Dilemma der Geschichtsschreibung: Historiker oder Geschichtenerzähler für infantile Erwachsene? (1)

Screenshot twitter.com Screenshot twitter.com

Herodot wird gerne als „Vater“ oder teilweise „Erfinder“ der Geschichtsschreibung bezeichnet: Inwieweit dass der Richtigkeit entspricht kann hier mal offen bleiben, aber zum manchmal könnte man ihn auch einfach nur als Geschichtenerzähler umschreiben: Und dieses Phänomen kann von der Antike bis in die Gegenwart nachzeichnen. Jedoch muss Herodot auch etwas in Schutz genommen werden: Schließlich hat er nur Dinge zu Papier – respektive Papyrus – gebracht, die Dritte ihn zugetragen haben. Er selbst ist aus seiner kleinen griechischen Welt nie herausgekommen. Und genau an dieser Stelle fängt das Dilemma an.

„Mediterrane Kommentatoren“ – „Teilten die barbarischen Bewohner der Nordeuropäischen Tiefebene in Germanen und Skythen ein“

>>Invasion der Barbaren von Peter Heather (Buch) <<

„Mediterrane Kommentatoren waren stets viel stärker an sich selbst als an den barbarischen »Anderen« jenseits der Grenze interessiert, aber selbst sie erkannten, dass es, je weiter man nach Westen kam, immer mehr dieser urbar gemachten Inseln und eine entsprechend dichtere Besiedlung gab. Sie teilten die barbarischen Bewohner der Nordeuropäischen Tiefebene in Germanen und Skythen ein. Zuvor hatte es dort auch Kelten – Keltoi – gegeben, aber das ehemals keltisch dominierte westliche und mittlere Südeuropa war größtenteils der römischen Expansion zum Opfer gefallen.“

„“Mediterrane Kommentatoren waren stets viel stärker an sich selbst als an den barbarischen »Anderen« jenseits der Grenze interessiert“

Natürlich waren Germanen und Skythen niemals ein Volk gewesen: Dennoch konnten sich diese Begrifflichkeit bis in die aktuelle Gegenwart hinein halten. Letztendlich haben sie diese Namen hauptsächlich von antiken griechischen Autoren – die meist abfällig über sie schrieben – bekommen und die Römer haben diese Tradition nahtlos fortgeführt. Noch heute wird diese Einteilung genutzt und mancher Goldschatz beispielsweise völlig unreflektiert auf diese Weise zugeordnet.

„16 Fundstücke bildete ein aus getriebenem Goldblech hergestellter Fisch mit verzierter Tierornamentik“

>>Lausitzer Rundschau<<

„Am 5. Oktober 1882 entdeckte der Bauer Lauschke bei Vettersfelde beim Pflügen einen ungewöhnlichen Goldschatz. Glanzpunkt der 16 Fundstücke bildete ein aus getriebenem Goldblech hergestellter Fisch mit verzierter Tierornamentik. Der Fund gilt als einer der bedeutendsten dieser Art in Mittel- und Nordeuropa (heute im Pergamon-Museum in Berlin zu sehen), zugeordnet dem asiatischen Reitervolk der Skythen aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. … „

Goldfund aus der Lausitz: „Zugeordnet dem asiatischen Reitervolk der Skythen aus dem 6. Jahrhundert v. Chr.“

Die kritische Selbstreflektion scheint unter etablierten Historikern wenig ausgeprägt zu sein. Doch es kann noch viel Schlimmer kommen: Sogar nachweislich völlig unstrittige Funde und deren dazugehörige Geschichte werden teilweise unter Verschluss gehalten oder nur temporär der Bevölkerung gezeigt.

„Wertvollste Handelsware“ – „Kriegsgefangene oder geraubte Sklaven – Männer, Frauen und Kinder“

>>Görlitzer Sammlungen für Geschichte und Kultur<<

„Die wertvollste Handelsware, die aus den nordwestslawischen Ländern exportiert wurde, waren kriegsgefangene oder geraubte Sklaven – Männer, Frauen und Kinder. … Aus Mecklenburg-Vorpommern stammen eiserne Fesseln und Reste menschlicher Gebeine ermordeter Sklaven. Sie verdeutlichen die Grausamkeit des Sklavenhandels.“

„Grausamkeit des Sklavenhandels“ – „Eiserne Fesseln und Reste menschlicher Gebeine ermordeter Sklaven.“

An Chroniken und Funden sollte bestimmt kein Mangel herrschen: Trotzdem wird das Thema nur in Form einer temporären Sonderausstellung abgehandelt. In der offiziellen Abhandlung der Geschichte der Sorben im Land Brandenburg wird jener Sachverhalt nicht mal als Fußnote erwähnt. Dafür werden ganz andere „Tatsachen“ benannt.

