Zusammenstoß der Kulturen: Die Meuterei in Europa? (2)

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Welche Rolle soll Europa in der Zukunft noch spielen? – Nach Samuel Huntington wäre diese Frage vollkommen überflüssig. Schließlich stellt die westliche Welt – samt Kultur, Technologie und Wissenschaft – den Nabel der Welt dar. China bleibt nach dieser Wertung einfach außen vor. Schon im 1. Teil wurde diese Grundannahme infrage gestellt.

Welche Rolle soll Europa in der Zukunft noch spielen?

Nach damaliger Lehrmeinung hätte es die Meuterei auf der Bounty nicht geben dürfen, da die Kultur der Polynesiern als unterlegen angesehen wurde. Heutzutage stellt sich umso mehr die Frage: Was die westlichen Gesellschaften für die durchschnittliche Bevölkerung überhaupt noch zu bieten haben?

Nabel der Welt? – Was können die westlichen Gesellschaften überhaupt noch bieten?

>>Spektrum.de<<

„Zusammenprall der Kulturen, clash of civilisation, cultural clash, umstrittener Begriff, der vom US-amerikanischen Politologen Samuel Huntington 1993 geprägt wurde. Huntington vertritt die These, dass durch die wachsenden fundamentalistischen Bewegungen in den Gesellschaften der einzelnen religiös geprägten Kulturräume die Konflikte zwischen diesen zunehmen. Nach dem Ende des Kalten Krieges bildet die Auseinandersetzung zwischen westlichen und nichtwestlichen Gesellschaften die Hauptkonfliktlinie der internationalen Politik.“

„Auseinandersetzung zwischen westlichen und nichtwestlichen Gesellschaften“

Die ganze Überheblichkeit rund um die sogenannten „westlichen Werten“ – oder verkürzt „Wertegemeinschaft“ lässt an seinem Erfinder Samuel Huntington festmachen. Noch immer wird die Phrase zur Rechtfertigung für alles mögliche verwendet. Natürlich kommt die Frage auf: Was sollen diese westlichen Werte oder westliche Welt überhaupt sein? Samuel Huntington hat einfach einen Kulturkreis erschaffen oder erfunden. Vereinfacht: Die westeuropäischen Staaten plus Kanada, USA, Australien und Neuseeland wurden zu einem imaginären Kulturkreis „Westliche Welt“ zusammengefasst. Nur echte Gemeinsamkeiten lassen dorthin kaum erkennen. In vielen Staaten ist noch immer ein König an der Macht und alleine der angelsächsische Kulturraum stellt ein eigenes Kapitel dar. Selbst das Thema Menschenrechte kann als Argument kaum gelten.

Gefangenenlager Guantánamo: Als Teil der westlichen Wertegemeinschaft

>>Amnesty International<<

„Seit Beginn des «Kriegs gegen den Terror» wird das Verbot von Folter und Misshandlung immer weiter aufgeweicht. Das Gefangenenlager Guantánamo wurde zum Symbol für Menschenrechtsverletzungen wie Folter und illegale Haft.“

„Gefangenenlager Guantánamo wurde zum Symbol für Menschenrechtsverletzungen wie Folter und illegale Haft“

Guantanamo ist ein amerikanische Militäreinrichtung und gehört damit zur „Wertegemeinschaft“ dazu. Auch andere Beobachter räumen ein: Interessen der USA und Europas lassen sich kaum miteinander vereinbaren.

„Universalität von Werten hat sich, ich sage es noch mal, als Irrtum erwiesen“

>>Es wird eine Rebellion geben von Frank A. Meyer (Buch) <<

„Europa muss erkennen, dass die Vereinigten Staaten und Europa, was ihre strategischen Interessen angeht, keineswegs in derselben Mannschaft spielen. Das haben unsere Politiker noch nicht begriffen. … Die Universalität von Werten hat sich, ich sage es noch mal, als Irrtum erwiesen. Die Vormacht des Westens vertritt in ihrer Politik Werte und legt Handlungsmuster an den Tag, die dem, was wir bislang für »westliche Werte« gehalten haben, diametral entgegenstehen.“

„Vereinigten Staaten und Europa“ – „Keineswegs in derselben Mannschaft spielen“

Ohnehin haben sich die westlichen Wertevorstellungen mehr zu einen Glaubensschema gewandelt. Überspitzt: Je größer das Sendungsbewusstsein, desto stärker werden die westlichen Werte betont. Das Spektrum geht bis zum missionarischen Eifer über.

