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„Notfallbedarf zu disziplinieren zu kanalisieren zu ökonomisieren und künstlich zu verknappen“

Screenshot youtube.com

Die Notfallversorgung wird massiv zusammengestrichen. Viele Kliniken müssen die Versorgung im Ernstfall einstellen: Weil keine Mittel mehr zukünftig gezahlt werden. Besonders Patienten im ländlichen Raum müssen deswegen lange Wege im Kauf nehmen.

>>Ärzte Zeitung<<

„Der Gemeinsame Bundesausschuss GBA hat am Donnerstagnachmittag einen Beschluss gefasst, der die Notfallversorgung in Deutschland tief greifend verändern könnte. 628 Kliniken sollen keine Zuschläge mehr für die Notfallversorgung erhalten. Den Häusern wird allerdings eine Übergangsfrist gewährt, in der sie ihre Strukturen anpassen können. Auch bei der ambulanten Notfallversorgung geraten die Krankenhäuser unter Druck. Ein Gutachten des RWI – Leibnitz-Institut für Wirtschaftsforschung, das am Vormittag vorgestellt worden war, geht von mehr als 700 Krankenhäusern aus, die für die ambulante Notfallversorgung nicht benötigt würden. Exakt 736 gemeinsam von KVen und Krankenhäusern betriebene Notfallzentren sollen laut RWI-Analyse ausreichen. Das Institut hat im Auftrag der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) infrage kommende Standorte für Notfallzentren identifiziert. Hauptkriterien waren die Erreichbarkeit binnen 30 PKW-Minuten und die Ausstattung. 99,6 Prozent der Bevölkerung könnten mit diesem Modell versorgt werden, sagte Professor Boris Augurzky vom RWI bei der Vorstellung des Gutachtens am Donnerstag in Berlin. Das Konzept werde der Realität nicht gerecht, hieß es dazu aus der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Es seien schließlich die Menschen, die die Krankenhäuser als Versorger wählten. Die Kliniken seien verpflichtet, die Menschen zu behandeln, die sich an sie wendeten. … Rund 20 Millionen Patienten im Jahr zählen der vertragsärztliche Bereitschaftsdienst und die Notfallambulanzen der Kliniken zusammen. Der auf die Krankenhäuser entfallende Anteil wird aufwachsend auf rund die Hälfte geschätzt. Schon heute betreiben die KVen 650 Bereitschaftsdienstpraxen an Krankenhäusern. Union und SPD haben sich im Koalitionsvertrag jetzt darauf verständigt, die Sicherstellung der Notfallversorgung den Vertragsärzten und den Krankenhäusern gemeinsam anzuvertrauen. Voraussichtlich im Juli will der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen Vorschläge für Organisation und Betrieb solcher Integrierter Notfallzentren an Kliniken vorlegen. Die KBV-Spitze hält den Ausschluss von rund der Hälfte der bisher an der Notfallversorgung teilnehmenden Krankenhäuser für gerechtfertigt. KBV-Chef Dr. Andreas Gassen räumte ein, dass in strukturschwachen Regionen auch defizitäre Notfallzentren betrieben werden müssten. Das Gutachten beziffert die voraussichtlichen Defizite der Sicherstellung auf bis zu 400 Millionen Euro im Jahr bei einem Rund-um-die-Uhr-Betrieb von 736 Notfallzentren.KBV-Vize Dr. Stephan Hofmeister forderte zusätzliches Geld für die neue Infrastruktur.“Das muss als gesamtgesellschaftliche Aufgabe begriffen werden“, sagte Hofmeister. Anspruchsvoll ist auch die Besetzung der Zentren mit Ärzten. Um 24 Stunden an sieben Tagen der Woche offen bleiben zu können, benötigt ein solches Zentrum ausweislich des Gutachtens die Arbeitskraft von 5,5 Ärzten am Tag.“

 

>>Dr. med. Thomas Georg Schätzler<<

„Notfallversorgung in Deutschland dilettantisch!

Die Vorgabe sei, dass Patienten innerhalb von 30 Minuten mit ihrem Auto die Portalpraxis einer Kassenärztlichen Vereinigung (KV) erreichen können. „Damit die Patienten das schaffen, bräuchten wir in Deutschland 736 Portalpraxen“, erklärte der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), der orthopädische Kollege Dr. med. Andreas Gassen.

Dies impliziert,

– dass jedem Notfallpatienten, von Hartz IV bis zum Bankdirektor, PKWs zur Verfügung stehen,

– dass jeder „Notfallpatient“ so gesund sein muss, dass er Auto gefahrlos fahren kann und darf,

– dass Notfallpatienten gar nicht so krank sein können, wenn sie noch mit Motorkraft bzw. mit ÖPNV oder zu Fuß das Notfallzentrum erreichen.

Im Übrigen hat die Bundesrepublik Deutschland ein Fläche von 357.376 km². Bei einem Rund-um-die-Uhr-Betrieb von 736 Notfallzentren, wie von KBV-Vize Dr. med. Stephan Hofmeister gefordert, sind das 1 Notfallzentrum auf 486,56 km². Berücksichtigt man jetzt noch ein Stadt-Land-Gefälle bzw. Ballungszentren, soziale Brennpunkte und strukturschwache Regionen mit erhöhtem Versorgungs- und Betreuungsbedarf bei defizitären Familien-, Haus- und Facharzt-Strukturen, merkt man sofort, dass es hier nicht um verbesserte medizinische Patienten-Versorgung und bio-psycho-soziale Hilfen in echt bedrohlichen oder subjektiv vermeintlichen Notfällen geht, sondern um den Versuch, den Notfallbedarf zu disziplinieren, zu kanalisieren, zu ökonomisieren und künstlich zu verknappen, ohne an objektive medizisch begründete Aufgreifkriterien anzuknüpfen.“

 

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