An der Front der Geschichtsschreibung: Im Niemandsland zwischen ideologischen Sichtweisen

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Anders als vielfach dargestellt, ist die offizielle Geschichtsschreibung häufig von ideologischen Sichtweisen geprägt. Am Beispiel Irland treten solche Konflikte deutlich hervor: Trotz gemeinsamer Vergangenheit könnte die Geschichtsschreibung zwischen Angelsachsen und Kelten kaum unterschiedlicher ausfallen. Die staatlichen Historiker wurden in die jeweils eigene Machtpolitik integriert. Am Beispiel Irland und England treten solche Konflikte recht offen hervor. Die ersten Angelsachsen haben noch die Römer in der Antike ins Land geholt und der somit entstandene schwelende Konflikt hält bis in die Gegenwart auf allen möglichen Gebieten – so auch in der Geschichtsschreibung – an.

Nordirlandkonflikt an der Front in der Geschichtsschreibung: An der Front zwischen Kelten und Angelsachsen

>>Die Kelten von Bernhard Maier (Buch) <<

„Sprache, Literatur und Kultur der Kelten sind bis in unsere Tage in der Bretagne, in Schottland, Wales und Irland lebendig geblieben. Lebendig geblieben sind aber auch die Folgen der Eroberungs- und Machtpolitik Englands seit dem Mittelalter in den keltisch besiedelten Regionen der Britischen Inseln. Wirtschaftliche, soziale, kulturelle und religiöse Spannungen in diesen Gebieten legen bis heute davon beredtes Zeugnis ab.“

„Kulturelle und religiöse Spannungen in diesen Gebieten legen bis heute davon beredtes Zeugnis ab“

Der Nordirlandkonflikt dürfte sicherlich das bekannteste jüngere Beispiel sein. Der Konflikt wird meist auf religiöse Differenzen zwischen Katholiken und Protestanten reduziert, aber eigentliche Ursache ist vermutlich ganz woanders zu suchen: Trotz einer rund zweitausendjährigen gemeinsamen Geschichte sind Angelsachsen und Kelten nie wirklich „Freunde“ geworden.

Staat Irland: Warum Keltisch ist Keltisch dort eine Amtssprache?

Sicherlich keineswegs umsonst ist die offizielle Amtssprache in unabhängigen Staat Irland nicht Englisch, sondern Keltisch geworden. Solche Konflikte machen natürlich nicht vor der offiziellen „Geschichtsschreibung“ und der damit verbundenen spürbaren Geschichtsvereinnahmung halt.

„Rekonstruierte Realität“ – In der Geschichtsschreibung

>>Von Zeit und Macht: Herrschaft und Geschichtsbild vom Großen Kurfürsten bis zu den Nationalsozialisten von Christopher Clark (Buch) <<

„Zu den ersten Historikern, die über die Implikationen dieser theoretischen Strömungen für die Geschichtsschreibung nachdachten, zählt Marc Bloch, der ein kurzes Unterkapitel seines Standardwerks aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, Apologie pour l’histoire ou Métier d’historien (deutsch Apologie der Geschichtswissenschaft oder Der Beruf des Historikers) dem Problem der »historischen Zeit« widmete. Im Gegensatz zur »künstlich homogenen« und abstrakten Zeit der Naturwissenschaften sei, so Bloch, »die Zeit der Geschichtswissenschaft« als »konkrete und lebendige Realität, in der Unumkehrbarkeit ihrer Dynamik rekonstruierte Realität […] das Plasma, in dem die Phänomene verschwimmen, der Ort ihrer Verstehbarkeit«. In ihrem Kern herrsche eine unauflösliche Spannung zwischen Kontinuität und »ständiger Veränderung«.

„Zeit der Geschichtswissenschaft“ – Vom Herodot bis zur Gegenwart

Heutzutage wird gerne vieles auf ein sehr kindliches Niveau heruntergebrochen und dann als unumstößliche „Wahrheit“ verkauft. Gewiss mag zwei mal zwei gleich vier sein. Aber bei komplizierten mathematischen oder physikalischen Gleichungen können in der Praxis ganz schnell Ungenauigkeit auftreten. Die zukünftige Flugbahn eines weit entfernten Kometen lässt beispielsweise nicht exakt berechnen.

„Rekonstruierte Realität“ – Zwischen gefälschten Artefakten und fragwürdigen Altersbestimmungen

Vergleichbare Probleme treten ebenso in der Archäologie und Historikerforschung auf. Zeitgenössische Berichte von antiken Autoren sind häufig eingefärbt und spiegeln nur eine begrenzte zeitgenössische Sichtweise wider, deren „Wahrheitsgehalt“ sollte nur mit äußerster Vorsicht genossen werden. Schon beim „Vater“ der Geschichtsschreibung Herodot drängt sich die Frage auf: Ob er eher ein Historiker oder nur phantasiereicher „Geschichtenerzählerwar?

War der antike Herodot ein Historiker oder nur phantasiereicher Geschichtenerzähler gewesen?