„Wenn Werte zur Grundlage missionarischer Politik werden“ – „Weg in Sendungsbewusstsein und Ideologie die Folge“

>>Der erfolgreiche Abstieg Europas von Eberhard Sandschneider (Buch) <<

„Wenn Werte zur Grundlage missionarischer Politik werden, ist oft der Weg in Sendungsbewusstsein und Ideologie die Folge. Dies gilt erst recht, wenn sie konjunkturell behandelt werden, also immer dann ins Feld geführt werden, wenn es gerade politisch opportun erscheint. … Wer Wertedebatten führt, geht aufs Ganze – und riskiert eben seine Glaubwürdigkeit, wenn er Werte zu deren Nachteil mit anderen wichtigen Interessen abgleichen muss. An Jubiläums- und Gedenktagen wird von westlichen Politikern ein rhetorisch immer wieder zelebrierter Konsens wiederholt: Westliche Werte und vor allem Menschenrechte, so heißt es dann in den üblichen Reden, seien universell, Kernbestand unseres westlichen Wertesystems und zentrales Interesse unserer Außenpolitik.“

„Wer Wertedebatten führt, geht aufs Ganze – und riskiert eben seine Glaubwürdigkeit“

Die rhetorische Überheblichkeit des westlichen Wertesystems und die gelebte Wirklichkeit passen immer weniger zusammen: Noch immer wird gefühlt die USA als größter Wirtschaftspartner angesehen, obwohl die nüchternen Wirtschaftsdaten bei der Handelsbilanz etwas anderes aussagen.

„China ist der größte Handelspartner Deutschlands“

>>Focus<<

„China droht Deutschland bei Huawei-Ausschluss – China ist der größte Handelspartner Deutschlands. … Konkret wird Huawei dabei nicht unbedingt benannt, die Ausgestaltung der Gesetze zielt jedoch klar auf den Konzern ab, wie die Nachrichtenagentur Bloomberg im Dezember berichtete. Neben Regierungsmitgliedern sprachen sich beispielsweise auch Mitglieder des Telekom-Betriebsrats im vergangenen Jahr gegen Huawei aus.“

Lex-Huawei: „Ausgestaltung der Gesetze zielt jedoch klar auf den Konzern ab“

Die ganze Diskussion rund um den chinesischen Ausschluss beim Mobilfunkstandard mutet deshalb recht merkwürdig an: China hat die Technologie überhaupt erst entwickelt. Die vermeintlichen Vorreiter von Freiheitsrechten und Marktwirtschaft müssen also zu unlauten Methoden greifen, um wenigsten die heimischen Marktanteile zu behalten. Aber diese ganze Posse wirft exemplarisch viel grundsätzlichere Fragen auf. Welche Rolle soll Europa in der Zukunft noch spielen?

Stellt die westliche Welt wirklich den Nabel der Welt dar?

Nach Samuel Huntington – wie auch anderen Denkern – stellt die westliche Welt – samt Kultur, Technologie und Wissenschaft – den Nabel der Welt dar. – Nur, welche aktuellen Fakten sollen dieses Bild noch rechtfertigen? Beinahe jedes Stück moderner Technologie wurde entweder in China entwickelt oder dort gefertigt. Der Bürocomputers A7100 von Robotron kann im Museum bestaunt werden. Ob sich im schnelllebigen IT-Welt, die gegenwärtig dominierenden US-Firmen langfristig halten können: Auch diese Grundnahme darf bezweifelt werden, was die Entwicklung rund um Xiaomi zeigt.

Europäischer Bürocomputers A7100 von Robotron: Als Museumsexponat zu bestaunen

>>Stadt Bremerhaven<<

„Da prüfte man drei chinesische Smartphones im Hinblick auf mögliche Sicherheitsmängel und erhob vor allem gegen Xiaomi schwere Vorwürfe. … Chinesische Unternehmen unter Generalverdacht zu stellen, ist da sicherlich genauso wenig zielführend, wie das Ausblenden der Bedenken. Ich selbst bin also durchaus gespannt, zu welchen Ergebnissen man beim BSI letzten Endes kommen wird.“

„Chinesische Unternehmen unter Generalverdacht zu stellen“

Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik sieht ansonsten bei der Fragen zur IT-Sicherheit gerne mal großzügig über alle Bedenken hinweg: Schließlich könnte Edward Snowden problemlos tiefere Einblicke gewähren. Aber diese Sichtweise wäre wohl unangebracht. Vereinfacht: Die eine Seite der Welt bekommt pauschal einen Heiligenschein ausgestellt, während die andere Seite der Welt mit einem permanenten Generalverdacht leben muss, was die Diskussion rund um Huawei und Xiaomi zeigt.