These von der menschenleeren Lausitz & Burgwälle mit einer ganz anderen Geschichte

>>Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg<<

„Im Zuge der Völkerwanderung besiedelten slawische Stämme das gesamte heutige Ostdeutschland bis nach Franken und ins Hannoversche Wendland hinein. Unter ihnen waren die Lusizer und Milzener in der heutigen Nieder- und Oberlausitz. Sie gaben der Lausitz (Łužyca = Sumpfland) ihren Namen. Errichtet wurden dabei über 100 Burgwälle, wie Sie heute rekonstruiert in Raddusch/Raduš besuchen können.“

„Errichtet wurden dabei über 100 Burgwälle, wie Sie heute rekonstruiert in Raddusch/Raduš besuchen können“

Inwieweit diese Ansicht heutzutage noch haltbar sei: Das kann getrost hinterfragt werden. Denn insbesondere die oben erwähnten Burgwälle spiegeln eine ganze andere Geschichte wider.

„Imposantesten Burgwallanlagen – Deren Entstehung auf etwa 1200 v. Z. datiert wird“ 

>>Die Lausitzer von Günter Wermusch (Buch) <<

„Auf dem Gebiet der Lausitzer Kultur sind bislang etwa 150 befestigte Siedlungen, davon 30 in der Mark Brandenburg, bekannt. Auf die Reste einer der imposantesten Burgwallanlagen, deren Entstehung auf etwa 1200 v. Z. datiert wird, trifft man in der Nähe von Sacrow bei Potsdam. 19 Meter über dem Ufer des Lehnitzsees gelegen, erstreckte sie sich über eine Fläche von zwei Hektar, war von einem sechs Meter hohen Ringwall in Holz-Erde-Konstruktion umgeben und beherbergte schätzungsweise 1000 Menschen. Die im Volksmund „Römerschanze“ genannte Anlage wurde von den Slawen bis Anfang des 13. Jahrhunderts n. Z. genutzt. Das ursprüngliche Gebiet der Lausitzer Kultur war von sesshaften Bauern besiedelt. Die lernten sehr bald, durch gemeinschaftliche Unternehmungen Wasserläufe zu regulieren, Kanäle zu graben und Neuland urbar zu machen, das entweder zu trocken oder zu feucht war. Sie legten Dämme an, um Wasser zu speichern und damit das Land in sommerlichen Trockenzeiten zu bewässern.“

„Das ursprüngliche Gebiet der Lausitzer Kultur war von sesshaften Bauern besiedelt“

Alleine der Burgwall – mit den irreführenden NamenRömerschanze weist eine ganz andere Besiedlungsgeschichte auf. – Und wie wird dieser Widerspruch aufgelöst? – Hauptsächlich mit Ignoranz. Die gesamte These mit der vermeintlich menschenleeren Lausitz im frühen Mittelalter geht auf genau jene mittelalterlichen-zeitgenössischen Geschichtsautoren zurück. Zwar wurde BegriffLebensraum im Osten“ mit „permanenten Kampf um Lebensraum“ von Hitler als Rechtfertigung für einem illegalen Angriffskrieg angeführt, aber die eigentliche Urheberschaft dieser These ist bei ganz anderen Autoren zu suchen: An genau jenen Geschichtsbild haben sich Autoren rund Tausend abgearbeitet und auch die Artefakte entsprechend zeitlich eingeordnet: Denn auch bei der Altersbestimmung sind Fragen angebracht.

„Streit um die Evolution des Menschen:Falsche Fossilien falsch datiert?“

>>Süddeutsche Zeitung<<

„Streit um die Evolution des Menschen:Falsche Fossilien falsch datiert? – Ein britischer Experte übt heftige Kritik an spanischen Kollegen. Ihm zufolge gehören ihre angeblich 600.000 Jahre alten Fossilien des „Homo heidelbergensis“ zu einer anderen Art – und sind außerdem 200.000 Jahre jünger.“

„Angeblich 600.000 Jahre alten Fossilien des „Homo heidelbergensis“ zu einer anderen Art – und sind außerdem 200.000 Jahre jünger“ 

Die ganze Altersbestimmung ist keine exakte Wissenschaft und viele Historiker sind geneigt auf alten ausgetretenen Geschichtspfaden zu wandeln, als sich mit offenen Widersprüchen auseinander zu setzen. Schließlich blickt das sprichwörtliche “ Malen nach Zahlen“ für infantile Erwachsene auf eine lange Tradition zurück, aber darauf wird im 2. Teil eingegangen.