Antike – Renaissance – Gegenwart: Warum Nacktheit in der Kunst als Gradmesser der Aufklärung taugt

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Nacktheit in der Renaissance“ – So hat einst ein (sinngemäß-übersetzter) Titel einer Ausstellung in London gelautet. Darin wurde über 500 Jahre alte Kunst präsentiert. Die ausschließlich gemalten Zeichnungen – Fotoapparate wurden erst später erfunden – lösen noch heute teilweise kontroverse Reaktionen aus. Ohnehin lassen sich in den gängigen sozialen Netzwerken viele Bilder und Skulpturen – ohne Zensur befürchten zu müssen – nicht mehr zeigen. Die Kunstwerke selbst blieben über die Jahrhunderte unverändert: Aber der moralische Kompass und Toleranz haben sich offenbar verschoben. Deshalb drängt sich die Frage auf: Ist Europa hinter das Zeitalter der Aufklärung zurückgefallen?

„Nacktheit in der Renaissance“ – „Ungezogen, ausgezogen“

>>Der Tagesspiegel<<

„Nacktheit in der Renaissance“ – Ungezogen, ausgezogen – Auf diese Weise wird die Renaissance, die im Ausstellungstitel zitiert wird, als eine sehr viel differenziertere Epoche sichtbar, als es die Beschränkung auf die Wiederentdeckung antiker Schriften im Italien vor allem des 15. Jahrhunderts suggeriert.“

„Wiederentdeckung antiker Schriften im Italien vor allem des 15. Jahrhunderts“

Allgemein läutet die Renaissance das Ende des finsteren Mittelalters und Beginn der Neuzeit ein. In der Renaissance wurde – soweit vorhanden – das antike Wissen aufgegriffen und versucht es weiterzuentwickeln. Die beschriebene „Nacktheit in der Renaissance“  kann also als Ausdrucks des freien Denken gewertet werden. Ebenso in anderen Bereichen fand eine parallele Entwicklung statt.

„Pflege der Kunst der Konversation und mit ihr das «Prinzip Streit» zählen zu den bedeutenden Errungenschaften“

>> Der Morgen der Welt – Geschichte der Renaissance von Bernd Roeck (Buch) <<

„Die Pflege der Kunst der Konversation und mit ihr das «Prinzip Streit» zählen zu den bedeutenden Errungenschaften der Renaissance. Im Streit zeigen sich Schwachstellen der Argumentation und Risse in den Fundamenten wissenschaftlicher Kathedralen; kritische Dialoge begleiteten technische Fortschritte von jeher. Vorangetrieben und begleitet wurde die Kunst des Streits von intellektuellen Umbrüchen: einem methodischen Paradigmenwechsel, der unter das Stichwort «Scholastik» gebracht zu werden pflegt, und dazu, Ausdruck des veränderten intellektuellen Stils, der Ausbreitung der von der Antike erlernten Rhetorik, die auch Galileis Traktat trägt. Renaissance, das heißt: Antikes in Fülle aufgreifen, es weiterdenken, Neues daraus entwickeln, schließlich das Alte überwinden.“

Renaissance: „Antikes in Fülle aufgreifen, es weiterdenken, Neues daraus entwickeln, schließlich das Alte überwinden“

Weniger der „richtige Glauben“ sondern eher die intellektuelle Auseinandersetzung war zu jener Zeit in der Renaissance gefragt. Wie offen und tolerant der Debattenraum gewesen sein muss: Das lässt sich an den erhaltenen Kunstwerken leicht nachvollziehen.

„In der Renaissance wird die Nacktheit zelebriert“

>>Humboldt-Universität zu Berlin<<

„In der Renaissance wird die Nacktheit zelebriert“

Nackte Skulpturen aus der Antike kennen die meisten, wie sah es im Mittelalter aus?

Dr. Nicole Hegener: Auch die mittelalterlichen Bildhauer schufen unverhüllte Plastiken, meist christlicher Thematik: Adam und Eva, Verdammte in der Hölle, Märtyrer, die gegeißelt werden und Christus selbst, der vor der Renaissance nie ganz nackt gezeigt wird. Während diese leiden oder sich genieren wird die Nacktheit in der Renaissance zelebriert: In keiner anderen Epoche seit der Antike finden sich so zahlreich und vielfältig Aktdarstellungen antiker Götter, Helden und Fabelwesen: Apoll und David, Herkules und Merkur, Faune und Wettkämpfer.“

Renaissance: „Zahlreich und vielfältig Aktdarstellungen antiker Götter, Helden und Fabelwesen“

Vorwiegend wurden in der Renaissance fiktive Ereignisse aus der griechischen und römischen Götterwelt nachgezeichnet. Damals muss die Toleranz der Gesellschaft größer gewesen sein als in der Gegenwart: Denn genau die selben Bilder werden in der heutigen Zeit wegzensiert und diese Erfahrung musste auch die Stadt Wien machen.

„Unerschrockene Darstellung des nackten menschlichen Körpers bekannt“

>>Wiener Tourismusverband<<

„Wien unzensiert – auf OnlyFans – Wien ist und war Zuhause einiger der bekanntesten Künstler der Welt. Darunter Egon Schiele und Koloman Moser, deren künstlerische Arbeit die Grenze dessen, was in der Gesellschaft als „akzeptabel“ gilt, immer wieder verschoben hat. Ihr Schaffen hat die Kunst nachhaltig verändert. Doch sie sind auch für ihre unerschrockene Darstellung des nackten menschlichen Körpers bekannt. … So ist es auch keine Überraschung, dass ihre Arbeiten vor über 100 Jahren Opfer der Zensur geworden sind. Aber ihr Kampf gegen Zensur ist auch 100 Jahre später noch nicht ausgefochten. Mit dem Aufkommen von Social Media sind Verbote und Sperren wieder zurück im täglichen Geschehen. Denn einige der bekanntesten Social Media-Kanäle wie Instagram und Facebook unterziehen nackte oder „unanständige“ Inhalte einem strengen Blick.“

„Aber ihr Kampf gegen Zensur ist auch 100 Jahre später noch nicht ausgefochten“

Die ganze Debatte dreht sich weniger um „Nacktheit“ herum, sondern sie kann als Gradmesser einer Gesellschaft betrachtet werden. Zugleich sind die kritisierten sozialen Netzwerke genauso in anderen Ländern aktiv, wo der Grad der Toleranz weitaus stärker ausgeprägt zu sein scheint.