Wissenschaft ohne Wissenschaftler: „Die keinen weißen Laborkittel tragen“ – Citizen Science

Screenshot twitter.com Screenshot twitter.com

Citizen Science: Ohne deren Erfindungen würde von der modernen Zivilisation nicht mehr viel übrig bleibe: Klingt zunächst nach einer steilen These – ist aber tatsächlich so. Viele wichtige Erfindungen wurden nicht von etablierten Wissenschaftlern gemacht, sondern weitestgehend von Amateuren. Ohne Citizen Science würde heutzutage kein Auto fahren oder ein Flugzeug fliegen. Doch eine richtige Anerkennung blieb jenen großen Erfindern und Entdeckern bis heute verwehrt.

Wissenschaftler um 1902: „Mit Maschinen durch die Luft zu fliegen ist absolut unmöglich“ 

>>Frankfurter Allgemeine Zeitung<<

„Mit Maschinen durch die Luft zu fliegen ist absolut unmöglich“, sagte der amerikanische Mathematiker Simon Newcomb im Jahr 1902. 18 Monate später schwebten die Brüder Wright im Doppeldecker über jenes Kitty Hawk, ein Küstenstädtchen in North Carolina. Der erste Motorflug eines Menschen löste eine beispiellose Welle an Innovationen aus. Bis dato Undenkbares wurde binnen kürzester Zeit möglich.“

Luftfahrtpionier Otto Lilienthal hob bereits im Jahre 1891 ab

So „Undenkbar“ war der Motorflug der Brüder Wright mitnichten. Schon der Luftfahrtpionier Otto Lilienthal hat bereits im Jahre 1891 eindrucksvoll bewiesen: Das kontrollierte Gleitflüge durch die Luft durchaus möglich seien. Mit seinen wegweisenden Buch: „Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst“ legte er bereits die Grundlagen der modernen Luftfahrt fest. Die Brüder Wright erfanden somit das Rad – oder wahlweise das Flugzeug – nicht neu, sondern setzten seine Arbeit nur konsequent fort, indem sie „Lilienthals Gleitflugzeug“ einem Motor verpassten.

Otto Lilienthals unbeachtetes Werk: „Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst“

Trotz Lilienthals Gleitflügen blieb ihn die wissenschaftliche Anerkennung zeitlebens verwehrt. Seine Berühmtheit sollte er erst lange nach seinem Ableben erlangen, als schon längst die Luftfahrt allgemein anerkannt war. Der Ausspruch: „Mit Maschinen durch die Luft zu fliegen ist absolut unmöglich“ von Mathematiker Simon Newcomb war daher keine verschobene Einzelmeinung, sondern stellte zur damaligen Zeit nur den wissenschaftlichen Konsens da. Wäre es nach der etablierten Wissenschaft gegangen, wäre die heutige Luftfahrt auf behäbige Heißluftballons beschränkt geblieben. Doch vermutlich hätte es nicht mal dazu gereicht, denn auch der Heißluftballon wurde von den Gebrüdern Montgolfier erfunden – ebenso wenig anerkannte Wissenschaftler.

Erfindung des Heißluftballons: Gebrüdern Montgolfier waren keine anerkannten Wissenschaftler

Nichtsdestotrotz schmückt sich offizielle Bildungseinrichtungen gerne mit ihren Namen: Die Schule Otto Lilienthal in Rostock oder das Gebrüder-Montgolfier-Gymnasium in Berlin dürften nur einige Beispiele sein.

Etablierte Wissenschaft hätte genug Zeit gehabt um Flugzeuge zu erfinden

Hingegen die Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg wurde bereits im Jahr 1386 gegründet: Die etablierte Wissenschaft hätte also genug Zeit gehabt, um ebenfalls Flugzeuge zu erfinden. Schon Leonardo da Vinci erforschte akribisch dem Vogelflug und versuchte ihn mit selbst entworfenen Maschinen nachzuahmen. Einige seiner Zeichnungen kommen modernen Hubschraubern schon recht nahe.