Auch archäologische Funde können mitunter nur begrenzt Auskunft geben. Bei der Altersbestimmung des Neandertalers hat man sich um mehrere tausend Jahre vertan. Selbst die Altersbestimmung mit der C-14-Mehtode bringt zum Teil recht fragwürdige Ergebnisse hervor. Zudem kommt noch ein blühender Markt an gefälschten historischen Artefakten hinzu.

„Kriegerischen Auseinandersetzungen des 10. und 11. Jh. manchmal bis zur Unkenntlichkeit überprägt bzw. einseitig verzerrt“

Aber die mit Abstand allergrößte „Ungenauigkeit“ dürfte – wie im Buch von Von Zeit und Macht des Auturs Christopher Clark – die Geschichtsschreibung sein. So auch die heutige Geschichtsschreibung über Heinrichs I. und seine slawische Landnahme dürften hierbei kaum Zweifel offen lassen. Vollkommen unreflektiert und kritiklos werden diese blutigen Kriegszüge vielfach noch heute durch Historiker gewürdigt.

„Forschungsgeschichtlich bedingten Problem sind es ideologische Sichtweisen“

>>Archäologie in Deutschland (Heft) <<

„Die Kriegszüge Heinrichs I. spielten dabei eine besondere Rolle, schreibt man diesem König doch die Eroberung der heutigen Oberlausitz in den Jahren 928/ 929 bzw. 932 zu. Immer noch ist in diesem Zusammenhang von der Errichtung der deutschen Herrschaft die Rede, wohl verkennend, dass etablierte politische Strukturen in diesen Jahrhunderten nicht einmal ansatzweise erkennbar waren. Damit berühren wir eines von zwei gravierenden Problemfeldern, die mit der Betrachtung des slawischen Mittelalters der Oberlausitz verbunden sind. Neben einem forschungsgeschichtlich bedingten Problem sind es ideologische Sichtweisen, welche die slawische Landnahme, den Landesausbau und die kriegerischen Auseinandersetzungen des 10. und 11. Jh. manchmal bis zur Unkenntlichkeit überprägt bzw. einseitig verzerrt haben. Hier ist auf den Versuch der »Germanisierung« Ostmitteleuropas zu verweisen, der nach 1918 mit Begriffen wie »Grenzkampf« die sorbische Oberlausitz erfasste und sich auch archäologisch-historischer Argumente bediente.“

„Kriegszüge Heinrichs I.“ – Warum blutige Eroberungskriegszüge als gute Sache bei vielen Historikern in Erscheinung treten?

In dieser Epoche wurden – ausnahmslos alle – slawischen Burgwalle zerstört. Bei der heutigen Slawenburg Raddusch handelt es sich lediglich um einem neuzeitlichen Nachbau. Die allermeisten slawischen Burgwälle hat man der Natur überlassen und irgendwie scheint sich dafür auch kein neuzeitlicher Denkmalschutz zuständig zu fühlen. Daher sind Anlagen wie die Römerschanze heutzutage im Wald kaum auszumachen.

„Imposantesten Burgwallanlagen – Deren Entstehung auf etwa 1200 v. Z. datiert wird“ 

>>Die Lausitzer von Günter Wermusch (Buch) <<

„Auf dem Gebiet der Lausitzer Kultur sind bislang etwa 150 befestigte Siedlungen, davon 30 in der Mark Brandenburg, bekannt. Auf die Reste einer der imposantesten Burgwallanlagen, deren Entstehung auf etwa 1200 v. Z. datiert wird, trifft man in der Nähe von Sacrow bei Potsdam. 19 Meter über dem Ufer des Lehnitzsees gelegen, erstreckte sie sich über eine Fläche von zwei Hektar, war von einem sechs Meter hohen Ringwall in Holz-Erde-Konstruktion umgeben und beherbergte schätzungsweise 1000 Menschen. Die im Volksmund „Römerschanze“ genannte Anlage wurde von den Slawen bis Anfang des 13. Jahrhunderts n. Z. genutzt. Das ursprüngliche Gebiet der Lausitzer Kultur war von sesshaften Bauern besiedelt. Die lernten sehr bald, durch gemeinschaftliche Unternehmungen Wasserläufe zu regulieren, Kanäle zu graben und Neuland urbar zu machen, das entweder zu trocken oder zu feucht war. Sie legten Dämme an, um Wasser zu speichern und damit das Land in sommerlichen Trockenzeiten zu bewässern.“

„Das ursprüngliche Gebiet der Lausitzer Kultur war von sesshaften Bauern besiedelt“

Die Burgwallanlage wurde also rund 2.500 durchgehend genutzt. Die landläufig als Römerschanze bezeichnete Anlage will sich nicht so recht ins verbreitete amtliche Geschichtsbild über die Sorben einfügen und so traut sich kaum ein Historikerder seinem Posten an der Universität behalten will – an die Erforschung heran.

 

–W E R Β U Ν G–

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