Rentnergeneration „Tafel“ – „Für diese Generation das Symbol ­eines sozialen Abstiegs“

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Die gegenwärtige Rentnergeneration kann als Generation des sozialen Abstiegs bezeichnet werden: Das ist keine böswillige Verunglimpfung, sondern viele Betroffene sehen ihre Lage selbst so. Und manchmal reicht das Geld noch nicht mal mehr für die Tafel aus.

„Fast alle meine Gesprächspartnerinnen nutzen die Tafeln“ – „Dabei sind Tafeln gerade für diese Generation das Symbol ­eines sozialen Abstiegs“

>>Schamland – Die Armut mitten unter uns von Stefan Selke (Buch) <<

„Nach ihrer Lehre heiratete Frau L. Und tat, was damals viele taten. »Ich habe mir meine Rente auszahlen lassen. Das war damals so modern. … Dann habe ich die Kinder großgezogen. Da konnte ich sowieso nicht arbeiten. Mein Mann ist schon mit 53 Jahren gestorben. Dann kam der große Hammer. Ich musste zum Amt gehen. Die Rente war ja weg. Deshalb bekomme ich jetzt nur Grundsicherung.« Und dann erzählt sie, wie die Tafeln in ihr Leben kamen. »Ich bekam ein Schreiben vom Amt. Darin stand, dass ich berechtigt bin, zur Tafel zu gehen. Das war, noch bevor die Tafel in un­serem Ort eröffnete.« Fast alle meine Gesprächspartnerinnen nutzen die Tafeln. Dabei sind Tafeln gerade für diese Generation das Symbol ­eines sozialen Abstiegs, den man sich im Traum nicht hätte vorstellen können. Frau M. macht deutlich, wie sich das für sie anfühlt. »Man kommt sich vor wie jemand, der unter der Brücke lebt.« Frau B. hat manchmal sogar zu wenig Geld für die Tafel. »Dann muss ich den einen Tafel-Euro anschreiben lassen. Was soll ich machen? Ich habe kein Geld.“

„Man kommt sich vor wie jemand, der unter der Brücke lebt“

Dieses Buch zählt viele solche und vergleichbare Schicksale auf. Die Altersarmut ist längst in der Breite der Gesellschaft angekommen. Dagegen wird meist der sogenannte „Eckrentner“ gehalten.

„Der Eckrentner hat mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun“

>>Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft<<

„In der gesetzliche Rentenversicherung taucht er immer wieder auf: der sogenannte Eckrentner. Er dient als Bezugsgröße für die Berechnung des Rentenniveaus. … „Der Eckrentner hat mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun. Niemand verdient ein Leben lang exakt das Durchschnittseinkommen“, sagt … vom Wirtschaftsforschungsinstitut Prognos. Denn das wahre Leben hat wesentlich mehr Ecken und Kanten: Längere Berufsausbildung, Ausfallzeiten, Kindererziehung und mehrere Jobwechsel gehören inzwischen zur Normalität. „All das passiert dem Eckrentner nicht”, … „

„Längere Berufsausbildung, Ausfallzeiten, Kindererziehung und mehrere Jobwechsel gehören inzwischen zur Normalität“

Gerade am sogenannten „Eckrentner“ zeichnet sich die ganze unsoziale Praxis ab. Denn die Pflege von den eignen Eltern oder Kindern wird bei der späteren Rente bestenfalls nur marginal berücksichtigt. Genauso wenig kommen Ausfallzeiten wegen Krankheiten vor. Nach irgendwelchen sozialen Aspekten wird man in der Rentenversicherung lange suchen müssen. Am Ende bleibt nur der Name „Sozialversicherung“ als leere Hülle übrig. Vermutlich wurde die fiktive Person des „Eckrentners“ als Positiv-Beispiel erfunden: Denn seine Rente kann sich durchaus sehen lassen. Aber mittlerweile können nicht einmal mehr die 45 Jahren Vollzeitarbeit eines „Eckrentners“ für eine ansehnliche Rente ausreichen.

„Inakzeptabel“ – „Beschäftigten nach 45 Jahren Vollzeitarbeit nur eine schmale Rente drohe“

>>Nachrichtens<<

„Linken-Fraktionschef … nannte es inakzeptabel, dass einem Drittel der Beschäftigten nach 45 Jahren Vollzeitarbeit nur eine schmale Rente drohe. Die Zahlen der Bundesregierung zeigten, „dass viele Arbeitnehmer nicht nur zu wenig verdienen, sondern auch zu wenig Rente für ihre Lebensleistung erhalten“. Es untergrabe das Vertrauen in die gesetzliche Rentenversicherung, „wenn nach einem kompletten Arbeitsleben nur wenige hundert Euro über Hartz-IV-Niveau bleiben“.

„Wenn nach einem kompletten Arbeitsleben nur wenige hundert Euro über Hartz-IV-Niveau bleiben“

Die „wenige hundert Euro über Hartz-IV-Niveau“ könnte es trotzdem eng werden: Denn auf die Bruttorenten müssen nicht nur Sozialversicherungsbeiträge, sondern auch Steuern bezahlt werden. Immerhin hat das Bundesarbeitsministerium eine schmissige Erklärung parat.

Sinkende Realeinkommen versus „Dass es in Zukunft zu Lohnerhöhungen kommen kann“ 

>>FinanzNachrichten.de<<

„Das Bundesarbeitsministerium verwies in seiner Antwort hingegen darauf, dass die Auswertung der Zahlen keine direkten Aussagen zur Verdiensthöhe im Lauf eines gesamten Arbeitslebens zulasse. Hintergrund ist, dass es in Zukunft zu Lohnerhöhungen kommen kann, die für die aktuellen Erhebung aber nicht berücksichtigt werden konnten. Ferner betonte die Regierung, aus erworbenen Rentenansprüchen könnten „grundsätzlich keine Rückschlüsse auf den Lebensstandard im Alter gezogen werden“, da etwa weitere Alterseinkommen außerhalb der gesetzlichen Rentenversicherung berücksichtigt werden müssten.“

„Grundsätzlich keine Rückschlüsse auf den Lebensstandard im Alter gezogen werden“ – Stimmt es wirklich?

Zukünftige Lohnerhöhungen bei sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungen? – Die Realeinkommen – abzüglich der Inflation – sind in den letzten Jahren massiv gesunken und diese Entwicklung wird sich mit hoher Wahrscheinlichkeit fortsetzen oder sogar noch beschleunigen. Dennoch dürfte die andere Aussage noch viel erstaunlicher sein: „grundsätzlich keine Rückschlüsse auf den Lebensstandard im Alter gezogen werden“ – Diese Aussage könnte man bestenfalls noch als grobe Dummheit bewerten, aber eigentlich handelt es sich um Unfug: Denn das Bundesministerium der Finanzen könnte problemlos Zahlen liefern, da alle Einkommensarten bei der Steuererklärung angegeben werden müssen.

Warum „Alterseinkommen“ bei der Tafel aufgebessert werden müssen

Zugleich lässt der Standpunkt „weitere Alterseinkommen außerhalb der gesetzlichen Rentenversicherung berücksichtigt werden müssten“ tief blicken. Die finanzielle Belastung durch Steuern, Gebühren und Sozialabgaben – wie der Rentenversicherung –  lässt kaum Spielraum für Vermögensbildung zu: Aber genau auf diese Tatsache stellte die Bundesregierung ab, um die Altersarmut zu relativieren. Stattdessen müssen „Alterseinkommen“ bei der Tafel aufgebessert werden.