Als Leonardo da Vinci die ersten Flugmaschinen konstruierte

>>Universität Stuttgart (PDF-Dokument) <<

„Später beschäftigte sich Leonardo da Vinci (1452-1519) intensiv mit dem Fliegen und entwarf verschiedene Flugzeuge. Seine kreativen Ansätze und seine ingenieur-wissenschaftliche Methodik hatten hierbei Pionierwert. Sein Vorgehen unterschied sich entscheidend von der Antike, da er in seinen Konstruktionen nicht mehr nur die Natur nachahmte, sondern Neues schuf.“

„Seine kreativen Ansätze und seine ingenieur-wissenschaftliche Methodik hatten hierbei Pionierwert“ 

Auch Leonardo da Vinci wurde Zeit seines Lebens praktisch „nur“ als Künstler angesehen. Erst als die Luftfahrt längst etabliert war, erkannte man seine wegweisenden Konstruktionen und Forschungen an. Die Geschichte der Luftfahrt wurde überwiegend von Nicht-Wissenschaftlern geschrieben. Es waren mutige Erfinder, Ingenieure – und teilweise sogar Künstler – die dem Menschheitstraum von Fliegen verwirklichten. Leider ist die Luftfahrt dorthin kein Einzelfall. Die Geschichte des Automobils und viele andere wegweisende Erfindungen wurden von Amateuren gemacht. Würde man alle diese technischen Errungenschaften beseitigen, würde von der modernen Zivilisation nicht mehr viel übrig bleiben.

Citizen Science: Ohne deren Erfinden würde von der modernen Zivilisation nicht mehr viel übrig bleiben

Wie geht die etablierte Wissenschaft mit diesem Phänomen eigentlich um? – Immerhin stehen Lehre und Forschung gleichberechtigt nebeneinander. Zwar schmücken sich offizielle Einrichtungen gerne mit großen Namen, aber verschweigen dabei nur allzu gerne, dass es eben keine etablierten Wissenschaftler waren. Dafür gibt es sogar einem Begriff: Citizen Science.

„Citizen Science wissenschaftliche Projekte unter Mithilfe oder komplett von interessierten Amateurinnen und Amateuren“ 

>>Citizen Science<<

„Sehr vereinfacht gesagt, werden in Citizen Science wissenschaftliche Projekte unter Mithilfe oder komplett von interessierten Amateurinnen und Amateuren [lat. amator “Liebhaber”] durchgeführt. Die Citizen Scientists formulieren dabei Forschungsfragen, melden Beobachtungen, führen Messungen durch, werten Daten aus und/oder verfassen Publikationen.“

„Analytischen Engpässe zu überwinden – Unter denen eine ganze Bandbreite an Disziplinen leidet“

>>Die zweite Renaissance von Ian Goldin & Chris Kutarna (Buch) <<

„Ihr Fehler bestand in erster Linie darin, alle Menschen, die keinen weißen Laborkittel tragen, von wissenschaftlicher Arbeit auszuschließen. Mithilfe eines Redesigns der Forschungsmethoden zur Fokussierung von Computern auf reine Rechenleistungen und eine Masseneinladung an Amateurforscher, ihre geistigen Fähigkeiten zur Verfügung zu stellen, gelingt es der »Citizen Science« allmählich, die analytischen Engpässe zu überwinden, unter denen eine ganze Bandbreite an Disziplinen leidet.“

„Die keinen weißen Laborkittel tragen“ – Citizen Science

Das ganze Phänomen beschränkt sich eben nicht nur auf technische Errungenschaften, sondern geht weit darüber hinaus. Als Charles Darwin seine Evolutionstheorie aufstellte, war er kein Naturwissenschaftler, sondern nur Theologe an Bord eines Schiffes. Die Liste an Beispielen lässt sich endlos fortführen. An Geld dürfte es der etablierten Wissenschaft wohl kaum mangeln, aber an fehlenden Mut: Eingefahrene Dogmen offen infrage zu stellen.

„Wissenschaftliche Expedition“ – Wenn Champagner und Kaviar ausgehen sollten?

In welchen absurden Gefilden sich die etablierte Wissenschaft bewegt, zeigt die Reise der Polarstern in die Arktis. Beim Versuch die Klimaerwärmung zu protokollieren, blieb das Schiff prompt im Packeis stecken. Allgemein hatte die Reise mehr mit einen Abenteuerurlaub auf Steuerzahlerkosten gemein, als mit einer wissenschaftlichen Expedition. So war das Gejammer am Bord natürlich groß, weil die Wissenschaftler nicht pünktlich – nach nur zwei Monaten – ausgetauscht werden können: „Aber das Team sei nun sehr erschöpft von der Arbeit und sehne sich nach einer entspannteren Zeit.“ Was bei dieser teuren Reise eigentlich erforscht werden sollte, das blieb das wohl gehütete Geheimnis der Wissenschaftler. Aber immerhin die „Verpflegung sei gut“ – frei interpretiert: Hoffentlich ging nicht der Champagner und Kaviar aus?

 

Werbung

Loading...
Bild: nordvpn.com
Scroll Up