Warum nur ein Teil der Bevölkerung sich Kinder leisten kann

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Eigene Kinder kosten eine Menge Geld und senken Lebensstandard. Deswegen stellen viele Paare den eignen Kinderwunsch zurück. Unter diesen Zwängen leiden keineswegs alle gleich stark.

>>Beamte – Was die Adeligen von heute wirklich verdienen von Torsten Ermel (Buch) <<

„Das Kindergeld ist rein rechtlich gesehen eine Steuervergütung. Seine Aufgabe ist es, das Existenzminimum des Kindes steuerfrei zu stellen. … Das heißt, dass es ein eigentliches »Kindergeld« in Deutschland nicht gibt. Die Bezeichnung ist irreführend. Es handelt sich ganz überwiegend nur um eine Erstattung von zu viel gezahlten Steuern. Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass das Existenzminimum von Kindern steuerfrei ist. Das ist keine besondere soziale Leistung des Staates. … Während der Normalbürger also nur zu viel gezahlte Steuern erstattet bekommt unter der irreführenden Bezeichnung Kindergeld, erhalten Beamte ein wirkliches Kindergeld, nämlich einen Zuschlag zu ihrer Besoldung, den Kinderzuschlag. Der Kinderzuschlag beträgt 111 € für das erste und für das zweite Kind und 347 € für das dritte und jedes weitere Kind. Für Beamte im einfachen Dienst gibt es darüber hinaus noch zusätzliche Erhöhungsbeträge. Der Kinderzuschlag ist an das Kindergeld gekoppelt. Fällt das Kindergeld weg, fällt damit auch der Kinderzuschlag weg. Mit dem Dienstrechtsneuordnungsgesetz vom 12. November 2008 wurden die Zuschläge für das dritte und jedes weitere Kind um 50 € erhöht. Zusammen mit den inzwischen eingetretenen jährlichen prozentualen Erhöhungen gab es daher damals 305 € statt 250 € (heute 347 €, vgl. o.). Die Erhöhung um 50 € im Monat galt dabei ungewöhnlicherweise nicht seit Inkrafttreten des Gesetzes ab Januar 2009, sondern rückwirkend ab Januar 2007. Beamte mit drei und mehr Kindern erhielten die Differenz für zwei Jahre nachgezahlt. Insgesamt erhält beispielsweise ein Beamter mit zwei Kindern einen monatlichen Zuschlag in Höhe von 222 €. Ein Beamter mit vier Kindern erhält einen Zuschlag in Höhe von 916 € im Monat (nur für die Kinder, ohne den Ehegattenzuschlag). Und diese Zuschläge werden nicht statt des regulären Kindergeldes gezahlt, sondern zusätzlich. … Die Frage muss erlaubt sein, weshalb die Steuer zahlenden Nicht-Beamten, Handwerker und Buchhalter und Hilfsarbeiter, den Beamten eigentlich so viel Geld schenken, für nichts? Denn einen legitimen Anspruch auf die Familienzuschläge scheint es nicht zu geben. Der Grund dafür, dass Kinderzuschläge gezahlt werden, liegt in den »hergebrachten Grundsätzen« des Beamtentums, also wieder einmal im Alimentationsprinzip. Ein Beamter mit Kindern soll nicht schlechter leben als ein Beamter ohne Kinder. Wenn die Familie größer wird, soll dadurch der Lebensstandard nicht übermäßig sinken. Der Grundgedanke hinter dem Kinderzuschlag ist also schon sehr sozial. Es ist aber durch nichts zu rechtfertigen, wenn der Staat diese soziale Leistung nur einem Teil der Bevölkerung gewährt, den Beamten, und nicht allen Bürgern. Deshalb muss gefordert werden, dass entweder alle Eltern den Kinderzuschlag erhalten, oder dass er auch für Beamte gestrichen wird.“

 

>>Frankfurter Allgemeine Zeitung<<

„Wissenschaftler der Ruhr-Universität Bochum berechneten den Angaben zufolge neu, welche zusätzlichen Kosten durch Kinder je nach Familientyp und Einkommenssituation entstehen. Dabei zeigte sich demnach: „Je geringer das Familieneinkommen ist, desto schwieriger wiegt die finanzielle Belastung durch jedes weitere Haushaltsmitglied.“ Die zusätzlichen Ausgaben für Kinder wurden laut der Stiftung bisher auf Grundlage einer Skala der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) geschätzt. Die neuen Berechnungen zeigten nun, dass die Anwendung der OECD-Skala „die Einkommen armer Haushalte systematisch über- und jene reicher Haushalte unterschätzt“. Denn für ärmere Familien sei die finanzielle Belastung durch Kinder im Verhältnis größer als für wohlhabende Familien. Die finanzielle Belastung steige mit jedem weiteren Kind an, heißt es in einer am Mittwoch in Gütersloh veröffentlichten Untersuchung der Bertelsmann Stiftung. Armutsgefährdet seien 13 Prozent der Paare mit einem Kind, 16 Prozent mit zwei und 18 Prozent mit drei Kindern. Für Alleinerziehende liege die Armutsrisikoquote sogar bei 68 Prozent. Als von Armut bedroht gilt, wer weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens zur Verfügung hat. Haushalte mit Kindern sind laut Stiftung seit 25 Jahren durchschnittlich finanziell schlechter gestellt als kinderlose Paare. Für ärmere Familien sei die finanzielle Belastung durch Kinder im Verhältnis größer als für wohlhabende. Auch die Einkommensschere zwischen wohlhabenden und armen Familien sei zwischen 1992 bis 2015 weiter aufgegangen, hieß es. In diesem Zeitraum sei es Familien nur durch Ausweitung der Erwerbstätigkeit gelungen, ihre Einkommenssituation zu halten oder zu verbessern. Dabei weiteten meist Frauen ihren Beschäftigungsumfang aus. Politisch sollte ein größeres Gewicht auf die Bekämpfung von Armut gelegt werden, forderte Stiftungsvorstand Jörg Dräger. „Vor allem Alleinerziehende brauchen stärkere Unterstützung.“ Die staatliche Existenzsicherung für Kinder müsse neu aufgestellt und an ihren Bedürfnissen ausgerichtet werden.“

Für den überwiegenden Teil der Bevölkerung stellen Kinder mittlerweile keine Selbstverständlichkeit mehr da, sondern eine Frage, ob es finanziell überhaupt möglich ist. Nicht selten entscheiden sich Paare, aus genau diesen Grund gegen den eignen Kinderwunsch oder wollen kein zweites beziehungsweise drittes Kind mehr haben.

 

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