberechnung überhaupt miteinander vergleichen lassen? – Diese Frage muss unbeantwortet bleiben. Auch ist nicht herauszufinden wer diese 60.000 Teilnehmenden bei der Haushaltsbefragung überhaupt seien? Sind das alle Multimilliardäre oder welcher sozialen Schicht gehören sie an? Zumindest dürfte vermutlich viel Spielraum für kreative Buchführung übrig bleiben.